'92 Grefische wöchentlich-- gemernttötzige ÄnzeiZen
frohe Empfindungen, wenn wir diese Vollkommenheit befördert sehen; Unlust nber und Mißvergnügen, wenn sie zerstört und aufgehoben wird. Sie ist von der Natur so tief unserm Kerzen eingepflanzt, daß weder die Macht der Sinnlichkeit, noch die Wirkungen der Erziehung und Gewohnheit sie ganz zu verdrängen fähig ist. Dieß sind die Gründe, auf welche der wahre und grose Unterschied der Tugend und des Lasters, und die ewigen und unveränderlichen Gesetze der Natur gebauet sind. Diese Gesetze schreiben uns die mannigfaltige Pflichten vor, die wir erfüllen müssen, wenn wir den grosen Gegenstand aller Wünsche und Bewegungen unsrer Seele, die Glückseligkeit erreichen, und der erhabnen Bestimmung unsers Wesens gemäß handeln wollen. Sie gebieten uns alles was edel, was gros, was einem vernünftigen Geschöpfe anständig ist; und untersagen alles, was uns schändet und unsrer anerschaffnen Würde beraubt. Sie lehren uns die Pflichten die wir einem höheren Wesen, die Pflichten die wir unserm unsterblichen Geist, und unserm Cörper schuldig sind; die Pflichten die andere vernünftige Bewohner der Welt von uns fordern können. Aber äusser diesen allgemeinen natürlichen Gesetzen treffen wir noch andere besondere und willkührliche Vorschriften an, zu deren Beobachtung uns nicht die Einrichtung unsrer Natur und die Begriffe des moralisch schönen oder häßlichen, sondern den Willen eines Oberen verbinde. Sind diese positiven Gesetze zum besten des menschlichen Geschlechts nothwendig, oder sind sie unnütz, und stöhren vielleicht gar seine Wohlfarth? Sind sie eine Wirkung des Stolzes, der Herrschsucht und des Eigennutzes, oder sind sie aus einem wahren Bestreben der Regenten, ihre Unterthanen glücklich zu machen her- gefloffen. Wenn man diese Fragen richtig und gründlich beantworten will: so muß man die Beschaffenheit der natürlichen Gesetze genau erwägen, untersuchen ob sie allein vermögend sind das Wohl der ganzen menschlichen Gesellschaft und der besonder» Staaten zu erhalten, oder ob zu diesem Endzwecke die willkührliche Rechte zugleich vonnötben sind. Bey dieser Untersuchung zeigt sich, daß die Gesetze der Natur nicht durchaus und ohne Ausnahme so deutlich sind, daß ein jeder Mensch in jeden Fall ihre Vorschrift ten richtig einschen und auf seme Handlungen anwenden kan. Nicht wenige von ihnen sind unbestimmt, in mannigfaltige Zweifel verwickelt, und in Dunkelheiten eingehüllt, durch die nicht jeder Verstand hindurchdringen knn: Sie haben wegen den verdorbenen Neigungen-unserer Seele nicht Nachdruck genung, den Lasterhaften von seinen Verbrechen und Ausschwei- fungen Mücke zu halten, und den rechtschaffenen Mann gegen Anfälle und
Belei-


