Ausgabe 
14.3.1769
 
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und Nachrichten. u>

mn, ihre Gedult, ihre Sanstmuht, ja selbst ihre Grosmuht borgen. Wer aus Eigennuz handelt, deristembsig, arbeitsam/ dienstfertig / un­verdrossen/ aber nicht um seiner Brüder; sondern um sein selbst Millen. Er macht sich selbst zum Gegenstand seiner Unternehmungen; und den lez, ten Zwek aller seiner Bemühungen findet er in stch. Braucht er den Fall seines Nechsten / sich zu schwingen; so stürzt er seinen sechsten / und baut auf dessen Ruin seine Trophäen. Er wird ein Verfolger/ ein Mörder der Unschuld; wenn es sein eigner Vortheil erfordert. Der unterdrükteweint, er-klagt ängstlich; der grausame eigennüzzige hält diese Tranen, diese Klagen für nöthig; damit er in sichern Freuden leben kan. Sieht aber der Eigennüzzige/ daß er seinen Vortheil nicht erzwingen; sondern er­schleichen muß; so verändert er auf einmal die Scene. Er komt nichttroj« zig / wie ein gewaltiger Tyrann; sondern demüthig; wie die flehende Un­schuld. Er spricht süs, wie die Liebe; sanft wie das Mitleid , und giebt dem Feinde nach, wie die Grosmuht. Aber man traue ihm Nicht: er ist noch immer der raubbegierige Wolf/ ob er gleich in Schafskleidern einher- Seht.

Unsre Werke müssen edlere Absichten haben / wenn sie Werke der Liebe seyn sollen. Nicht in uns sechsten; sondern in unfern Nechsten müs­sen sie sich alle vereinigen, und alle unsre Unternehmungen müssen zu sei­ner Wolfahrt abzielen. Auch da giebt es noch Grade der Liebe. Viele wünschen das Wohl andrer im lganzen Ernste; ihre Handlungen stimmen auch mir ihren Wünschen überein; aber jezt ist es nöthig, daß sie ihre Be­quemlichkeit dabey auf einige Zeit verlieren, ihre Vergnügungen entbehren: ihre Ehre und Ansehen verleugnen: und siehe da! ihre Liebe erkaltet. Wir würden zu wenig thun, wenn wir diesen alle Liebe absprechen molken: aber auch zu viel, wenn wir ihre Liebe mit dem Nahmen der rechten Liebe beleg­ten. Die rechte Liebe geht weiter. Sie ist immer lebendig , immer ge­schäftig. Sie verlast das bequeme Lager, den süssen Schlaf; wenn daS Wohl der Brüder sie ruffet. Sie findet keinen Geschmak mehr an ir­gend einer Freude, wenn sie andre neben sich weinen; oder den elenden m Noht siehet. Gelokt durch die Tränen, und Klagen des elenden reist sie sich los. Sie eilt in die Armen des betrübten. Sie führt ihn heraus aus dem Thale der Leiden. Sie macht, daß er an ihrer Seite frölich seyn kan, und theilt ihre Lust, und ihr Vergnügen mit ihm. Tausend Ent- zükkungcn, dir sie vorher nicht empfand, empfindet sie jezzo an der Seite eines beglükteni Die- dankbarenTränen in seinen Augen,, die Minen vol-