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«56 Giesser Wochen-Blatt/ Num. XX.

»licht von der Vernunft/ sondern von dem Mangel derselben / von der Unvernunft/ und entstehet daraus/ baß inan eins oder das andere nicht deutlich eingesehen und nicht genug bedacht. Er ist folglich ferne von dem vernünftigen Willen und zeiget an/ daß inan in diesem Falle der sinnlichen Begierde gefolget.

Der menschliche Wille ist aus beyden angeführten Arten vermischet. Wir haben so wohl Sinnen / als Verstand ; wir haben so wohl klare und deutliche, als dunkle/ und undeutliche Erkenntniß; daher muß unser Wille theils sinnlich / theilsver- künftig seyn. Die Mischung ist dazu sehr ungleich / denn das Licht des Verstände- in unsrer Seele ist sehr gering und so beschaffen / daß eS mehr Finsterniß übrig lastet/ als Klarheit hervor bringet und hier ist der Sitz des Uebels/ den wir jetzo mehr be- suchten wollen.

Die sinnliche Begierde ist allezeit ungleich viel heftiger und gewaltiger/ als des vernünftige Wille / wie die Erfahrung täglich lehret. Dieser ist gleichsam wie ein guter Freund / der einen Rath gelassen giebt und leiden kann / daß man dawider rhut; jene aber ist wie ein zwingender Tyrann/ der einen mit Gewalt hinziehetund dem man nicht anders / als mit grosser Kraft widerstehen kann- Man stelle sich einmal einen Menschen vor/ der mit Vernunft überleget/ daß es ihm nützlich und nach seinen Umstän­den nöthig sey/ die Vorlesungen aufder hohen Schule fleissig zu besuchen und zu Hause sich weiter zu erbauen/ und der daher den heilsamen Willen fasset/ dieses alles zu thun; wie leicht ist es nicht / daß ihn eine geringere Gelegenheit Die Sinnen zu vergnügen von diesem guten Vorsatze abbringet? Man stelle sich auch daneben einen andern vor / des­sen Herz von den Pfeilen des Cupido verwundet worben/ und den die sinnliche Begier^ de so lange spornet/ bis er den Weg zu seiner schönen Gebietherin zuiückegeleget; was vor eine Veredtsamkeit muß man besitzen um den Entschluß / bas die, cur hie, d.i. sage/ warum du hier bist/ besser zu beherzigen / bey ihmhervorzubringen? Ueber dieses hat die sinnliche Begierde auch das an sich/ daß sie viel geschwinder als die vernünftige entstehet. Es ist nothwendig / daß jene viel eher fertig ist; denn diese erfordert ein Nachdenken und wohlbedächtliche Ueberlegung / womit man nicht in einem Augen­blick zu Ende kommet; jene aber ist gleich da / so bald man beym ersten Anblick dee Sache eine Lust in sich fühlet.

Man müßte sein Leben über niemals geirret haben / wenn man nicht wissen sollte/ daß man sich von einem Dinge einen ganz andern Begriff machet/ wenn man es reiflich und sorgfältig erwogen/ als da man es anfänglich eilend und obenhin betrach­tet. Eben dieses aber bezeuget/ daß/ waö man in den unbedachtsamen und undeutlichen Vorstellungen vor gut hält/ man bei) genauer Prüfung und deutlicher Untersuchung böse befindet und umgekehrt. Daher kommt es/ daß man so oft mit der sinnlichen Begierde will / was der vernünftige Wille fliehet und verdammet, und dagegen mit jener verabscheuet / waö dieser vor rathsam und löblich erkennet; daher kommt es/ daß man ein ander Gesetz in seinen Gliedern sieht/ das da widerstreitet dem Gesetze in seinem Vemürhe/ u-ß w.R^w.7- Dieses ist der betrübte Streit/ dessen Mürkung die Süll-