tyi Gresser IVöchett-Blatt/ Nurn. XXII.
tlges Bedenke wieder zuthun pfleget > so ist er auch sehr geneigt/ alsdenn dieUn- wahrheüzu sagen/ wenn er sich und andern damit schadet / und hat also alles dasjenige erreichet/ was zu einer Fertigkeit tu Lügen erfordert wird. Damit man also nicht wider seinen Willen endlich zum Lügner werde / so gehe man mit den falschen Reden so sparsam um / als möglich ist. Es gehet hier gerade ais bey denen / die anderer Sprache nachäffen. Von Anfang geschiehls auS Scherz / man will nicht so sprechen lernen. Währt aber der Scherz lange > so wird endlich Ernst daraus / und der zu erst nett und zierlich sprechen konnte / wird zu lezt den gröbsten Vauren übertreffen. Wer bey feinen Handlungen auf das Zukünftige siebet/ der wird wie hier/ so öfter-gewahr werden/ daß das Unschuldige/ wenn man nicht Behutsam damitungehet / böse Folgen nach sich ziehen kann / und daß das/ was Recht und Unrecht ist / bey einem jeden Dinge nur in einem Punct bestehet/ über welchen man nicht schreiten darf.
Die Lügen selbst sind etwas das sich ganz und gar nicht entschuldigen lasset/ man mag dazu Ursachen haben/ wie man will. Denn der Mensch ist so verbunden/ sich unD andre nicht zu beleidigen/ daß er sich von dieser Schuldigkeit auf keine Art und Weise los machen kann. Gesetzt / man könnte dadurch einen grossen Vortheil erhalten/ oder was noch mehr ist/ man könnte einen ungemeinen Schaden damit abhalten ; so bleibt dennoch einmal / wie allemal/ die Lüge ein verboktenes Mittel/ und nunmehr kann man sagen, es sey nicht erlaubt Böses zu thrin/ damit Gutes daraus erfolge. Denn so wenig man stehlen darf/ um sich einen grossen Reichthum dadurch zuwege zu bringen/ oder sich aus seinen Nöthen damit zu erretten r so wenig darf man auch auS irgend einer Ursache zur Lüge seine Zuflucht nehmen.
Damit aber die Dem Lügner anklebende Schändlichkeit nicht dem Unschuldigen zur Lastffalle; so erinnert uns eine obige Anmerkung/ daß man alsdenn nicht falsch redet/ vielweniger lüget / wenn man seines Herzens Meinung getreulich ausdrücket ob man gleich selbst übel berichtet ist. Es kann geschehen / daß wir die Sache nicht recht wWn/ und vielleicht von einem andern belogen worden sind; wir halten aber davor/ wir wüsten sie recht / und erzählen sie also ohne den Willen/ das geringste falsche Wort zu sagen. Wenn wir gleich damit jeinand einen Schaden zufügen sollten; so kann man uns doch nicht schuld geben/ gelogen zu haben / indem es nicht darauf ankommt/ daß wir sprechen / wie es ist/ sondern darauf/ daß wir reden / wie wir meinen. Dem aber ohngeachtet ist ein solcher von dem Laster der Lüge losgefp>ochener aus einer andern Ursache/ nämlich wegen seiner Unbedachtsamkeit/ mehrentheils zu tadeln. Denn wenn man redet/ besonders von Dingen / die nicht gleichgültig sind / und an denen uns oder Dem Zuhörer etwas gelegen ist/ so soll man mit Bedacht und ohne Ueberei- lung reden, sonst begehet man einen/ wiewohl nicht unferm Vorsatze/ doch unsrer Schuld zu zumessenden Fehler.
Die menschliche Natur ist soweit von ihrer Vollkommenl-eit herunter gekommen/ daß man es nicht dabey bewenden lassen darf/ wenn man bewiesen bat/ Dieses sey recht und jene- unrecht / sondern muß den vor sich gegen das Verbottene geneigten > j - v Wil-


