f«;g Gresser Wochen--Blatt, Num. XXV.
Solche Sachen entstehen daraus/ wenn man die Maximen der Penelope hat/ und/ wofern daü wahr rft / was wir kaum von ihr erzählet haben / so ist sehr vcmiukh- hd) / daß sie/ wann sie in die Umstande der Lucretia gekommen wäre / in eben diese.dc Verzweigung würde gefallen seyn. Worzu l)at man aber nüthig/ sich derglei- eben Unglück auszufetzen ; man erlaubt lieber ein Küßgen in Ehren / so wird man nach und nach dazu aufgelegt / auch was weiteres zu ertragen. DaS ist in der Tbat etwas nachdenkliches und etwas / daö uns in unsrem Gewissen überzeuget / daß die Erdul« düng verliebter Küssen auf Seiten des Frauenzimmers / als ein gewisses und sichres Mikkel wider den Lucretzischen Selbstmord allerdings jederman verdienet angepriesen zu werden. Zudem scheinet man ein ziemlich neidisches Gemüth dadurch zu verrathen/ wenn man seinem unschuldigen Nächsten/ der einen herzlich liebt / und der vor Br« Zierde ein wenig an einem zu kecken mit allen Gliedern des Leibes zittert / diesen kleinen Gefallen abschlägt- Man hat ein Exempel von einem schlechten Manne in der Gegend/ der einer schwängern Frau vergönnet/ dreymal in seinen blosen Arrn zu beissen und mit seinem Blute ihre Lust zu stillen; warum sollte man einem/ wohl nicht am Leibe/ doch in der Seele mit weiteren Gedanken/ die «hin sonst ohnfthlbar qbgehen würden/ schwängern Freunde riicht den Liebesdienst erweisen und ihn / damit wir nach der verliebten Sprache reden / etliche Rosen von den Lippen pflücken lassen/ die nicht nur ohne Schmerzen / sondern noch dazu mit bevderfeitigem Vergnügen abgebrochen werden können ? Wenn ein Mannsbild ein Feind der Küsse ist / so zeigt es ganz deutlich/ daß ihm vor der reinen und zarten Haut des Frauenzimmers eckelt / und das ist ein Beweis / daß es kein rechter Mensch ist. Denn ein solcher muß denken / daß ein Weibsbild Fleisch von seinem Fleische ist / davor er Feinen Widerwillen haben darf/ besonders wann eS sauber ist. Ist es also ein Vorzug eines Vernünftigen vor andren / daß er in allen seinen Thaten sich als ein Mensch erweiset; so erfordert auch die von den Gesetzen auferlegte Weisheit von einem Manne/ daß er sich im Küssen fleissig übe. Die Natur weis uns gar wohl ihren Willen bekannt zu machen / wenn man nur auf ihre Stimme achtete. Man sehe einmal das unvernünftige Vieh oder Leute an/ die ihren Begierden eben wie dasselbe den Zügel schiessen lassen; so wird man die Triebe entdecken/ den man zu folgen hat. Einige Thiere beriechen sich/ andre belecken sich/ noch andre schnäbeln sich / mit einem Worte / ein jedes hat seine Liebkosiingen; also versteht man ja daraus / daß dem Winke der Natur zu Folge die Menschen einander küssen müssen.
Nun haben wir gewiß das unfrige rechtschaffen gethan. Denn dielverlieb- ten Küsse sind noch von keinem Menschen so herausgestrichen und ihre Güte ist nie so erwiesen worden / als von uns. Die Eigenliebe flieht uns daher das Recht zu vermu- then / daß alle diejenige, die durch unsre Moral bisher beunruhiget worden/ durch unsre jetzige Mühe wiederum werden besänftiget werden. In derselben Hofnung wollen wir nun zum Beschlüsse noch alle Einwürfe aller möglicher Widersacher mit einer bündigen Kürze in eins zusammen ziehen/ und dieselbe alle mit einem Schlage zu Boden wer-


