i 54 Giesische wöchentlich - gemeinnützige Anzeigen
„ Meine Herrn! „!
„ Entweder ist es aus Versehen des verehrungswürdigsten Herrn h Quirinus Altlieb, oder durch Ihre Schuld geschehen, daß in dem „ Briefe meines ewig geliebten Herrn Quirinus Altlicb der Wittweiber „ mit keinem Wort ist erwehnt worden. Es kann unmöglich fepn, baß „ sie sollten mit Fleiß vergessen worden seyn. Denn die ganze Welt weis „ ja, daß die Wittweiber, besonders wenn sie noch nicht gar zu alt gewor- „ den sind, viel lieber heyrathen und sich viel besser in den Ehstand zu „ schicken wissen, als ledige Frauenzimmer, mithin auch grösere Vorzüge „ besitzen, als diese. Und man sieht manchmal seine Lust an den jungen „ Dirnen, wenn sie heyrathen. Es ist unaussprechlich, wie sie sich zieren, „ wie sie in ihrem ganzen Thun affectirt sind, wie sie so wenig ihre Män- „ ner zu beleben und ihre Gaste zu bewirthen wissen. O gestehen Sie mirs nur, mein theuersier Herr Altlieb, und Sie meine Herrn, gestehen Sie „ es nur, daß Sie hier einen kleinen Fehler begangen haben. Sie wer- „ den mirs also, nicht als eine Verwegenheit anrechnen, daß ich Ihnen die- „ sen kle nen Fehler vorwerfe, und mich mit eben so grosem Recht um die „ unschätzbare Gunst des allerliebsten Herrn Quirinus Altlieb bewerbe, als „ es dem ledigen Frauenzimmer zu thun erlaubt worden ist. Stossen Sie „ sich nicht daran, daß mein Mann erst vor vier Wochen gestorben ist. „ Ich bin die erste nicht, die sich so frühzeitig wieder nach einem andern ff Mann umsteht. Ich habe Weiber gekannt, die sich noch bey Lebzeiten „ ihres Gatten mit einem andern versprochen haben. Die Ursachen die mid) „ dazu bewegen, sind Hinlänglid) genug, mid) zu rechtfertigen. Id) bin ff erst neun und dreysig Jahr alt, und mithin in meinem besten Thun. ff Ich habe mit meinem verstorbenen Mann zwölf Jahr recht vergnügt in „ der Ehe gelebt, und er hatte so viel ähnliches in seinem Charakter mit „ dem werthesten Herrn Quirinus Altlieb, daß ich ganz gewis glaube, Er ff und ich werden eben so vergnügt in der Ehe leben, als ich und mein vo- „ riger Mann gelebt haben. Er hat mich immer seine gute Haushälterin „ genennt, und ich muß es zu meinem Ruhm sagen, daß ich ihm viel Geld ft und allerhand Geschenke durch meine Gefälligkeit und gute Wirthschaft ff erworben habe. Er hatte etliche gute Freunde, die täglich bey uns wa- ff ren, und die mir immer sagten, daß ich eine recht gute Gesellschafterin wa- „ re, die ihre Besuche sehr wohl zu unterhalten wüßte, so daß sie auch in tf der Abwesenheit meines Mannes sehr ost zu mir kamen. Ich muß esge- fi stehen, daß mir diese Leute den Umgang mit dem männlichen Geschlecht so
/ ange-


