Ausgabe 
3.6.1766
 
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Welt gleichsam im voraus kennen lernt, ehe man sie selbst betrat, unh woraus man sich einen großen Vorrath von allerlcy Fällen und Characte- ren, welche Vorkommen können, und von belondern Maximen der Vor- sichtigkelt sammlen kan, und denn die eigne Erfahrung und ein fortgesetzter Umgang werden nach und nach dasjenige leisten, wozu blose Regeln un­zulänglich sind.

Die allgemeinen Regeln sind aber auch nicht ganz zu verwerfen. Denn sie lehren uns dasjenige kurz und auf einmal, waS wir durch die Ab­sonderung auS den Exempeln nur nach und nach erlernen : und ob sie gleich nicht so practisch sind, als würckliche Beyspiele, aus denen eine gantz be- sondre Maxime gezogen wird, so sind sie doch auch im Gegentheik allge­meiner, und paffen zu gleicher Zeit auf unzähliche Falle und Umstände, so daß wir dadurch geschickt werden, auch von solchen Sachen richtige Urtheile zu fällen, die wir noch nicht selbst erfahren, oder davon wir noch nicht gr- rad etwas gelesen haben. Wenn also hiermit Belesenheit und Erfahrung verbunden werden, so muß, wenn anderst der junge Mensch nicht gantz von der Natur verwahrlost worden, endlich eine gewisse Fertigkeit in eis nem vernünftigen und wohlanständigen Betragen daraus entstehen.

Um junge Leute zu der Belesenheit, wovon ich geredet habe, anzusüh- ven, halte ich es für eine Hauptpflicht eines guten Lehrers, daß er sich be­müht, in seinem Vortrag, allerlei) Moralien, Schilderungen, satyrische Züge, und andre Dinge dieser Gattung, wozu ihm seine eigne Belesenheit, Erfahrung, eine fruchtbare Einbildungskraft und Witz Gelegenheit genug geben, mit einfließen zu lassen. Aber freylich ist dieses eine Sache, wel­cher die wenigsten Lehrer gewachsen find, und welches einfältige Leute, die entweder selbst schlecht geführt worden, oder doch ke.ne hinreichende Erkennt- niß der Welt haben, für überfiüßige und dem Unterricht nachtheilige Aus­schweifungen halten. Wenn der Leser bey einer jeden schicklichen Gelegen­heit die sich ihm so wohl bey dem Vortrag moralischer Wissenfchafften, als auch bey dem Erklären alter Schriftsteller welche auch hierinnen wie in der Schreibart, ob sich gleich mancher grundgelehrte Mann dieses nicht über­reden lassen wird, gute Muster sind, sehr offt von selbst anbietet, zeigen würde, wie man sich in diesen oder jenen Fällen, welche theilS selbst vor- kommen theils Gelegenheit geben, andre nach ihnen zu bilden, verhalten sollte, so würde eS jungen Leuten, die hierdurch nicht nur die Art und Weise, wie man mit Nutzen lesen muß, gelernt, sondern sich auch einen gewissen Vorrach von brauchbaren Exempeln gesammltt, und also in der

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