Ausgabe 
20.12.1774
 
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Wochenblatt. 4»?

Ich sah' empor, und erblickte einen Thal zwischen zwey Gebürgen, daS selsicht und unfruchtbar war; der Weg durch dasselbe war nicht grün, und Die Berge machten keinen Schatten ; die Sonne warf ihre Stralen senkrecht in dasselbe, und alle Quellen waren ausgetrocknet. Aber eben dieses Tba! endigt sich in ein angenehmes und fruchtbares Gefilde das von einem Wäldchen beschattet, und mit Gebäuden geziert war. Veym zwee- ten Anblick entdekte ich in diesem Thal einen ganz abgezehrten und nakten Menschen, der aber eine stöliche Miene zeigte, und dessen ganzes Betra­gen lebhaft war; er heftete seine Blicke auf die Gegend die vor ihm lag, sähe sie an, als wenn er darnach binlaufen wollte, er wurde aber zurück- gehalten, als ein andrer durch eine unbekannte Einwirkung fortgetrieben wurde. Bald würd' ich einen plözlichen Ausdruck des Schmerzes an ihm gewahr, und bald schlich er mit langsamen Schritten fort, als wenn seine Füse auf den rauhen Weg angeheftet wären. Aber die Heiterkeit feiner Mime kehrte alsbald wieder zurück, und er gieng weiter fort, ohne daß man nur einen Schein des Mißvergnügens, oder der Beschwerden an ihm bemerkte.

Ich kehrte mich wieder um zu d-em Engel, voll Ungedult zu erfor­schen aus welcher geheimen Quelle die Glückseligkeit ihren Ursprung hätte, in einer Gegend, die von Der so sehr unterschieden wäre, in Der man sie erwarten könnte? Er kam aber wiederum meinem Verlangen zuvor.At­met - sagt' er - gedenk' an das, was Du gesehen hast, und laß diese Er­innerung tief in Dein Herz eingeprägt seyn. Gedenke Daran Almet, Daß diese W 'tt, die Du bewohnest, nur Der Weg zu einer andern ist, und daß die Glückseligkeit nicht von Dem Wege selbst, sondern von Dem Ende des­selben abhängt: Der Werth von Dem itzigen Zeitraum deines Dasiyns ist von Furcht und Hofnung eingeschränkt. Der Elende der in Den Garten emzuschleichen wünschte, und mit Entsetzen Die Granzen desselben umsahe, war von aller Freude verlassen, weil er Die Hofnung aufgegeben hakte, und wurde unaufhörlich von Der Besorgnis gemartert, er möchte das ver­lieren , wovon er noch keinen genügsamen Gebrauch gemacht hatte. Die Vögel sangen ihre Lieder so oft, daß man ihnen endlich nicht mehr zu­lauschte, und dieBlumen blüheten so oft wieder auf, daß man vergaß ihre Pracht zu bewundern; der Bach rieselte fort, aber man gab nicht acht drauf. Er fürchtete sich seine Augen auf diese Aussicht hinzurichten, da­mit er nur die Verwüstung nicht zu sehen brauchte, mit Der sie umgränzt

Er e z war.