r;z Giesser Wochen--Blatt/ Nam. XX.
allem ist/ unv nicht von der Kraft der sinnlichen Begierde unterstützet wird/ so ist er schläftig/ treibet nicht streng genug an/ und lasset sich von mittelmäßigen Hindernissen Dergestalt schrecken/ daß die beste Absichten nicht oder wenigstens nicht mit dein gebührenden Nachdruck ausgeführet werden. So bald sich aber eine männliche Stäike der Affecten mit der Güte des Willens vereiniget / und bevde gleichsam in einen Trieb zusammen fliessen; so geben sie der Seele <ine grosse Lebhaftigkeit und Munterkeit/ befördern die Ausübung der Tugend mit einer vernünftige» Heftigkeit/und gebähren eine gewisse löbliche Hartnäckigkeit oder Unübrrwindlichkeit / die alle Hinderniße überwältiget und aus dem Wege räumet/ damit die rühmlich vorgenommene Endzwecke mit einem hinreichenden Eifer erreichet werden. Das ist die oberste Staffel der Glückseligkeit/ nach welchen die alte Weltweisen / die mehr auf das Thun als aufs Wissen ae- sehen / gerungen haben. ES gehöret aber Kirnst imb Macht über sich selbst dazu / um derselben theilhaftig zu werden. Confucrus ein uralter Chmeser gab sich alle ei sinnliche Mühe darum / brachte es auch in der That sehr weit; er rnerkte alle zehn Jahre an und sagte seinen Zuhörern/ wie viel er ausgerichtet; in einem hohen und der Grube nahen Alter aber bekennte er / wenn er noch so viel Jahre vor / alö hinter sich hätte/ s» hoste er nicht weit mehr von diesem Gipfel der Vollkommenheit entfernt zu seyn.
Weil also die Sache von so grosser Wichtigkeit ist/ so lohnet es die Mühe/ sich um eine Kunst zu bekümmern / wodurch man die sinnliche Begierde mit dem vernünftigen Willen zur Einigkeit bringe. Diese ganze Wissenschaft bestehet in sehr wenigen leicht zu begreifenden aber schwer auözuführenden Regeln. Es kommt alles darauf an/ daß man zuvörderst einen recht festen und lmbeweglichen nicht nur im Munde sondern in der Seele und im Herzen befindlichen Vosah fasse / nicht das mindeste zu begehen/ als was mit der Hauptabsicht seines Lebens übeiemkommer/ oder/ welches eben so viel ist/ dem Gesetze der Natur und dem Willes Gottes gemäß ist. Diesen kann man erhalten/ wenn man ernstlich bedenket/ daß das Gesetz Gottes keine Last / keine blos zur Beweisung der -Oberherrschaft uns aufgelegt, Bürde / sondern ein väterlicher Befehl ist / worin uns nichts gehörten wird/ als das was uns glückselig macht / und nichts untersagt/ als was uns ins Elend und in das Verderben stürzet. Dir Natur fehlst treibt den Menschen zur Begierde nach seinem Wohl; wenn er also höret / daß solches durch Betrachtung der natürlichen Pflichten erhalten wird/ wie kann er anders/ als sich aufrichtig entschliessen/ dieselbe aufs genaueste zu erfüllen? Die andre Regel ist: Man erhalte durch fleißiges Nachsinnen/ Anhörung vernünftiger Reden und be- dächtliche Lesung weiser Schrifteri eine Fertigkeit in einem jeglichen Falle bald und oh. ne sonderbare Mühe zu beurteilen1 maß dem Gesetze gemäß und ihm zuwider ist. Hier fangen die Schwürigkeiten noch mehr an. Es ist leicht zu begreifen/ daß diese Fertigkeit viele Aufmerksamkeit und Aufklärung des Verstands erfordert; es ist fluch leicht zu sehen/ daß sie nöthig ist. Denn wer hier fehlet / sündiget / indem er wunder meinet/ wie gut ers mache. Zu diesem kommt ferner/' daß man sich eine Gewohnheit zu Wege bringe / alle seine Handlungen / grosse und kleine/ wichtige und geringe/ vorher aufmerksam


