Ausgabe 
29.11.1774
 
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378 Wscherrblare-

Und wie weit haben es die klügste und muthigsie Völker der Erde nach so vielen und mühsamen Versuchen in mehr als fünfzig verstossenen Jahr­hunderten gebracht? Ist nun bei irgend ehret Nation der Trieb zur Freiheit befriedigt? Kann sich der stolze Bürger des freiesten Staats eines merklichen Vorzugs rühmen vor den Unterthanen des unumlchrctnkcen Monarchen? Führt nicht der über seine Freiheit so eifersüchtige Britte wegen (einer unbe­friedigten Sehnsucht eben so bittere Klagen, als der sich selbst behcrscheNde Bürger in einer Demokratie? Dis alles führt uns auf den Schluss, daß entweder die Freiheit ein erdichtetes Guth seyn müsse; welches unsere Ein­bildung berhöret und sich desto weiter von uns entfernet, je eifriger wir e6 suchen; oder daß der größte Theil der Menschen das Ziel seiner Wünsche nicht kennet und sich in der Wahl der Mittel verstehet, durch welche er hoft zum Besitz derselben zu gelangen r in den Besitz einer Sache, die nach dem einhelligen Geständnis der Weisen die Ruhe und Zusriedenheit unserer irdischen Lebenstage befördert, und aus eben dem Grunde würdig;ifi in nähere Betrachtung gezogen zu werden- -

Ist die Freiheit ein erdichtetes Guth, das nur in der erhizten Einbili dungskraft ausschweifender Thoren seinen Srtz hat, steht sie mit Dem sittli­chen Zustand und mit der bürgerlichen Verfassung, in welcher sich jetzo un­ser Geschlecht befindet in einem offenbaren Widerspruch; so können wir nie, malen, so lang dieser Zustand fortdauert und diese Verfassung Statt hat, zum Besitz derselben gelangen. ES ist unmöglich, daß unsre Wünsche sol­len können befriediget werden.

Mein, das erste, daß die Freiheit ein erdichtetes Guth sei, scheint mir mit Wahrheiten zu streiten, denen die Vernunft einen ungezweifelten Beifall erteilet. Der Trieb zur Freiheit, ist wie die Erfahrung aller Zei­len zur Gnüge beweiset, allen Menschen gemein. Haben aber nicht allge^ meine unschuldige Triebe, die die Gemürher der Menschen ohne Ausnahme beherrschen, so wie unsere Natur selbst, ihren Ursprung von Gott , dem rrften Urheber aller erschaffenen Dinge? Und dieser liebreiche gütige Vater, der uns durch so unzählbare Beweise von seinen huldreichen Gesinnungen überzeuget, solte um seine arme Geschöpfe zu plagen einen Trieb in unsere Her­zen gepflanzt haben, der niemalen erlöschet und doch niemalen kann befrie­diget werden ? Nein, dis kann ich von dem Schöpfer der Welt, von dem Vater der Menschen nicht dencken 1 und wolle ich'S denken, so würde sich meine