46 Giesische wöchmvlich-gemeinnützige Anzeigen

gelehrt genug sey, wenn es weiß, was in diesen Büchern sieht, und daß es eine weitläuftigere Lectüre gar wohl entbehren könne?

Aber werden sich Ew. Gnaden nicht wundern, daß ich mit den Ro­manen in keinem guten Verständnis stehe, daß ich nur den einzigen Gran, dijon anführe? Ich bekenne es Ihnen aufrichtig, daß ich mir nicht getraue, noch einige andre anzupreisen. Sie erreichen selten den Endzweck, das Herz zu bessern oder den Verstand mit nützlichen Erkenntnissen zu berei­chern. Sie schildern mei'stentheils Personen, die durch ihre Laster und Aus­schweifungen in Unglück gerathen. Es ist wahr, man sucht dadurch andern eine Furcht einzujagen. Aber ich weis nicht, ob diese Furcht immer er­weckt wird. Es deucht mir, wir empfinden eher Mitleiden mit der un­glücklich gewordenen Person, als Furcht für den Lastern, wodurch sie sich unglücklich gemacht hat. Und eben dieses Mitleiden ist uns sehr ge­fährlich , besonders einem Menschen der ein wenig romanhaft denkt und noch nicht fest genug in seinen Entschliesungen ist. Wir werden bey vor­kommenden Fällen ohne langes Bedenken eben die Laster begehen, in Hof- nung, man werde ebenfals Mitleiden mit unsrer Schwachheit haben. Und auserdem wimmeln sie voll von Mordgeschichten, von Beyspielen der Grausamkeit, der Untreue, der Ungerechtigkeit des Neides, der Religions- spötterey u. s. w., daß man, wenn man sie ost ließt, in Gefahr geräth, die­sen Beyspielen ähnlich zu werden. Das Sprüchwort sagt: wer nichts Gutes sieht, der thut auch nichts Guces. Was aber das schlimmste ist; so wird und darin die Tugend nicht in ihrer gefälligen und einnehmenden Schönheit vorgestellt; z.E.die Liebe wird uns abgemahlt wieeine verzweif­lungsvolle Person, die jeden Augenblick im Stande ist, sich zu ermor­den, wenn es nicht nach ihren Wünschen geht. Und wie viel könnte ich nicht noch wider die Romanen sagen, wenn ich die Grenzen dieses Blatts überschreiten wollte, und wenn ich nicht befürchten müßte, die Geduld Ew. Gnaden zu ermüden.

Lassen Sie sich also diesen kurzen, und wie ich glaube, vernünftigen Vorschlag zu Errichtung einer Bibliokheck für Ihre Fräulein Töchter gefallen. Sie haben Hofnung ein glücklicher Vater zu werden, wenn Sie Pen Endzweck erreichen, den Sie von der Lectüre Ihrer Fräulein Töchter erwarten können. Fahren Sie fort, solche angenehme Dienste von uns zu fordern, und hören Sie nie auf, gewogen zu seyn

dem Verfasser.

Mode«