Ausgabe 
18.9.1770
 
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r-8 GLessische wöchentliche gemeinnötzige Anzeigen

Dieses ist die moralische Güte, welche aber noch nicht hinlänglich ist. ES muß das Verdienst des Dichters und Schauspielers hinzukommen, daß die Vorstellung inrerressant und angenehm wird. Die besten Morasten werden ungern gehört, wenn sie nid)t in der Anmuth und dem Reitz deS guten Geschmacks erscheinen. Ein Stück aber kann von dieser Seite sehr gut seyn, und doch in Absicht auf die Moral viele Fehler enthalten. Selbst Moliere hat verschiedne unschuldige Charactere lächerlich gemacht, und zuwei­len die Parthie des Lasters genommen. Wir setzen voraus, daß eine Materie nicht nur angenehm eingekleidet sey, sondern auch, daß man dem Stück in Absicht auf die Moral ganz und gar keine Vorwürfe machen ' könne.

Dennoch unterstehe ich mich nicht solche Schauspiele Schulen der Tugend zu nennen. Ich rede nicht davon , daß oft durch die schlimme Aufführung der Schauspielerinnen mehr Böses angerichret wird, als auf dem ganzen Schauplatz gutes gestiftet wird. Dieses ist ein Misbrauch, der eben nicht nothwendig mit der Sache verknüpft ist, und der den Per­sonen, nicht aber den Schauspielen überhaupt zur Last gelegt werden kann. Eben diese Vewandniß hat es mit verschiednen andern Einwürfen gegen die Comödien: daher wir uns hiermit nicht aushalten wollen.

Wmn man alles was auf eine entfernte Art etwas zur Verbesserung, wenigstens unsers äußerlichen Betragens beytragen kann, für eine Beför­derung der Tugend ansehen will, so kann man diesen Vorzug den Schau­spielen auch nicht absprechen. Allein wer sichet nicht, daß dieses weither- geholet sey, und daß man alsdenn dem größten Theil der menschlichen Handlungen eben diesen Ruhm ertheilen könnte. Die Beförderung der Tugend im eigentlichen Verstände aber ist nicht nur dem Ursprung der Schauspiele nicht gemäß, sondern auch keineswegs der Zweck derselben, sie mögen auch noch so sehr geläutert seyn. Es gehört weit mehr dazu, den Menschen in eine solche Bewegung zu setzen, daß er sich entschließt, das Laster aufzugeben, und der Tugend zu folgen, daß er bey diesen Entschst'e- jungen verharret, und sich durch die Reitzungen der Sünde und durch die Heftigkeit seiner Leidenschaften nicht wieder von dem rechten Weg absüh- ren laßt. Dieses ist nicht das Werk einer nachgeahmten Geschichte, der­gleichen in den Schauspielen zum Grund liegen, ja nicht einmahl das Werk der reinsten und besten Moral des Weltweisen, sondern eine Würkung ei­ner weit höheren Kraft, die sich in dem göttlichen Wort äusert.

Und