i© Giesisihe wöchentlich- gemerttttStzige Anzeigm
Darauf an, daß man weiß, warum man lesen, was man lesen und wie man lesen soll.
Der öftere Umgang mit den hiesigen Frauenzimmern, dessen wir uns zu unsrer grosen Ehre rühmen können, hat uns gelehrt, daß der Endzweck, den sie mit Der Lectüre verknüpfen, nicht immer der beste und edelste und fthr selten der wahre und einzige Endzweck seyn müsse, den sie eigentlich dabey haben sollten. Denn wir haben nur bey sehr wenigen die Früchte gesehen, die mit einer wohl geordneten Lectüre unzertrennlich verbunden sind. Einige unter ihnen haben uns blos zu lesen geschienen, um sagen zu können, daß sie gelesen hatten. Urfter diese rechnen wir die unerträglichen Gesellschaffterinnen, welche so gern von den vielen Büchern reden, die sie schon gelesen haben, und welche über Bücher, die sie nicht verstehen, mit einem entscheidenden Tone urtheilen. Eine solche Lectüre macht stoltz, ist unnütz und erweckt Verachtung bey andern. Andre lesen, um einige Mode-Complimenten, einige verliebte Ausdrücke zu erlernen, womit sie ihre Liebhaber todt kützcln wollen. Die RomancnHcldtnncn sind in unfern Gegenden so gar selten eben nicht. Durch den Umgang lernt man Frauenzimmer kennen, die in ihren Gedanken, in ihren Reden und in ihren .Handlungen ganz romanisch sind. Noch andre nehmen aus verdrüßlicher Langeweile ihre Zuflucht zum Lesen, weil sie entweder ihre Zeit mit keinen angenehmen und nützlichen FrauenzimmerArbeiten hinzubringen wissen, oder weil es ihnen zu niedrig vorkommt, sich mit häuslichen Geschäften viel abzugeben. Diese Absichten bey der Lectüre müssen freylich sehr schlimme Folgen haben und wir verdenken es die Mütter nicht, daß sie ihren Töchtern die Bücher aus der Hand reisen, wenn sie merken, daß sie durch das Bücherlesen hochmüthig und eitel, verliebt und izur geschickten und klugen Führung einer Haushaltung untüchtig werden.
Doch wir erstaunen nicht so wohl über den schädlichen Endzweck, 'varum unsre Frauenzimmer meistentheils lesen, als vielmehr über, die Bücher, die sie zum Lesen wählen. O dürften wir sie nicht nennen, diese schändlichen Bücher, wodurch so oft die Religion in Aberglauben, die guten Sitten in eine hochmüthige und verschwenderische Lebensart, der reine Geschmack in eine ekelhafte und unatürliche Denkungsart und die sanften und süssen Empfindungen der Zärtlichkeit und der wahren Liebe in Neigungen zu abentheuerlichen Liebesgeschichten und verliebten Verzweiflungen verwandelt wird. Allein wir wollen sie nur nennen, nicht um unsre Schönen zu beschämen, sondern um sie in der Wahl der Bücher, die sie le-


