Giesser Wochm-Blatt/ Num. k.
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muß Wir haben vor kurzem angefangen, eine andere Jahrzabl zu schreiben, und von der Stunde an ist jederman beschäftiget dieselbe mit unzähligen gesprochenen, aesunacnen, geschriebenen, gegeigten, gepfiffenen, getrommelten rc. Complnnen- ten einzuweyhen. Wenn die Menschen so viel macht über die Natur, als über ihren Mund hätten, so würden von nun an lauter Könige und reiche Fürsten, de- l/en es an keiner Herrlichkeit mangelt, auf dem Erdboden leben. Es bleibet aber, levder' alles wie es war, der Kranke wird nicht gesund, der Arme wird nicht rnch, der Geringe wird nicht gros, und also ist alle Mühe und Arbeit vergebens. Soll «nan etwa bey dem Mangel der Kräften den guten Willen loben ; so wären wir danu sehr geneigt, wenn wir nur nicht deutlich sähen , daß alle Wunsche ein leeres Wortgepränge sind, weil man sie nur am neuen Jahre höret, und die folgende Seit niemand mehr etwas davon erwehnet, vielweniger aber eine Bereitwilligkeit führen lasset, etwas angenehmes uns in derThat zuzuwenden. Es ist nicht we- niaer ausgemacht, daß unter zehen solcher von Glück und Seegen triefenden Anreden kaum eine einzige von Herzen gehet- Die meisten führen Milch und Honig auf derFunqen, und in ihrem Sinne denken sie: Ich wolle, daß du noch heute Arm und Bein zerbrächest. Andern ist im geringsten nichts an unserm Wohlergehen gelegen, sie gönnen uns aber nicht gerade Böses, sondern verlangen nur, daß ficb unser Beutel öfnen soll. Sie verkaufen uns also , vor baar Geld, Waaren dk wir Feit Lebens nicht bekommen, und über welche sie auch nicht zu disponiren haben , sind aber doch noch erträglich , wann sie ohne Aufruhr und Lernun ihre verblümte Nothdurft in der Stille vortragen. Wenn sie aber vollens mit grossem Getöse unsre Häuser erfüllen, oder auf Hornern blasend durch die Strassen reiten, als wenn die ganze Stadt mit Extrapost dem altenjJahre nachfahren wolte, oder mit Krieg und Kriegsgeschrey Vie Thüren belagern; so ist die Art unnöthiges Glück ums Geld heuchlerisch anzuwünschen noch viel wunderbarer und weniger zu loben. Kurl;, zum neuen Jahre gratuliren heißt allemal, man mag es einkleiden, wie man will , so viel, als sich freuen, daß der andre um einen grossen Schritt dem Tode näher gekommen , dreyhundert und fünf und sechzig Tage weniger zu leben, viele unwiederbringliche Gelegenheiten gutes zu thun versäumet, viel böses, das nicht wieder zmücke genommen werden kau, vollbracht hat, und nun desto eher unö mehr Rechenschaft "davon wirb geben müssen , und dieses kan auf eine mehr und weniger verdrießliche Art vorgetragen werben-
Wir können uns nicht entschliessen, unsere geehrteste Leser mit einem solchen Compliment zu beleybigen, wenn wir gleich ben bittern Inhalt mit süssen Worten zu überziehen wüsten. Damit wir aber nach unsrer eigenen Regel die Gewohnheit , Die heut zu Tage jederman beobachtet, nicht gänzlich aus den Augen setzen, so wünschen wir von Grund des Herzens einem jeden Gönner und unfern gesamten Freunden und Feinden, daß Ihnen dieses Jahr alles wieder fahren möge, was in


