174 Wochenblatt.
Du bist ein Schwärmer! - so sage ich oft zu mir, wenn ich die Fühllosigkeit Vieser Betrogenen entschuldigen will. Vielleicht ist es nur ein Vorzug deines Temperaments oder deiner Einbildungskraft, überall Scenes Der Freude zu erblicken. Deine geschäftige Phantasieschaft dir, gleich einer gütigen Fee, lauter goldene Welten. Kaum schwinget sie ihren mächtiges Stab, so Hüpfen sogleich tausend kleine Freuden um dich herum und täuschen deine Empfindung. Der fette Wollüstlcr und Der ausgemergelte Geizhals werden dich für eben so unglücklich und betrogen halten , als du sie. Erreget nicht der 'Anblick des Goldes in der Seele des Geizigen eine eben so angenehme Empfindung, als in der deinigen, die reizende Aussicht in eine schöne Frühlingsgegend? ♦) Es sind also entweder beede Empfindungen zugleich wahr, oder sie täuschen beide. Allein ein Genus; ohne Leidenschaft und eine Prüfung ohne Vorurtheile überzeugen uns, daß beides nicht seyn kann. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Wenn ich in »kühlende Schatten hingestreckt am Tage die Schönheiten der Natur empfand und am stillen Abende mit meinem Freunde das Herz zu sympathetischen Gefühl stimmte, oder den schönen Musen opferte: so blieben diesee- ligsten Spuren der genossenen Freude in meiner Seele zurück. Aber wenn ich zuweilen, vom Vorurtheile oder den Leidenschaften hingerissen, auf einem Felde Vergnügen erndten wollte, wo es andere suchten : o , da war nach dem kurzen Genüsse die Ruhe weggcscheucht und die Seele trübe. Es mögen nun die sanften Freuden, die man im Schoose Der Natur und der Musen geniesset Geschöpfe der Schwärmerey und der erhöheten Einbildungskraft scyn oder nicht: so sind sie dennoch Die einigen, Deren Genuß keine Thranen und Unruhe zeuget und Der allen Menschen bereitet ist. Aber die meisten Sterblichen sind in der Wahl ihrer Freuden < wie der einfältige Bauer, Der unachtsam vor den Meisterstücken unseres Dürers vorbeigehet, aber mit herzlichem Vergnügen die Carricaturgcsichter Der lieben Engel betrachtet, womit ein Idiotin der Kunst manchen öffentlichen Ort schändet. Man setzet heut zu Tage überall Prämien auf ökonomische und mechanische Entdeckungen; warum sollte man nicht auch fühlbare Seelen durch Belohnungen aufmuntern, unbemerkte Freuden bekannt zu machen, und die
*) Man könnte hier über die Verschiedenheit des Geschmackes an Guten eben solche Bemerkungen machen, als Hr. Prof. Riedel in seinen vorlreflichen Briefen über das Publikum über den Geschmack am Schönen. Ob ich gleich wohl weis, daß der Gcschmack an dem Schönen nicht ohne Unterschied mit dem Ge- schmacke am Guten dürfte vermenget werden.


