Ausgabe 
9.2.1799
 
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N,_ VI, 9. Zcbruar. 1799.

Giesser JMWOMM

Aurze Nachricht vsn den öffentlichen und Prl'vütspr'elen

Der alten Deutschen, und ihrer da- Jbet sich auszeichnenven Treue and Redlichkeit; nach dem Tacirus.

Verfolg.

Nach der Ueberfetzung:

Da die Römer bei der Tafel zwischen einer jeden Tracht, oder nach Endigung derselben mit Würfeln und Beinchen spiel- len 1 so fiel es dem alten TacituS auf/ daß die alten Germanier nüchtern , und unter ernsthaften Geschäften dem Spiele so sehr ergeben waren. Noch mehr fiel es ihm auf, daß sie Freiheit und olles aufs Spiel setzten. Wie würde er sich aber wundern, wenn er zu unfern Zeiten lebte, und sähe, wie ihre Nachkommen , von denen man doch mehr Moralität und vereinigtere Be­griffe erwarten sollte, vielmal eben so ra­send sich und ihre Familien durch ähnliche Spiele zu Grunde richten ! Der Wilden ihre große Freiheit, die ihnen alles gestat- tete, ihre Dummheit, und die Leichtigkeit, die Strapatzen zu ertragen, und den Un­terhalt zu finden, machte sie gegen alles gleichgültig. Unterdessen war es doch im­mer eine große Raserei, daß sie ihre Frei­heit, die sie so sehr liebten, aufs Spiel setzten. Es begegnete ihnen aber eben das, Mas allen Hazärdfpielern begegnet, die das Ohngefahr ergötzt, von dem Glucke die vrrworrenften Begriffe haben, und ihrer Leidenschaft mehr nachgeben, als dem Zu­ruf ihrer Vernunft. Es war aber ein Beweis ihres redlichen und festen Charak­ters , daß sie hierbei Wort hielten, sich gutwillig die Bande anlegen ließen, und

in die Sklaverei giengen, ohne sich dte Haare auszuraufen, oder sich das Leben zu nehmen. Da man nun diese Stelle gemeiniglich für klassisch halt, um die Redlichkeit, Treue und Glauben der alten Deutschen zu beweisen, und hergegen nicht wenige Schriftsteller diese sehr «ngerubmte Eigenschaft dieser Nation bezweifeln, so wollen wir uns noch mit wenigem in die Untersuchung dieser Sache cinlassen.

Unsere Vorfahren kamen vorzüglich bei den Römern durch die große Nieder­lage , die der Kern der römischen Legionen unter ihrem Anführer, dem VaruS, mit­ten im Frieden, von denselben erlitten hatte, in einen so Übeln Ruf wegen dieser Treu­losigkeit. Wenn man aber ihr Verfahren aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet und beurteilt, so erscheint es in einem ganz andern Lichte. Als die Römer bis in Westphalen vorgedrungen waren, und die dasigen Völker bezwungen hatten, so schien es, als ob diese Völker ihre Frei­heit verschmerzt hätten. Als aber VaruS durch seinen Stolz, Habsucht und Erpres­sungen anfieng, sich verhaßt zu machen, und endlich diese Völker gar zwingen wollte, sich nach römischen Gesetzen richten zu las­sen ; so wurden sie aus ihren friedlichen Gesinnungen aufgeweckt, und in ihnen die Begierde rege gemacht, das römische Joch wiederabzuwerfen. Ein Sieger han­delt wider alle Regeln der Staatsklugheit, wenn er ein bisher freies Volk mit einem gewissen Zwange zu regieren anfangt, und nichts muß dasselbe gegen feinen neuen Re­genten erbittern , als wenn man ihm feine alten Rechte und Gewohnheiten nimmt, und