und Nachrichterf. r--
Und dennoch tM ohngeachtet dieses Mangels , welchen man der philosophischen S'.ttenlehre, und allen menschlichen Wissenschaften überhaupt vorwersen kann, niemand ihren anderweitigen grosen Nutzen in Zweifel ziehen. Eben so müssen wir bei) den Schauspielen urtheilen. Führen sie die Menschen gleich nicht gerad zur Tugend, so können sie dieselbe doch klüger und vorsichtiger, feiner und gesitteter machen: so können sie ihnen doch die wahre Beschaffenheit der Tugend und des Lasters, die Absichten der menschlichen Handlungen, die Mittel und Hindernisse derselben abschildern , sie mit dem menschlichen Herzen, den geheimen Triebfedernzdessel- bigen, dem Lauf der Welt und andern ähnlichen Dingen bekannt machen, oder ihnen wenigstens ein unschuldiges Vergnügen, und eine unschädliche Ergötzung und Erhohlung verschaffen.
Es ist erlaubt, sich und so gar seine Sinne zu vergnügen, wenn nur dadurch der Tugend nicht zu nahe getretten wird. Warum hört man einer guten Musik zu ? Ist dieses sündlich, weil die Musik nichts zur Beförderung der Tugend beyträgt? Ist eS erlaubt seine Augen an einer schönen Gegend oder einem guten Gemählde zu ergötzen ? Es ist nicht nur erlaubt, sondern in gewissen Fällen so gar eine Pflicht, sich von gewissen wichtigen Geschäften loß zu reißen, und seinen Geist durch einige Vergnügungen ein wenig zu erheitern oder ruhen zu lassen. Wenn die Schauspiele obige Erfordernisse haben, so kann man sie mit Recht ein unschuldiges Vergnügen nennen > und in so fern ein Vergnügen und eine Erhohlung des Geistes einen Nutzen hat, welches man nicht leugnen kann, wenn derselbige gleich nicht so augenscheinlich ist, als wichtigen Beschäftigungen, in sofern kann man auch Schauspiele nützlich nennen.
Doch sie haben noch einen größern Nutzen. Sie geben uns durch eine in Handlung gebrachte Geschichte ein lebendiges Bild von dem Menschen und der Welt. Wir lernen aus ihnen das Betragen der Menschen kennen, und was ist wichtiger als diese Kenntniß? Nicht alle Leute haben so viel Erfahrung, daß sie in diesem Stück alles Unterrichts überhoben seyn könnten. Durch Vorstellung, wie sie in den Schauspielen gewöhnlich sind, wird unsre Erfahrung ergänzt. Wir sehen die Wege, die Tugend und Laster zu nehmen pflegen: wir lernen ihre beyderseitige Grän- zen: Wir lernen Die Arglist der Welt und die Umschweife kennen, Deren sie sich bedient, zu ihren Absichten zu gelangen. Sollte uns das nicht
* Qg 2 klüger


