Dienstag dcn rrren Jul. i7fo. 117
selbst. Di« Meinung ist nicht dich/ als wollten wir den / der des Lasters auf der ei» rien Seite schuldig ist/ von demselben auf der andern loßsprechen. Im geringsten nicht r wir behaupten vielmehr das Gegentdeil und ein jeder wird leicht begrechen' daß es nicht ohne Grund geschiebet. Vielmehr ist das die Absicht/ daß man desto umständlicher einsieht / wie weit sich der Selbstbetrug erstreckt/ und wieviel Unkraut man ausreissen muß / wenn man sein Herz davon ganz reinigen will. Denn es ist aus der betrübtem Erfahrung bekannt / daß die Leute mit der Vertilgung der Bosheit gar zu bald fertigt sei-n wollen/ und eben daher sie selten zu Stand bringen.
Die Pflichten gegen ©Ott sind die allerwichkigsten; es ist also billig/ daß, wir von der Heuchele» gegen uns selbst in Ansehung jener zu erst sprechen. Wer ©Ott von ganzem Herzen / von ganzem Geniüthe und aus allen Kräften liebet, der lhur alles/ waö er ihm schuldig ist und in seiner Schwachheit vermag; also ist diese ganz aufrichtige Liebe der Innbegriff oder wenigstens der Grund aller Pflichten gegen GL)tt- Wenn man sich also selbst weiß macht/ man liebe GOtt aus allem Vermögen/ da man rö doch nicht thut/ und aus der ganzen Einrichtung aller seiner Handlungen siebt / oder/ wenn man sich nicht selbst mit Fleiß verblendete / deutlich sehen müßte/ daß man eS nicht tbut/ so betrügt man sich aus eine Weise/ die man in Ewigkeit bereuen wird. Die Sache ist werth / daß man sich tieffer einläßt. Es stehet geschrieben 1. Jot), iv. 10.11. So jemand spricht: Ich liebe G^tt / und hastet seinen Bruder/ der ist ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebel/ den er sichet/ wie kann er GOtt lieben/ den er nicht sichet. Und dies Gebvtt haben wir von ihm/ daß wer GOtt liebet /' daß der auch seinen Bruder liebe. Wie steht es nun um mich/ wenn ich mich vor fromm halte/ und von anderngleichfaüs davor angesehen seyn will/ und entdecke gleichwohl den Haß gegen meinen Bruder in meinem Busen ? Wenn ich hochmüthig und der eiteln Ehre geihig bin/ daß man mir nicht Titel und Rang genug geben/ daß man sich nicht genug vor mir bücken und mich genug anbeten kann; wenn ein Wort / das nicht nach meinem Sinne gesprochen wird/ mich in Harnisch jagt/ daß ich meinen Nächsten schelte und schmähe ; so ist mein Bruder ein Wurm und kein. Mensch in meinen Augen/ und liebe ihn nicht nur nicht / wie mich'selbst / sondern halte ihn vor eine verächtliche Creatür- Wenn ich mich meiner Frömmigkeit halbe», über ihn erhebe/ und mit dem Pharisäer GOtt banke / daß ich nicht bin/ wie andre Menschen und wie dieser / oder jener Zöllner; wenn ich ihn meines Umgangs nicht würdige unter dem pharisäischen Vorgeben/ daß ich mit Weltmenschen nichts will $it thun haben / da doch Christus mit einem ganz andern Exempel vorgienge Marc, u. if.16.17, und ich mir also deswegen auö Marth- v. 20. yie fernere Rechnung ma- chen könnte; wenn ich bete/ daß ich von den Leuten gesehen werde; wenn ,ch denjenigen/ der mir meinen Jrrtbum entdeckt/und mich des Hessin belehrt/ nicht mehr box; Augen leiden kann : so bin ich ein Lügner / wenn ich sage / daß ich GOtt liebe. Hat. dti- Weih meine Seele besessen; ich ziehe dem armen Nächlien ab - wo ich kann/ damit ich desto reicher werde; tch theile dem Noihleidenden von meinem Ueberflusse nichts mit


