Ausgabe 
10.12.1845
 
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Gxtra - Beilage zn eW*r. des Anzeigeblatts für die Stadt und den Kreis Gießen.

Aufruf

zur

Gründung eines Rettungsvereins für unglückliche Kinder.

Gs ist Niemanden unbekannt, wie es ergreift, wenn wir Kinder das traurige Loos drückender Armuth leiden, sie Noch und Elend, Hunger und Blöße ertragen sehen. Aber zum Entsetzen wird der Anblick, wenn dieses Elend sich-mit Laster und sittlichem Verderben verbindet. Und wie nahe steht die äußere Noch dem innere Verderben, wie leicht führt das Elend der Armuch in das Unglück des Verbrechens. Was füllt die Gefängnisse und giebt dem Schwerdte des Nachrichters seine traurigen Opfer f Meist die Noch und das Elend in Verbindung mit dem Verbrechen! Armuth schändet nicht, aber Armuth, Elend und Verbrechen verbiinden lasten sehen auf Einem Menschen, und gar aus dem schuldlosen Kinde, das ergreift den Menschen mit Entsetzen und Schauder. , , .,,

Solches Elend ergriff im vorigen Jahrhundert einen edlen Schweizer rn solchem Grade, daß er demselben abhelfen wollte und zu können glaubte. Er war Theologe und wurde Rechtsgelehrter, um mehr dafür thun zu können. Und da es ihm auch hier nicht gelingen sollte, rief er aus: So will ich denn «Schulmeister werden! Und er wurde auch Landwirth, damit er Unterricht und Arbeit, Einsicht und Fleiß dem armen Volke vereinigt geben könne, kaufte Güter und baute Häuser und ging auf die Straße und in die Statten des Elends, um die Kinder dem Bettel und dem Jammer zu entreißen. Bald hatte er eine große Zahl, die er nährte und pflegte und als Vater unterrichtete und liebte. Das war der Vater Pestalozzi, der edle Schweizer, und das that er in seinem Jugendalter, unterstützt von seiner edlen Gattin Anna Liner Patrizierfamilie in Zürich angehörig opferte der edle Mann die Güter seines Belitzes und die Ruhe seiner Lebens, nm Ernährer, Pfleger, Lehrer und Vater den elenden und verdorbenen Bettelkindern < zu weiten. U,id wenn er auch bald seine Güter zu klein, oft feine Kräfte zu gering, manchmal fernen Muth gebrochen, und vielfach Verderben und Elend zu groß erkannte, seine Liebe für das Volk blieb dieselbe, fein ff lau für dessen Rettung unverrückt in Mitten der Noch, der Armuth, der Verwirrung, dcö Elendes bis zur Verzweiflung. Denn Er war arm und zum Spotte geworden unter denen, die er der Armuth und dem Elend entreißen wollte und nicht konnte. Selbst arm, verlassen und verlacht, verließ ihn doch nicht diese Liebe, verlor er doch nicht den Plan seines Lebens. Und so bat er für die Idee einer Erziehung, die daö Volk dem äußern und inner» Elende entreißen und glücklicher machen könnte, ein ganzes Leben, von mehr als achtzig Jahren, gearbeitet, gekämpft, geduldet und gelitten; er hat den Schmerz seines Lebens mit ins Grab genommen rmd die Vollendung seiner Idee der Nachwelt hinterlassen ,

Einsam ruht seine vor 19 Jahren in das Grab gelegte Asche auf dem Birrftlde, wo er m der Jugend arm geworden um der Bettler willen; seine Leiche wurde vorbeigetragen an einem unvollendeten Armenhaiise, das noch der achtzigjährige Greis zu bauen angefangen hatte.

Nachdem daö rastlose Streben des Mannes für Minderung der Noch und des sittlichen Elendes ihn zum Lehrer gemacht hatte, und er unablässig nach den Erziehungs- und Unterrichtsmitteln suchte, welche den Jammer und das sittliche Verderben verbannen könnten, da ertönte sein Ruhm in alle Länder Europas bis nach Amerika hin. Jünglinge und Männer zogen zu ihm und wurden gesendet, daß sie die Begeisterung in ihre Heimath zurückbrächten; das Schloß in Yverdon wurde zum Tempel der Wallfarth und Fürsten huldigten dem großen Manne. Nachdem feine Liebe und fein Herz oft gebrochen an dem Elende des Volkes und an der eignen Schwäche, und noch öfter sich aufgerichtet hatte in dem Vertrauen auf Gott und tn die aufzufindenden bessern Erziehungmittel; nachdem die Begeisterung an seinem Leben und ^tnin und das Ergreifen feiner Bestrebungen die Volksschulen Deutschlands und anderer Länder auf ihre jetzige stuft erhoben haben, da ertönt nun von allen Seiten die Stimme der Erinnerung für den fast vergessenen Vater Pestalozzr, da sucht inan nun von allen Seiten sein Werk von Außen und Innen weiter zu fördern. Der am 12. Januar 1846 eintretende hundertste Geburtstag Pestalozzi's soll ein Tag humaner Erhebung für die Menschen werden; es soll dem Vater Pestalozzi ein Monument gesetzt werden von Vielen, und tn vereintem Wollen gethan werden wie Er that. Das ist die Erndte der Saat, daö der Segen Gottes.