iö4 Gkfflsche wöchentlich - gewernnötzige Anzeigen
und zwar noch aus einem bessern Grund; denn übel angewandte Kräfte sollten billig den Haß mehr verdienen , als die Schwachheit. MitGedult anhören, und mit Höflichkeit antworten, diese Regel scheint die ganze gute Lebensart im Umgänge zu begreifen; und in so ferne derselbe gut ist , so ist das Stillschweigen, und die Unaufmerksamkeit nicht zn entschuldigen.
Derjenige der keine gute Lebensart hat, wird sich nicht von andern als der Gegenstand der guten Lebensart betrachtet sehen. Demungeachtetgiebt es eine Art von ungesittetem Wesen, das eben so abgeschmackt als ungerecht ist, andern noch dazu mit Verachtung zu begegnen. Diese Art von schlechter Lebensart ist beynahe imSprüchwort das charakteristische der Gelehrten geworden. Man sollte es auch freylich nicht erwarten , daß derjenige, der seine ganze Aufmerksamkeit auf eine abstrakte Wissenschaft geheftet hat, der sich ganz in die Betrachtung philosophischer Wahrheiten vergraben hat, daß der mit Genauigkeit die Gebehrden und Ceremonien sollte studirt haben, und daß er gleich fähig seyn sollte, auf .einem Bali rind in der Schule zu erscheinen. Daß das Verbeugen eines Chronologen und das Compliment eines Astronomen, nicht nach der Regel ist, das kann denjenigen nicht fremd Vorkommen, welche die Schwäche unsrer Fähigkeiten und die Unmöglichkeit betrachten > m allem vollkommen zu werden.
Aus eben denselben Gründen ist auch die Abwesenheit des Geistes und die Vergessenheit des Ortes, und derPerson, zu entschuldigen, web* chen die Gelehrten so oft unterworfen sind. Als Ludwig XIV. einstens den Tod eines alten Comödianten beklagte, den er sehr erhoben hatte, so Antwortete Boilean in der Gegenwart der Madame Mameenon; „Ja „ er agirte ganz erträglich in den schlechten Stücken vom Gcarron, ♦ „ die jetzo, wie sie es verdient haben, selbst in den Provinzen vergessen v sind.,,
Möchte doch (da jeher Stand des Lebens, jede Gemüthsart ihre be- sondre Versuchung und Neigung zum bösen hat) möchte doch der rechtschaffne Mann nicht mürrisch in der Ausübung feiner Tugend seyn, möchte doch derjenige, dessen zärtlicher Geschmack, und durchdringender Verstand so viele Unvollkommenheiten an andern mit Eckel entdecket, von denen
* So viel wir uns erinnern, fo ist Scarron der Mann der Maintenon vorher gewesen, ehe sie zum Könige kam. Und hierinn liegt also das unüberlegte
. -restr Antwort.


