p Giesser Wochen--Blatt/ Num. VIT»
feilen rühmet, daß er öfters auf einen Sitz drey Maaß Wein in den Leib schütte, L oen |/ten Batzen nicht achte, um in einer durstigen Gesellschaft sein Meisterstück ahmleaen ; so bildet er sich zwar ein, daß er seinem Helden keine geringe Ehre er* leiae “ Allein wer nicht gerade von eben demselben Schrot und Korne ist, wird sich nach'vernommener beschichte vordem einen so wohl, als dem andern einen sehr schlechten Begriff machen, und, wenn er etwa von dem fein gerühmten vorher et# jv,;s g halten, nunmehro ihn gar nicht achten. Wenn sich demnach jemano aufdie unrichtigen Urteile derer, die das schlimme vor gut ansehen, viel einbrldet, so suchet er seme Ehre in der Schande-. ,
Ist das, was man von uns rühmet, eine wahrhafte Tugend und Zierde dessen, bet) dem es angetroffen wird ; wie ist es möglich , daß es uns zu einer W ten Ehre gerechnet werde, wenn wir es nicht wirklich, sondern blos nach der irrigen Meinung des übel berichteten besitzen? Wer mir nachlagt, daß ich alle mor- aenländische Sprachen vollkommen vu stche, und das Syrische und Arabische fofer- tig rede, als das Deutsche; dem bin ich zwar für die Höflichkeit verbunden , daß er sieh eine so vortheilhafte Vorstellung von mir zu machen behebet: aber so bald ich mich betrachte, so entdecke ich, daß er sich in der Person geirret, und daß ich der nicht bin, dem dieses Lob gebühret. Bin ich also noch so weit bet) meinen Seelenkräften, daß ich mich nicht dem Spiegel zu Trutze in meine Schönheit verliebe, rv.il ein ungeschickter Maler dir Züge des Narciffus tn mein Gesicht gesetzt; so kann ich mir auö solchen Worte', die mich mchts angehen, auch keine Ehre machen. $$ ^er e,ner wahren Ehre erfordert, daß vernünftige Leute die uns kennen, und die da wissen , was gut und böse ist , von uns wohl urtheilen. Wir verlangen nicht gerade grosse und angesehene Personen. Denn es ist leider d>r Erfahrung gemäs, daß die En-sicht bet) denen nicht allemal am großen ist, bey welchen sie es billig seyn sollte. Wir sind zwar nicht in Abrede, daß dir gute Mei- nung der leiten so wohl jederzeit die beste Vermuthung vor sich hat, als auch bett m. isten Vortheil gewahret. Allein wie der höchste Stand n-chk die Macht gewähret, das falsche wahr zu machen , so. bleibet auch das günstige Urtheil, des vornehmsten Mannes, wenn es reine Warheit zum Grunde, und den Verstand nicht rum Führer hat, eine falsche Ehre. Vielmehr ist also die allerbeste Meinung unverständiger Leuten von uns ein Schatten, und eigentlich ein Nachtheu, derselben, weil die klügeren so lange, bis das Gegentheil klar ist , nicht ohne Ursache die Gedanken hegen, daß dieselbe auf einen seichten Grund gebaut seyn werde.
Nichts ist in der Welt gewöhnlicher, als die Verstellung , und dieselbe äustert sich am meisten bet) denen Lobeserhebungen, womit man einander begegnet. Der gröste Theil der Menschen leget sich aufs Schmeicheln, und, wenn man gleich Memuget ist , daß der andre an Leib und Seele nichts tauget; so denket man doch, die Worte kosten kein Geld/und weil man# da doch gesprochen werden muß,


