L )o Gies fische wöchentlich -> gemeinnützige Anzeigen
den gegen eine junge Frau haben werden, welche von allen ihren Anverwandten und Freunden entfernt, und also ohne Trost und Zuflucht, an einem fremden Orte lebt, wo sie dem grösten Verdruffe täglich ausgesetzt ist, so hoffe ich, daß Sie mir leicht vergeben werden. Äusser dem traurigen Vergnügen, das die Unglücklichen empfinden, wenn sie . ihr Unglück vernünftigen Leuten klagen können, habe ich auch vielleicht einige Hülfe und Trost von ihrer Gütigkeit zu erwarten. Erlauben Sie mir also, daß ich Sie erst von meinem Unglücke, wenn ich es so nennen soll , unterrichte, und wenn ich zu weitlauftig darin« seyn sollte, so bedenken Sie, zu meiner Entschuldigung, daß dieses eine Materie ist, von der ich allein mit Ih- itett reden darf, und wovon doch mein Herz so voll ist.
Ich bin in einer grosen Stadt, von Eltern gebohren, die bey ihrer guten Denkungsart und grosen Liebe gegen mich, ein so ansehnllches Vermöaen besaßen, daß sie mir eine so gute Erziehung, als sie nur ein Mädchen von meinem Stande haben kann^ erteilten. -Meine Eltern führten mich sehr früh m Gesellschaften, weil sie glaubten daß derUmgang mit der Welt mehr bildeten, als aller Unterricht. Auch Hatteich wirklichen Vortheil davon. Denn ohne nuch selbst zu loben, kann ich doch so viel ohne mit Eitelkeit sagen, daß ich meine Rolle in einem Alter von 17. Jahren schon so gut spielte, als irgend eine von meinen Freundinnen, und das ungezwungene Wesen, die feine Empfindung des Wohlstandes, den guten Geschmack, das muntere Humeur, mit welchen Eigenschaften man mir manchmal geschmeichelt hat, dieses alles schreibe ich, so viel ich auch davon besitzen mag, blos der frühen Bekanntschaft mit der Welt zu. Allein ich habe auch aus dieser Methode welcher sich meine Eitern bey meiner Erziehung bedienten, eineNei- gung zur Gesellschaft bekamen, die zwar an sich selbstganz unschuldig und wohl put ist, die aberzu meinem gegenwärtigen Unglück viel beygetragen hat.
Von meinen Eltern zärtlich geliebt, und nichts weniger als streng gehalten, von allen Leuten im Hause geehrt und bedient, in Dielen Gesellschaften, deren ich täglich welche besuchte, wohlgelitten, und in manchen bewundert, und im Ueberflusse von allem was ich wünschte, lebte ich also so glücklich, als ein junges Madgen, das noch dazu von Natur zur Munterkeit und zum Vergnügen geneigt ist, bey diesen Umständen leben kann; als sich etwas zutrug ? Wodurch mir damals mein Glück vollkommen zu werden schien, welches aber in der That der Anfang und Grund von meinem Unglück war. Ich wurde nemlich mit Mm jungen Menschen, der sich bey einem Anverwandten in meiner Vaterstadt


