38z. GresserWochen-Blatt/!§um. XLVHI,
Dabey lasset ers nid)t bewendenr sondern da ihm das lobwürdige Exempel einer Atheniensischen Frau einfällt/ die auf der grausamsten Folter mit einer unglaublichen Standhaftigkeit die Geheimnisse ihrer Freunde verschwiegen/ und am Ende ihre eige- ne Zunge abgebissen und dem Tyrannen ins Gesicht gespien; so legt er diese von dem vernünftigen Atheniensischen Volke mit einer Ehrensäule belohnte Tapferkeit so übel aus/ daß er behauptet/ die Frau habe wohl gewust/ daß sie doch endlich ihrem Trieb zu schwätzen nicht werde widerstehen können / und deswegen habe sie sich dazu untüchtig gemacht und das zur Sprache erforderliche unbändige Glied von sich geschaft».
Wir wollen uns unsers Orts in diese Sache gar nicht einlassen; sondern göiu nen einem jeden seine Gedanken Davon aber wollen wir reden / warum so wenige Leuts verschwiegen sind.. Die erste Ursache ist ohne Zweifel die Unbedachtsamkeit» Denn wenn man nicht überlegt / was man spricht, sondern plaudert auf Gerathe- wohl in den Tag hinein) so ists kein Wunder/ wenn solche Sachen mit unterlauf- ftn/ die man hätte bey sich behalten sollen. Diese gegenwärtig genannte Ursache ist sehr allgemein/ und zwar deswegen/ weil die milder Ueberlegung eines jeden Worts verknüpfte Mühe denen zur Bequemlichkeit geneigten Leuten nicht anders als verdrießlich scyn/ überdies auch man nur sehr wenig sprechen kann/ wenn man immer mit Bedacht reden will. Wer also gern viel spricht/ der hat nicht Zeit die Uebereilung zu vermeiden.
Die zweyte Ursache ist wohl in der Natur der Heimlichkeiten selbst zu suchen. Denn diese haben eine grosse Aehnlichkeit mit dein neuen Weine/ der sich heftig aus- dehnt/ und überall ein Eckgen sucht/ wo er durchbreche/ auch wohl das Faß zersprengt/ wenn er keinen Ausgang findet. Die Geheimnisse klemmen bey den mci|t«n Leuten das Herz zusammen und verursachen bey ihnen eine grosse Bangigkeit/ der nicht zu helfen ist / bis sie sich Luft machen. Sie verursachen ein gewisses beschwerliches Zucken der Lunge/ das dem Schlucken gleich und nicht zu lindem ist/ bis man alles von sich gegeben/ was man in sich hat. Der müste in der That ein steinernes Herz haben/ der gegen solche Leute nicht mitleidig seyn wollte/ wenn er znsieht/ wie sie sich quälen und martern/ wie sie morgen/ bis sich die Natur hilft und sich dessen entladet/ was mit so grossem Ungestümm in ihnen jähret. Und wenn man mit einer so Übeln Constitution versehenen Leuten geheime Dinge entdecken wollte/ so würde man sich in Wahrheit nicht weniger an ihnen versündigen/ als wenn man ihnen Gift gäbe.
Zu diesen beyden gesellet sich meisientheils noch eine dritte Ursache/ die von der Eitelkeit herrühret. Man kann sich nämlich eine Ehre davon machen/ eine solche Person zu seyn/ in die andre Vertrauen fetzen rind vor ihr das Herz auoschütten. Weil mnn nun geneigt ist zu machen / daß andre Leute dasjenige erfahren / was man sich vor eine Ehr hält/ so verleitet einen die Eitelkeit/ daß man jederman die anvcrtrau- te Geheimnisse/ wiewohl gemeiniglich fub rofa, offenbart. Das Wort ist so bekannt/ daß wir es ins deutsche zu übersetzen vor unnöthig halten/ denn es gehöret mit zur wesentlichen Sprache derer/ die nicht schweigen können/ und ist bas längst pro- batbe-


