Ausgabe 
8.3.1774
 
Einzelbild herunterladen

7t Wochenblatt»

Alcht m Dürftigkeit geblieben- ftyn, wo die Künste allemal Belohnung ge- funDen, wenn ibn seine de ständigen Krankheiten nicht immer auf dem Bet­te gehalten hätten. Ein verzehrend Fieder ließ ihm nicht die Kräfte, den Meissel zu fassen, und fraß zugleich denjenigen Vorrath , welchen er sich bei) gefunden Tagen ermorden hatte. Er lebte bereits in einer merklichen Dürftigkeit welche ihm um fo empfindlicher war, weil Angelina nut da- hey leiden mußte , die er auf das zärtlichste liedete. -Oft sah er sie mit thranenden Augen an; und Zlngelina , welche die wahre Ursache dieses Kummers wohl wußte, tröstete ihren Vater mit einer wundernswürdigen Standhaftigkeit r und erwies ihm so viel Sorge und Ehrerbiethung, alö wenn sie alle Reichthümer der Erde von ihm zu erwarten hätte. Fabio befaß Verstand und Erfahrung, welche noch die einzigen Mittel waren, wodurch er feiner Tochter feine Liebe zeigen konnte. Er bemühete sich, ih­ren schönen Geist aufzuklären, ihr die Größe der Tugend bekannt zu ma­chen, und durch seine klugen Vorstellungen zu verhindern, daß sie weder aus Leichtsinnigkeit, noch aus Einfalt fehlere. Seine Bemühung war nicht vergebens. Die Tugend und der Verstand der Angelina kamen ih­rer Schönheit gleich > und find denn Tugend, Verstand und Schönheit sicht schätzbarer, als alle Rcichthümer?

Antonio sah ferne schöne Nachbarmn und llebeke sie. Er erkundigte sich nach den Umständen diefts einsamen Hauses, und erfuhr bald die ge­heime Noch desselben. Diese Nachricht erweckte bey ihm keine Verachtung gegen Angelina, feine Liebe ward vielmehr durch daö Mitleiden noch zärt­licher, welches er empfand, diefe schöne Person unglücklich zu wissen.

Angelina hakte ihren Nachbar nicht weniger bemerket; und der Ruhm, den ihm die ganze Stadt beylegete, war ihr unverborgen. ES schien, als wenn sie Theik an demselben nähme, ohne daß sie die eigentli­che Ursache davon zu entwickeln wußte, und sie konnte sich nicht enthalten, eine geheime Freude empfinden, wenn Antonio gelobet wurde.

Dieser edelmüchige junge Kaufmann hakte Angelina nicht vergessen. Er bemühte sich, sie naher kennen zu Irenen, um zu erforschen, ob er fei­nem Herzen Gehör geben sollte, und es glückte ihm endlich, sie in Gesell­schaft anzutreffen. Bisher war Antonio nur von ihrer Schönheit gerühret worden, allein gegenwärtig ward er von ihrem Verstände und von ihrem Hroßmülhigen Betragen ganz eingenommen.