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1.9.1767
 
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»76 Mesilsche wöcheEch ZemerttttStzige Anzeigen

srer Freundschaft so oft, daß sie durch den Gebrauch gar bald abgenutzt wird. Und endlich sind einige zu empfindlich und undankbar. Man kan sich ihren Haß in einem Augenblicke zuziehen, wenn man es nur in der ge­ringsten Kleinigkeit versieht, ob man ihnen gleich vorher tausend wesentli­che Gefälligkeiten erzeigt und eben so viel überzeugende Proben von seiner wahren Freundschaft gegeben har.

Die Regel, vermöge welcher man aus ähnlichen Fällen zu schliefen pflegt, leidet in der Moral ungemein viele Ausnahmen. Zwo Personen unternehmen eine und ebendieselbe Handlung: die eine erwirbt sich dadurch Lob und Belohnung; die andre trägt nichts, als Tadel, Verdruß und Schaden davon. Es kommt selten auf den inner« Werth der Handlung und auf unsre gute Absichten an ; sondern der Erfolg derselbigen hängt meistentheils von dem Eigensinn und den Vorurtheilen andrer Leute, oder wenigstens von dem Zustand des Gemüths ab, worin sich andre in Anse­hung unsrer zu der Zeit befinden, wenn wir etwas verrichtet». Verlaßt euch nicht auf die Regel: Was dem einen Recht ist, ist dem andern billig. Sie gilt nichts mehr in der Welt. Hat man nicht so gar Exempel, daß man Feldherrn, die Schlachten -gewonnen haben, ungnädig angesehen und auf ihre Güter verwiesen hat, da im Gegentheil andren, die dergleichen verlohren haben, noch höhere Ehrenstellen und Belohnungen zu Theil ge­worden sind ? Was kan man bei; seinen besten Handlungen nun noch weiter hoffen, als Undank?

Frömmigkeit kommt, wie der Verstand , bey den meisten Leuten nicht vor den Jahren. Dieses ist eine Erfahrung , welche durch das Sprüchwort: junge Buhlerinnen, alte Betschwestern, bestärkt wird. Ich begreife gar wohl, daß Leute, welche von der Sünde verlassen werden, in ihrer Aufführung ordentlicher werden können. Aber aus welchem Grund verfallenste gerade darauf, die Mine der Frömmigkeit anzunehmen? Ist ihnen sonst nichts mehr übrig, wodurch ste einen Vorzug behaupten kön­nen? Oder ist die Begierde zu gefallen daran schuld ? Und glauben sie etwa, daß sich in ihren zunehmenden Jahren die Engel in sie verlieben werden?

Die