Ausgabe 
27.11.1764
 
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imb Nachn'chtött. §77

Erlösers erwog. In diesen göttlichen Aussprüchen, sprach er oft selbst/ finde ich ein tägliches Wohlleben, ein Wohlleben, das die Empfindung Aller meiner Marter schwächt. Die Religion, die ihn im Leben tu einem Helden in der christlichen Tugend gemacht hatte, fiößte ihm auch in der Stunde seines Todes den unerschrockensten Heldenmuth ein. Er übereilte ihn in dem 48sten Jahre seines Alters, zu früh , acht viel zu früh für die ® einigen, zu früh für die Welt, zu früh für die Philosophie, die mit ihm ihrer stärksten Stütze beraubt wurde. Er zitterte so wenig über seinen An­blick, daß er die Seinigen noch mit dem freudigsten Muthe tröstete, und noch in den letzten Minuten seines Daseyns mit den witzigsten Einfallen über die Eitelkeit des menschlichen Lebens scherzte. Er war kein Socrates, der seinen Mund zum Lächeln verzog, und vor der Macht des Zitterns den Giftbecher kaum halten konte, den er mit einer erzwungenen Grosmuth trank. Baumgarten war ein Christ. Der Glaube setzte ihn über alle Furcht vor einer schrecklichen Zukunft weit hinaus. Er verbannte von sei­nem Sterbebette alle Philosophie, und redete nur von den Thaten feines Erlösers. Schon von der Erschütterung des Todes ergriffen / rief er yoch aus: . ;

?, Serenitas anirni eft demonftratio demonftradonum. Die hat der Christ allein, die Vernunft weiß nichts davon, Hier hilft nicht der Philosoph, nicht der Theolog, der Glaube allein. Mein alter Glaube, auf den sterbe ich, ist demonftratio demonftrationum.

Welch eine LobRede auf dem göttlichen Werth der christlichen Religion / wenn einer der weisesten Männer, dessen ganzes Leben von keinen LssKrn ge­schändet wurde, sie mit hölliger Verachtung aller seiner Philosophie zu sei­nem einzigen Anker erwählt, auf den er sich in der letzten Stunde zu leh­nen hoft! Baumgarten starb mit einer lächelnden Mine und mit den hel- denmüthigsten Gebärden. Er verschied unter den Erstaunungen seiner Freunde gleich der Sonne, die denn das erstaunlichste Schauspiel ist, wenn sie unvermerkt hinter dem Horizont des bewundernden Zuschauers hinab- sinkt.

Frankfurts Musen beklagen noch bei seinem Grabe ihren unersetzliche» Verlust. Seine Schüler, die mit derl Empfindungen verwaißter Söhne hinter seinem Sarge trauerten, fühlen noch die Wunden, die ihnen der Tod dieses unverbesserlichen Lehrers schlug. Selbst unter den freudige» Jubeln, mit welchen sie jüngst dem kommenden Daries entgegen jauchzten/ stoffen noch Thränen der Sehnsucht von ihren Wangen / die ihnen die Er-

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