-oz (JSießer XVocbett#12Mntt/ Num. XXXIX.
fm. Cs ist nichts nützlicher^ imD auch nichts flefdht lichers. Wie die allzu lange Einsamkeit den Geist schwächet; also zerstreuet allzu viele Gesellschaft das Gmiüth.
Es ist gut/ daß man manchmal in sich selbst gehet; ja cs ist iiöibig/ daß man sich sclblt eine genaue Rechenschaft gebe/ was man geredet/ was man gedacht/ und wie weit man in der Weisheit zugenommen habe. Will man von dem Lesen und von den Unterredungen / dir man mit andern gehabt/ die Früchte einernten / und was man gesehen hat / sich zu Nutzen machen; so wird Stille/ Ruhe und Nachdenken dazu erfordert.
Es ist Zeit zu dem Studieren und zu den Geschassten / welche man in seinem Amte zu verrichten verbunden ist / nöthig. Wir können unser ganzes Leben nicht in Gesellschafften zubringen. Die Unwissenheit gereichet emt'in ehrliebei-den Manne allezeit zur Schande. Sein Stand entschuldiget ihn nicht / und der Umgang mit den Leuten lehret ihn nicht genug. Wenn man allen diesen Dingen zugleich gehörig oblieget; so erlangt man einen grossen Vorzug vor denen/ welche sich nur mit einem beschaff: igen.
Das Studieren ist die beste Nahrung für die Seele.' Es ist die Quelle der vortresiichstcn Erkenntniß. Das Stiidiercn verbessert die Gaben der Natur; der Umgang aber giebt ihnen die rechte Zierde. Er lehret/ wie man einen guten Gebrauch von den Büchern machen soll/ und durch ihn kann aus einem Gelehrten ein rechtschaffener Mann werden.
Das Studieren macht/ daß sich ein grösserer Unterschied zwischen einem Gelehrten und Unwissendem als zwischen einem unwissenden Menschen und dem V-ehe zeiget. Aber das Ansehen/ welches man sich durch die Gemeinschaft Wit den Leuten zu Wege bringet/ unterscheidet einen höfiichen und gesitteten Mann noch mehr von emem Gelehrten. Die Wissenschaft fängt an / einen wohlgesitteten Mann zu machen/ und der Umgang bringt ihn zur Aollkornmenheik.
Wenn ein Mensch/ der- sich viel auf seine Belesenheit einbildet/ zu erst unter die Leute kömmt; so begehet er fast allezeit Fehler. Erhohlet er sich nur aut? seinen Buchern Raths; so stehet er in Gefahr / nichts anders als ein ungeschickter Mensch zu fenn. Das unmäßige Studieren macht das Gemüch ungeschliffen und bewirbt sein Gefühl un» alle scme Empfindungen: der Umgang aber mit unfern Freunden muß cs feiner und bester mache-i. '
Man ist glücklich/ wenn man einen treuen/ scharfsichtigen und geschciden ^reimd findet; einen treuen/ der uns nichts vcrhöhket; einen scharfsichtigen/ der unsere Fehler merket/ und einen geschciden/ der sie uns gchörig verweiset: Allein das gröste Gluck ist/ daß man feinen Rath annimmt. Es gcschiehet oft/ daß wir uns eine ehre Darauf machen/ nichts a's unfern eigenen Einsichten zu folgen. Und darin find mir den Reisenden gleich/ welche sich verirren/ weil sie keinen Wegweiser mit- nehmen / oder nicht fragen/ wo Der Weg hinMgehet.


