Gresser WSchett-Blatt/ Num. XXV
haben wir nicht die Ehre zu kennen/ und die wir kennen / fertigten uns damit ab/ daß sie sagten / es gehe sie nichts an. Unsre drey gute Lehrmeisterinnen / die man unter hem unrechten Namen gerathen hat/ wollten auch nicht mit der Sprache heraus/ so wohl weil wir ihnen vorher aus Unvorsichtigkeit im Vertrauen gesagt/ daß sie ihre Gedanken von der Kleiderzierde in Gesellschaften nachdrücklicher verthardigen oder gewär- thiget seyn sollten / daß wir nach dem Beyspiel des H. Augustins Widerruffungen schrieben um die verlohrne Gnade ernigee Frauenzimmers wieder zu erhalten; als auch weil man ihnen ansehen konnte / daß sie solche Grundsätze hegen/ mit welchen man nicht heraus rücken darf/ ohne zu wagen / daß man es noch ärger verdirbt- WaS war also zu tbun ? Wir verfielen auf einen andren Amchlag und siehe! er schlug wie- der sthl. Denn wir hielten davor/ man müsse sich ein ganz vollkommenes/ wolggezo. aenes/ vernünftiges/ tugendhaftes und dabey doch galantes u. s. w. Weibsbild/ mit einem Worte em unverbesserliches Muster des Frauenzimmers/ in der Einbildungs- kiiist vorstellen und alsdenn die aus seinen Eigenschaften vermutheteMaximen als solche/ die von allen andern gebilliqet werden mü|ten/ vertragen. Allein dabey kamen so viele Bedenklichkeiten vor / daß wir es wieder willig fahren liessen. Denn / um nur die hauptsächlichste anzusühren/so fürchteten wir dieses den Engeln allerdings nahekommende Bild möchte uns aus Mangel genügsamer Lebhaftigkeit und Nachdenkens mcht recht gerathen und zu Lehren verleiten / die von feurigen Köpfen mit spöttischen Anmerkungen könnten durchgezogen werden. Diese Furcht stärkte noch das/ daß ein solches Frauenzimmer kaum einmal in der-Welt ist/ und folglich von den andern so oft Überstimmt werden muß/ daß/ wenn auch an aller unsrer auf seine Vorschriften gewendeter Mühe nichts auszusetzen wäre / sie dennoch in keine Betrachtung gezogen werden würde. Also war nichts übrig/ als daß wir/ da wir doch von Küssen reden sollen / erst von solchen sprechen/ dabey wir feine Gefahr habm uns zu versehen / und alSdenn zu letzt von den gefährlichen so handeln/ daß uns kein Tadel treffen soll/ als welchem diejenige selbst unterworfen sind/ deren Handlungen wir urfie Richtschmy fepn E^n^er wird nicht nur durch die Gewohnheit gerechtfertiget / sondern die Vernunft selbst muß ihn leben/ in so weit er ein Zeichen unsrer Unteribämgfeit und Hochachtung ist. Es ist uns eine Ehre / wenn em grosser Herr uns vergönnt/ daß unsre Lippen seinen Rock berühren / und er unterscheidet uns von andern vorzüglich/ wenn er uns an dessen statt die Hand barbutet. Wir können ihn nicht in die Seele sehen lassen / so müssen wir durch äusserliche Kennzeichen an den Tag legen/ was in ihr jss. Warum fällten nicht also unsre Lippen/ die gewöhnliche Dollmctscher des Herrens/ auch hier auf eine besondre Weise eine besondere Gemüthsverfassung auszudru. cken die Erlaubniß haben/ und wie könnte man den hohen Begriff von dem andern und folglich die Erniedrigung ferner selbst besser zu verliehen geben/ als daß man durch Er- Sreiffung des Kleidesanveuket/ daß man sich vor unwürdig erkennet/ die Glieder selbst gnzmührelr?


