406 Giesisihe wöchentliche gemeinnützige Anzeigen
das schädliche Vornrtheil in ihnen nicht aufkommen lassen, daß die Glück» seeligkeit und das wahre Verdienst der Menschen, blos allein in schönen Kleidern, in Geld, in der vornehmen Geburt und dergleichen bestehe. Diese Dinge können zwar unter gewissen Umstanden ein Mittel zur Glückseligkeit und zu Vorzügen werden. Aber sie. machen noch lange nicht die Vorzüge und Glückseligkeit der Menschen selbst aus. Sie können so gar vieles zu unferm größten Unglück beytragen und uns aller Hochachtung und Liebe unwürdig machen. Es ist also höchst nöthig, daß man den Kindern gleich anfangs wahre Begriffe von diesen Dingen bepbringe. Man kann ihnen sagen, daß unsre irrdische Glückseeligkeit durch die Geburt von vornehmen Eltern sehr erhöhet werden könne; aber man sage ihnen auch, daß man mit einer erhabenen Geburt auch erhabene Tugenden verbinden müsse, daß es viele adeliche gebe, die aus Mangel des Adels ihrer Seele in dem größten Elend, in den niedrigsten Umstanden leben müssen, man sage ih- . mn, daß sie durch wahre Verdienste und Vollkommenheiten, durch Wis- stnschaften und Fleiß, die Vorzüge der Geburt ersetzen könnten und dergleichen. Und wie viele schöne Lehren kann man ihnen nicht in Ansehung des Gelds und der Reichthümer beybringen! Bey dem Anblick eines schönen Kleides muß man sie besonders lehren, daß sie von den auserlichen Zierathen nicht auf die innern schliefen dürfen. Ein prächtiges und besonderes Kleid kan manchmal den niederträchtigsten und unedelsten Menschen bedecken und tuet# stentheils ist es ein Beweis von der Eitelkeit eines Menschen. Wenn es we* Niger eitle Mütter gäbe; so könnte man hoffen, daß die Kinder für dieser Thorheit hinlänglich verwahret würden. Allein leider ’ sind die meisten Mütter und fast alle Frauenzimmer, nur wenige ausgenommen, so eitel, daß sie ein schönes Kleid für die größte Glückseeligkeit ihres Lebens anfehen, und über diesem Vergnügen den nöthigern Putz ihrer Seele vernachlässigen. Wir tadeln hier nicht die Pflicht, sich anständig zu kleiden, rein Wd ordentlich sich anzuziehen. Wir tadeln nur das übertriebene. Doch wir müssen hier nicht weiter in den Text kommen, damit wir unsre schöne Leserinnen nicht zum Zorn gegen uns reizen. Wenn sie einmalvernünftiger werden; so werben sie ihre Eitelkeit von selbst ablegen. Unsere Klagen werden doch allen Vermuthen nach eben so wenig Eindruck bey ihnen machen, als bey den Eltern die bis hieher gegebenen Vorschläge zur Verbesserung einiger Fehler in der hiesigen Kinderzucht. Sollten sie aber wider alles Vermuthen, ob sie gleich unsrer Meinung nach, vernünftig sind, und mit dem Wesen unsrer Seele und mit dem Endzwecken der mensch-
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