f4 Giesser Wöcheu-Blatb / Num. VH.
als daß sie tzin Vernünftiger glauben könnte, oder ist der Verleumder zu bekannt und zu geringe; so straft man ihn Mit Verachtung, und verhält sich gegen ihn wider Mono, Der sich das Bellen der Hunde nicht anfechten lasset. Versündiget sich ja ein Mann an uns, dessen üble Nachrede uns schädlich seyn kann; so widerlege man ihn mit der That, und zeige der Welt dasGegencheil mit den Werken/kurz, man verlasse sich auf das Sprichwort: hüte dich vor der That, der Lügen wird bald Rath.
Kennzeichen einer wahrhaften Ehre trift man bey einem in folgendem beschriebenen geringen Manne an, davon der
33te Brief.
Der Amufemens de 1" aautle Nachricht gibt, welchen man deswegen übersetzt hat.
b§in Ort ist so wüste, wo man sich nicht erbauen kann, wenn tugendhafte Leu- iJv le daselbst zu finden sind. Es ist hier ein Ackermann im sieben und achzigsten Jahre seines Alters gestorben. Er war so rechtschaffen , als je ein Mensch seyn mag- Den Tag vor seinem Tode arbeitete er noch über zwey Stunden, in seinem Garten. Weil ich mich öfters mit ihm unterredet hatte, besuchte ich ihn, so bald ich von seiner Krankheit Nachricht erhielt. Aber wie sehr muste ich mich verwundern , da ich ihn mitten unter seinen Kindern bey Tische sitzen sähe. Er wolte mit ihnen seine lezte Mahlzeit halten, um sie zur Einigkeit und zum Frieden zu ermahnen. Als er sich hierauf wieder in das Bett hatte legen lassen , rief er seinen ältesten Sohn zu sich und sagte ihm in meiner Gegenwart mit einer beweglichen Stimme und einem recht gelassenen Muthe: Mein Sohn, ich hinterlasse dir wenig Vermögen; aber eben dasselbe, wovon ich gelebt habe: Arbeite, wie ich , und du wirst alsdenn vor einen Menschen von deinem Zustande genug zu (eben haben. Du fiehest mich auf dem Todbette liegen, aber ich sterbe ohne Unruhe, weil ich mir nie Rechnung darauf gemacht habe, daß meine lezte Wohnung hier seyn würde. Prä^ ge die Furcht GOttes deinen Kindern durch dein Beyspiel ein. Hatte Freundschaft mit deinen Brüdern, und habe Ehrerbiethung für jederman und denke, daß du, wie ich , sterben wirst. Er redete mich darnach also an : Ich bin recht glücklich, mein Herr, daß ich so lange gelebt, daß ich alle meine Kinder zur Tugend habe anführen können: Sie sind mein Trost in meinem Alter gewesen , und ich sterbe in dem festen Vertrauen, daß GOtt für sie sorgen wird- Als er dieses gesagt, reichte er mir die Hand dar, und wendete sich auf die andre Seite. Ich versich- re Sie, daß ich inniglich gerühret wurde. Niemals hat mich ein Held, ein weiser Mann und ein Philosoph so sehr in Verwunderung gesetzt, als dieser arme Mann auf seinem Lager. Er schien sich so wenig vor dem herannahenden Tode zu fürchten, daß man hätte glauben sollen, er gienge ihm von selbsten entgegen. In der That muß man gestehen, daß ein Mann, der ein so langes Leben nur in Einfalt scheinet


