Ausgabe 
17.3.1750
 
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86 Giesser Wochen-Blatt / Nam. Xl.

Sünde damit auch die Zufriedenheit von ihm genommen werden. -0 wie betrügt man sich also und hintergehet sich selbst/ wenn man sich einbildet/ man sty ein lieber Sohn oder liebe Tochter G-Ottes und/ könne sich ganz sanft in den Schoß desselben nieder legen / ob man gleich ein falsches Herz/ das mit unerträglichem Hochmuth nnd Verachtung deö Nebenmenschen bis oben hinaus angefüllet ist / den Geldgeitz/ den keine Summen ersattigen können / Wollust nnd was sonst vor Triebfedern de- Lasters übrig sind/ mit hinein bringet! GOtt ist kein Mensch der sich hcuchlen liesse/ nnd mit Schmeicheln wird er mehr erzürnet / als gewonnen.

Also gehöret etwas zu dem Vertrauen / welches nicht so leicht ist/ als es sich ansiehet/ und eS ist ganz natürlich / daß man auf die Gedanken kommt: wer ist ohne Sünde / und wer will solchergestalt seine Zuversicht auf GOtt setzen ? Alles ist nsch nicht verlohren/ denn GOttes Gerechtigkeit hebt die Liebe nicht auf/ sondern mäßiget dieselbe nach den Regeln der Weisheit. Der HErr straft nicht wie ein in die Wuth gebrachter Grimmiger / der mit dem Blute deö Übertreters seinen Zorn abkühlet und an dem Unglücke des gepeinigten seine Freude siehet. Sondern er hat kein Gefallen an dem Tode des SünderS; es ist ihin so zu sagen leyd/ daß er uns böseö wiederfah­ren lassen muß/ und gäbe uns lieber gutes/ wenn nur die Klugheit nicht erforderte/ daß der Ruchlose mit Ungemach l zum Verstand und auf den rechten Weg gebracht werde. Die Sünde stürzt den Thüter selbst ins Verderben/ und weil GOtt den Menschen durch Strafe von der Sünde abwenden will / so will er ihn dadurch aus dem Verderben reissen. Also sichet man ja daß GOtt eben deswegen schlagt weiter liebt. Stellet euch einen Varer vor/ dessen Kind sich unartige Sitten angewöhnet. Liesse er es so gehen / so würde seine Bosheit wachsen / und es würde den geraden Weg ins Elend laufen. Er strafet es also auf eine vernünftige Art/ damit er es von dieser ab und auf die Bahn zu seinem zeitlichen und ewigen Wohl bringe. Er schlägt / also in der Thal aus Liebe / ob er gleich wollte / daß das Kind nicht möchte gesündiget ha­ben und folglich auch nicht müßte von ihm hart angegangen werden. Demnach wird/ wie wir uns deö Ausdruckes sorgfältig bedienet/ bey dem Sünder zwar das Vertrau­en auf GOtt gemindert / daß er nicht mehr mit ganzer Freudigkeit nichts / als was ge» wünscht zu werden verdienet/ von GOtt erwarten kann; allein es wird doch noch nicht völlig aufgehoben. Denn es bleibt ihm übrig/ daß er denken kann: Ich habe dich beleydiget mein Schöpfer/ ich bin also werkh/ daß du michs empfititwi leistest/ deine Gerechtigkeit befiehiet es / und mein Heil erfordert es. Ich weis aber du legest mir aus überschwenglicher Barmherzigkeit nicht mehr auf/ als was deine Weisheit / die zugleich auf meinen Vortheil siehet / begehret. Schlage also / ich will gedultig leyden/ und das / was mich betreffen wird/ vor das beste erkennen / daö einem in sich gehenden Uebertreter wiederfahren kann / und will nichts anders verlangen / weil ich sonst bitten würde / du sollest mich in meiner Bosheit laufen lassen/ mich nicht bessern / und folg­lich dich meiner nicht mehr annchmen.

So weit gehet das Licht/ das die Natur in unsrer Seele angezündet hat.

Viel