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*74 Wochenblatt-

zu unterscheiden pflegt, so beweist doch eben dieß, daß er natürlich und uns von dem Gott der Natur als ein Grundtrieb ms Herz gepflanzt ist. Daher kömmt der Schmerz, den wir bev der Erzählung der andern fühlen, mit denen wir in keiner Verbindung stehen, die uns so gar unbekannt sind, in entfernten Zeiten, in entfernten Landen: und die heißen Wünsche, hel­fen zu können, selbst wo es nicht in unferm Vermögen steht: die Verab­scheuung der Grausamkeit, die wir eigentlich Unmenschlichkeit nennen, und der Beyfall, den wir liebreichen und wohlthatigen Handlungen geben. Es giebtzwar Menschen, die behaupten,daß dieß alles in Rücksicht auf und selbst geschähe und daß wir der Mittelpunkt von allen diesen Empfindun­gen wären : daß wir also, wann wir den Unglücklichen beystünden, bloß unserer eignen persönlichen Unbehaglichkeit abzuhelfcn suchten: oder, wenn wir es wünschen thun zu können, wir es bloß wünschten, oder wenn wir'an- Dere glücklich machten, wir bloß unsere Gemüthsruhe zur Absicht hätten." Aber dem sey also: dieß ist ja, was wir wollen : und der wahre Unter­schied zwischen einem wohlwollenden und übelwollenden Wesen besteht eben darinnen, daß das erste nicht glücklich feyn kann, wann es andere um sich her elend sieht, und mithin ihnen beysteht und hilft, wenn es kann: und kann es nicht, es doch zu thun wünschet und aus Sympathie mit den Lei­denden leidet: da hingegen die Glückseligkeit des letztern (wenn es an­ders eine solche giebt) sich bloß auf sich allein einschrankt , ohne Rück­sicht auf andere, rohne bey ihrem Elende Unruhe zu fühlen und sich . über ihr Glück zu freuen: denn dieß ist eigentlich Selbstliebe im schlimm-

fien Verstände.

Ganz gewiß sind diese zween Charaktere sehr verschieden. Denn ob­gleich keine von beiden vollkommen ist , so giebt doch augenscheinlich daS Mehr oder Weniger und die herrschende Neigung den Charakteren den Na­men, so wie ich von dem tugendhaften und lasterhaften überhaupt gesaget habe- Eine vollkommne Güte schließt auch nothwendig eben nicht das Selbst aus, wenn man diesen Ausdruck in einem Verstände gebraucht, der seinen unendlichen Vollkommenheiten nichts benimmt. Denn sagt man picht von einem gütigen Manne, daß er sich freuet Gutes zu thun und die Glückseligkeit auch andern mitzutheilen? Und wenn er ( wie man gemeini­glich annimmt) vollkommrn frey ist, so könnte er eben so leicht Elend als Glückseligkeit mittheilen, sobald er wollte; zu sagen, er konnte nicht, das heißt