wöchentlich- gcinejnnüAge Metzen Mb Vachrtchten. Neunzehendes Stück.

Dienstags den 7ten May 1765.

Mit Hochfürstl. Hessen-Darmstadtischer gnädigsten Erlaubnis.

(t£Sie treiben die Menschen die Verstellung und die Bemühung, wie HAD sie ihre Fehler verbergen können, weiter, als wenn sie sich um eine Person bewerben, die sie zu heyrathen gedenken. Zu dieser Zeit will jeder vollkommen und ohne Fehler seyn, und wenn er auch noch so voll von Lastern wäre, so giebt er sich doch alle Mühe, tugendhaft zu scheinen. Dies bestattigt die tägliche Erfahrung so sehr, daß cs bcynahe ein halbes Wunder ist, wenn ein Mensch diese Vetrügereyen verabscheut und mit der größten -Offenherzigkeit alle seine Fehler gesteht, bevor er sich mit seinem ge­liebten Gegenstand durch ein unzertrennliches Band vereinigen läßt. Ich wünschte es von Herzen (und vielleicht wäre es ein Glück für das ganze menschliche Geschlecht, wenn mein Wunsch erfüllet würde), daß diese -Of­fenherzigkeit vor der Ehe zu einer allgetneinen Mode werden möchte. Denn ich glaube gewis, daß man alsdann so viele unzufriedene Ehen nicht antref­fen würde. Wie manches Frauenzimmer, das von der Liebe verblendet wurde, würde seinen Mann nicht geheyrathet haben, wenn er ihm vorher alle seine Fehler hätte entdecken müssen. Wenn er ihm z. E. hätte sagen müssen, daß er es mehr um seines Gelds als um seiner Person willen hey­rathen wollte, pag er sich vorgenommen hätte, nur in den ersten drey'bis vier Wochen zärtlich gegen es zu seyn, daß er in der fünften schon ansangen

T wollte,