ft Giesser Wochen-Blatt/dkum. Vlk.
die mit dem wahren Wesen der Ehre selten, oder geringe, oder gar keine Gemeinschaft haben.
Aus diesen Gründen fliesten die Regeln, nach welchen die Begierde nach der Ehre en zurichten und zu mäßigen ist. Wer sicher fahren will, der mache sich derse lben würdig, d. i. bestrebe sich, alle Tugenden des Verstandes und des Willens, Verdienste um den Nächsten, um das gemeine Wesen , um dieiWiffen- schäften und mit einem Worie alle schöne und vortrefliche Eigenschaften eines vollkommenen Menschen zu erhalten und überlaste geruhig der Zeit und dem Glücke daß v-rnünftige und auf ichtige Leute von dem Guten, das ihm beywohnet, Nachricht erhalten- Dieses ist der untrügliche Weg zu einer beständigen Ehre, die man nimmermehr verliehren und nach der man ohne Hochmuth und Ehrgeiz ringen kann und soll, zu gelangen.
Zeit und Glück thun allerdings hierbey das ihrige; denn man kann niemand zwingen , daß er ein ungeheucheltes geneigtes Urtheil von uns fällen soll. Des andern Verstand und Willen nimmt Theil an diesem, und wenn ich gleich der ehrlichste Mann von der Welt bin; so kann ich eS mit keiner Gewalt dahin bringen, daß er meine Ehrlichkeit, die ich ihm entweder nicht bewiesen habe oder die er einzus Herr nicht Fähigkeit genug besitzet, erkennet und dieselbe ohne dem Neide Platz zu geben mit Herz und Munde rühmet. Ja das Edle, was wir an unS haben , bekommt erst dadurch die rechte Annehmlichkeit, wenn man stehet, daß wir keine intereßirte Absichten führen , daß wir damit nicht pralen , daß wir es nicht thun um gelobt zu werden. I» weniger wir es zeigen , je mehr buchtet eS hervor, und desto bester gefällt es. - Man findet bey uns immer etwas unvermu- thetes, etwas neues, das man hier nicht gesucht hat, und daS glänzet viel herrlicher , als was ausposaunet und vor den Äugen gleichsam eingeiadener Zuschauer verrichtet wnd.
Viele bemühen sich um Ehre; wenige greiffen es recht an. Man fehlet in Erwählung der Absicht, und trift die unrechte» Mittel. Jene bekümmern sich nicht darum, daß sie sich einen inner ichen Wcrth zu Wege bringen; sondern trachten nur nach dem äusserlichen Scheine- Sie verlangen nicht fromm, nicht gerecht, nicht gelehrt u- s. f. zu seyn, sondern wünschen nur davor angesehen zu werden. Manche richten sich gar nach dem Geschmacke der unvernünftigen Menge, und führen sich so auf, daß sie nach deren verdorbener Einbildung vor etwas besonders gelten. Sie fluchen, schwören , saufen und wälzen sich in den Unflate aller Laster herum, damit sie aus dem Munde der Thoren den Ruhm hören, sie seyn ganze Kerl, die sich um GOtt und die Welt nichts bekümmern. Manche ringen nach hochklingendcn Namen und begehren den Vortritt vor andern zu erlangen, den sie die Schuftemen aufzulösen öfters unwürdig sind. Sie haben den Wahn, die Menschen verhielten sich wie die Ziffern, die viel oder wenig bedeuten, nach dem sie weit zur linken oder zur rechten Hand stehen; oder eine Ueberschrift thue heut zu Tage noch


