Ausgabe 
15.8.1775
 
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»60 Wochenblatt.!

Wir sollten in der Freundschaft, wie in der Liebe mit dem Genüsse ihrer Freuden im Anfänge nicht zu verschwenderisch seyn: sondern damit ge-' hörig haushalten, damit sie desto langer dauerten.

So bald du findest, daß du zu warm bist, so sey auf deiner Huk. Dn Leidenschaft beraubt immer den 2hron der Gerechtigkeit: Ueberdieß Liebt es einige, die niemals einen Fehler zu haben glauben: doch sie haben ihrer hundert, und da sie nicht gerade zur Übeln Gewohnheit werden, so wissen sie nicht, wo sie anhalten sollen.

Viele bilden sich ein, die Freundschaft reiche nicht weiter alü das Grab und daß nach dem Tode eines Freundes weiter keine Pfiicht zu er­füllen sey: wenige haben em Herz, bas der Freundschaft für Die Todten fähig «st. Allein ungeachtet die Treue tugendhafter Freunde die edelste Be- gräbnißteyerlichkeit ist und die Herzen solcher die rühmlichsten von allen Grabmaiern sind, so darf doch der überlebende Freund nicht glauben, daß die Thranen, die er so wohl über sich selbst, als über seinen Freund wei. net, ihn von allen seinen Gelübden ftey macken. Nein es sind ihnen noch Pflichten übrig, die er^ihrem Andenken, ihrem Ruhme, ihrer Ehre und Familie schuldig ist. Sie müssen sich selbst in unserm Herzen durch die wärmsten Empfindungen der Liebe und Hochachtung ; in unserm Yhunde, Durch ihr Lob, und m unserm Gedächtnisse durch unser Betragen und die 'Nachahmung ihrer Tugend überleben.

Jedes Frauenzimmer, das ihrer Pflicht getreu ist und die Tugend chres Geschlechts unverletzt behält, kann sich mit der Erwartung dieser un­schätzbaren Glückseligkeit schmeicheln. Die Freundschaft ist der eiaenrbüm. lichste Lohn des tugendhaften Lebens. Doch so wie die Liebe ü<t in der politischen Welt behandelt wird, so darf man dieses leider' wenig hoffen- ihre Verbindungen endigen sich meistens mit einem Brücke, und sind von Schaam und Schande, Den gewöhnlichen Folgen des Lasters begleitet

Em Frauenzimmer ist so unglücklich, daß es leickt niemals auf der andern ihre Freundschaft sicher rechnen kann. Die natürlichen Schwach­heiten, deren jede von ihnen, wie sie wissen, unterworfen ist, machen eine unübersteiglrche Schwürigkeit und ihre Freundschaften entstehen meistens mehr aus Nothwendigkeir, als aus Wahl.

Das weibliche Herz, das niemals die Quaalen und Unruhen derLie. be gefühlt, ist m feinen Freundschaften allezeit zärtlich, und von Der fein­sten Empfindung: und man muß in Ansehung der Frauenzimmer gestehen,