4$ Giesiek Wochenblatt/ Num. vi.
Wer nicht wohl weite Sacken siebet; der sehe mit Fleiß ohne Glas in die Ferne, und bestrebe sich mit allen Kräften die Dinge zu erkennen. Es wird ihn freylich anfänglich nicht allein ein wenig schmerzen, sondern er wird auch sein Absicht, die Sachen nämlich zu erkennen, nicht erreichen. Wenn er aber alle Tage öfters dieselbe Bemühung unternimmt und damit lange fortfähret, so wird er endlich eine grosse Besserung spüren, und durch ferneres Anhalten endlich seinem Gesichte wie« herum völlig auchelfen. Damit man auch gewiß wisse, daß man schärfer in die Weite sichet, so lege man, ehe man diese Cur vornimmt, ein Buch vor sich; rret- te so weit davon , als man mit genauer Noth noch lesen kann, und messe nur einem Maaßstabe, wie weit man davon ist. Wenn man dann die vorgeschlagene Bemühung ein paar Monate fortgesetzt, so nehme man sein voriges Buch wieder, und messe,in welcher Entfernung man nun lesen kann, so wird man gewahr werden, daß dem Auge viel geholfen worden. Man verstehet hieraus auch, wie man sich aufführen muß, wann man ein besser Gesicht in die Nähe bekommen will.
Ferner hat man die Gläser zu meiden, so lang man kann, und wenn man selbe endlich ja nicht mehr entbehren kann, so spahre man an ihnen das Geld nicht. Wohlfeile Gläser müssen schlecht seyn, weil es nicht möglich ist, vor ein paar Kreutzer etwas tüchtiges zu verfertigen. Schlechte Gläser aber verderben die Augen ungemein. Hat man sich wohlausgearbeitete angeschaft, so trage man Sorge für sie, daß sie nicht verkrizt, oder fonjl trübe gemacht werden. Man stecke sie nicht zu dem Gelds, den Schlüsseln, oder sonst dergleichen harten und kratzenden Sachen in die Taschen; sondern lasse sich ein Futteral darüber machen , und verwahre sie wohl. Hauptsächlich aber sehe man sich wohl vor, daß man nicht zu scharfe d. i. nicht zu hohl oder zu erhaben geschliffene Gläser nehme. Denn dadurch macht man den Fehler gerade ärger. Die zu hohl sind, verursachen , daß der bereits von dem Netzlein zu weit entfernte Crystall sich noch weiter entferne; und die zu erhaben sind, machen, daß eben diese bereits zu nahe Theile noch näher zu sammen kommen. Sie seyen hohl oder erhaben, so fühlet man es bald, wenn sie zu scharf sind ; denn es thut dem Auge leyd, wenn es dadurch sichet, und, so bald man das Glas weg thut, sind die Augen gleichsam wie verilöhrt.
Man kann auch das Gesicht verbessern durch die Gläser, wenn man solche aussucht, die nicht nur nicht zu scharf, sondern vielmehr zu gelinde sind. Denn so z. E- ein ausgehöhltes Glas ein wenig flacher ist, als daß man recht wohl dadurch sähe, so muß man auch zugleich den Crystall ein wenig näher zum netzförmigen Häutlein ziehen um alles recht zu erkennen. Dadurch gewöhnet sich dann das Auge zu dieser näheren Stellung u rd das Glaö passet endlich vollkommen vor das Gesicht. Hat man es mit der Zeit so weit gebracht, so thuc man dieses Glas hinweg und braucht ein andres noch flacheres so lange, bis einem auch dieses wieder recht ist, und so fährst man fort bis man zulezt gar kein Glaö mehr nöthig hat. Eben so verfähret man mit dm erhabenen, wenn man nicht wohl in die Nähe siehst.
Folg-


