Ausgabe 
5.10.1773
 
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Wochenblatt-

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lich, sie in bessern Umstanden zu sehen; nur helfen will er ihnen nicht. Der kleinste Beystand, den er ihnen leisten soll , ist in seinen Augen schon ein Schritt, der über dieGränzen der Freundschaft geht; und Herr Hartsinn ist viel zu gewissenhaft, einen Schritt von dieser Art zu thun. Fraget man ihn, was er denn für die wahren Grunze dieser Pflicht halt, so wird er nichts anders sagen können, als daß alles, was ihm unbequem ist, über­trieben sey. Uno unbequem ist ihm alles, was nicht für ihn selbst einen gegenwärtigen Nutzen mit sich führet. Noch neulich lag sein getreuester Freund auf dem Krankenbette. Ein unglücklicher Zufall hatte ihm sein ganzes Vermögen geraubt, und der arme Mann konnte nicht einmal so viel Geld aufbringen, sich eine ordentliche Wärterinn zu verlchaffen. Herr Hartsinn erfuhr die Krankheit seines Freundes. Er lief eilig zu ihm , er beweinete sein Unglück, er suchte die kräftigsten Trostgrünve der Religion und der Vernunft hervor, denKranken aufzunchten. Die Hausleutesag­ten ihm endlich in geheim, daß es seinem Freunde an Geld fehlete; Herr Hartsinn zog die Achseln, und sagte: dem armen Manne ist nicht zu hel­fen. Denn daß ich für ihn bezahlen sollte, kann er nicht verlangen. Er dauert mich herzlich. Darauf wünschte er seinem Freunde gute Besserung, und gieng weg. Der Kranke starb wenig Tage nachher, weil der Man­gel an allen Hülstmitteln seine Krankheit tödtlich gemacht hatte-

Kallias hat seit verscbiednen Jahren eine vertraute Freundschaft mit Nikandern unterhalten. Neulich war Nikander aufdem Wege, einevor- theilhaste Bedienung zu erhalten. Es kam dabey nur auf einige Unter» Handlungen an, die Nikander nicht selbst führen konnte. Er trug es sei­nem Freunde, dem Kallias auf, sie zu besorgen. Kallias übernahm die Besorgung, aber so, daß er das Amt, welches er seinem Freunde ver­schaffen sollte, für sich selbst nahm. Beschuldigte man ihn deswegen einer Falschheit, so rechtfertiget er sich gleich. Er behauptet, Nikandern von Herzen gut zu siyn; aber so weit gehen die Granzen der Freundschaft nicht, saget er, daß ich dabey mein eigenes Bestes versäumen sollte. Mein Freund wird sein Glück noch wohl zu einer andern Zeit finden können. Ich muß­te zuerst für mich selbst sorgen.

Herr Schlaukopf bat niemals einen bessern Freund gehabt, als den gutthätigen Timant. Jetzt befindet sich Tunant in bedrängten Umständen, weil ihn boshafte und mächtige Feinde verfolgen. Kein Mensch könnte ihm besser