Ausgabe 
5.11.1845
 
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Anzeigeblatt

für die Stadt und -en Kreis Gießen.

JK 89. Mittwoch den A. November 18^3.

Amtliche Bekanntmachung.

Die nachstehenden Mahnungen und Rathschläge in Bezug auf die dießjährige Kartoffelerndte bringt man im Interesse des Publikums hierdurch zur allgemeinen Kenntniß.

Gießen den 31. October 1845. Der Großherzogl. Hess. Kreisrath des Kreises Gießen.

Prinz.

Mahnungen und Rathschläge in Bezug auf die dießjährige Kartoffelernte.

I. Die Behandlung der angefaulten oder der Fäule verdächtigen Kartoffeln.

Vor Allem muß der bin und wieder verbreiteten Ansicht, als seien Kartoffeln dieser Art für den menschlichen Genuß überhaupt, ja nicht einmal für Thiere ohne Benachtheiligung der Gesundheit zu ge­brauchen, als durchaus unbegründet wiedersprochen werden. Einestheils haben die mit der Trockenfauw bebaftetcn Kartoffeln nicht nur fast denselben Gehalt an Stärkemehl, sondern es läßt sich darin auch nicht der mindeste Stoff von Schädlichkeit auffinden. So verhält es sich auch bei den naßfaulen Kar­toffeln; das Einzige aber, was ihnen entgegen stünde, der faul gewordene Eiweißstoff, läßt sich ja durch Ausschneiden oder Abstoßen mit stumpfen Besen ganz leicht entfernen.

Das einfachste Mittel zur Nutzbarmachung angefaulter oder der Fäule verdächtiger Kartoffeln für den menschlichen Gebrauch ist wohl das, daß man ihnen das Element der Vergänglichkeit, nemlich die Feuchtigkeit, alsbald benimmt und sie in ganz trocknen Zustand bringt. , . ,

Denn ob man sie in ihrer gewöhnlichen Form, oder in der von Grütze rc. verspeist, das gilt ja rn der Hauptsache ganz gleich. Die Wege dazu sind verschiedener Art: entweder verwandelt man sie in gedörrte Schnitzen rc., oder in Mehl. Ersterer Weg ist der einfachste und hat noch den besonderen Vortheil voraus, daß man dabei auch noch die übrigen festen Bestandtheile der Kartoffeln, die Fasern, behält, während diese, bei der Verarbeitung der Kartoffeln auf Mehl ausgeschieden werden, für sich weniger gut zur menschlichen Nahrung verwendbar sind. n ,

Zur Verwandlung der Kartoffeln in Stärkemehl bedient man sich gewöhnlicher Reibeisen, indem man das Stärkemehl aus dem zerriebenen Faserstoff mit frischem Wasser, dieß mehrmals wiederholend, ausschwemmt. Sehr fördern läßt sich diese Arbeit, wenn man das Reibblcch ffach machen und darüber ein in Ruthen lausendes Kästchen, wie bei den Krauthobeln, anfertigen läßt, nur etwas schmäler, um die zu reibenden Kartoffeln leichter festhalten zu können. Der ausgeschwemmte Faserstoff ist, mit Salz gegeben, ein außerordentlich beliebtes Viehfutter und läßt sich, mit solchem wie Sauerkraut behandelt, lange Zeit aufbewahren.

Will man die Kartoffeln, was, wie gesagt, immerhin das Einfachste ist, in Schnitzen rc. schneiden, so werden diese im Backofen getrocknet und dann in Mahlmühlen zu Mehl gemahlen.

Das Schwarzwerden der Kartoffeln bei dieser Manipulation läßt sich ganz einfach durch folgendes Mittel vermeiden. Man bringt nämlich die geschälten und in Scheibchen geschnittenen Kartoffeln in ein hölzernes Gefäß und übergießt sie mit Wasser, zu welchem auf 99 Maas eine Maas englische Schwefelsäure gemischt worden ist, bis die Brühe darüber geht. (Mit der reinen Schwefelsauere muß übrigens sehr vorsichtig umgegangen werden. Das Wasser darf nicht in die Säure, sondern diese muß langsam in das Wasser geschüttet werden.) In der oben bemerkten Flüssigkeit bleiben die Schnitzen stehen, bis sie eine mehr weiße Farbe angenommen haben und die natürliche Farbe verschwunden ist, was gewöhnlich in 24 Stunden der Fall. Nun wird das gesäuerte Wasser ab- und die Kartoffeln so lange mit reinem Wasser übergossen, bis der sauere Geschmack ganz abgewaschen ist. Die Kartoffeln werden alsdann, wie vorbemerkt, getrocknet. Zn diesem Zustande lassen sic sich sehr leicht aufbewahren, leicht bröckeln und zerstoßen, und geben, auf der Mühle gemahlen, ein schönes weißes Mehl:

Die int Vogelsberge in Fällen vorliegender Art gebräuchliche Manier, die Kartoffeln zu dämpfen und die gedämpften, zuvor ausgeprcßten Kartoffeln im Backofen zu dörren, wobei sich eine recht schmack­hafte Grütze erzielen läßt, gehört ebenfalls hierher. , . ,

Sind die Kartoffeln der Fäule nur verdächtig, man will aber Kartoffeln dieser Art m ihrer