Ausgabe 
22.2.1774
 
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sämkekt und Poesie sind offenbar zwey rechte Schwestern, und vielleicht ist die Mahlerey nur eine halb Schwester, und bey dem allem, welches pa­radox scheinen möchte, mit der letztem naher verwandt als mir der erstern: La im Gegenrheil die Ton und Tantzkunst auch mit ihnen , aber in noch viel entferntem Graden in Verwandschaft stehen. Noch fehlt es uns, wenn ich so reden mag, an einer völlig berichtigten genealogischen Tabelle über die schönen Künste. Was man von ihrem Unterschied und ihren Grän- tzen bisher geschrieben hak ist gut, aber bey weitem noch nicht hinlänglich. Die Mahlerey stellt Sachen vor, die zugleich nebeneinander sind , so wie die Poesie Vorstellungen von Dingen enthalt, die auf einander folgen. Man kann hieraus verschiedene wichtige Anmerkungen ziehen , aber man bekommt wenig Entscheidendes, das nemliche, was man von der Poesie sagen kann, gilt auch von der Tanzkunst und gewissermaßen auch Musick; und doch sind Poesie und Mahlerey auf eine gantz andre Art von einander unterschieden, als Poesie und Tonkunst. Wenn das angeführte Merck- mahl das einzige wäre, das in Betrachtung käme, so müsten eben die Re­geln , die man zum Vortherl der Poesie daraus gezogen hat, gleichfals von den beyden andern angeführten Künsten gelten, und folglich hinlänglich seyn, Mahlerey und Musick in allen Fällen zu unterscheiden, welches doch offenbar falsch ist. Man muß noch auf viele andere Merckmahle weiter Bedacht nehmen, wenn man Poesie und Mahlerey gehörig unterscheiden will. Sonst bekommt man niemalen Grundsätze, die derjenigen Kunst, davon die Rede ist, eigenthümlich und angemessen sind. Es sind Pfian- zen, die zwar auf diesem, aber auch eben so gut auf einem jeden andern Boden wachsen können. Man hat richtige Sätze, aber weil das Allge­meine und Besondere durch einander gemengt wird, so hak man nichts cha- racterisches: So machte es unter andern auch Batteux. Sein Grundsatz von der Nachahmung ist unter gewissen Bestimmungen richtig, aber allen übrigen Künsten eben so gut gemein als den schönen; und der Schneider, verein Kleid verfertigt ahmt die Natur so gut nach, als wie der Mahler.

Es sind also bey einem jeden einzelnen Gegenstand der schönen Wis­senschaften drey Stücke zu betrachten, zuerst das Eigenthümliche, wodurch derselbige von allen Nebenarten unterschieden ist: hernach dasjenige, worin- mn er allen seinen Nebenarten ähnlich ist, und wodurch sie insgesammt zu einem gemeinschaftlichen Geschlecht gehören. Und endlich ist es auch sehr ost nörhig, mehrere Geschlechter mit einander zu vergleichen, und auf ein entfern.