-8c» Gresser Wochen--Blatt/ Num. XLVHL
muß nliu n'e eine Versuchung bey sich verspüren/ mit einem Wort desselben Erwah. rring zu thuu. Und dieser Umstand macht/ sowohl als noch mehrere/ ande-e daß Schweigen eine grössere Kunst ist/ a.'ö man sich gemeinglich nicht einbildet. D-nn die jetzt in Betrachtung gezogene Fertigkeit will nicht mir/ daß man mit dem Munds nichts verrathe; sondern daß man auch die genauesten Beobachter an keinem Zeichen merken lasse/ was sie nicht wissen sollen. Es giebt Leute/ denen daran gelegen ist zu erfahren/ was man vor ihncir verborgen halt/ und die die Kunst verstehen / aus der geringsten Bewegung die man macht/ ans der geringsten Veränderns der Farbe/aus einer unbedachten Drehung/ aus einem Blick mit den Augen/ aus einer Abwechslung der Falten auf der Slirne/ mit einem Worte aus einer unmerklichen Kleinigkeit zu rachen / was man im Sinne hat. Solche Leute können einem gleichsam in den Augen und im Gesichte lesen/ waö man denket/ und in deren Gegenwart ists die qröste Kunst verschwiegen zu seyn/ vor denen kann man seine Fertigkeit anf die Probe setzen; Denn es gehöret eine entweder mit grosser Unverschämtheit/ oder mit einem guten Gewissen vergesellschaftete besondre Fertigkeit dazu/ um sich in solchen Umständen nicht ausforschen zu lassen.
Aus dem bisher deutlich entwickelten Begriffe der Verschwiegenheit ist klar/ daß man das / was den Namen einer Heimlichkeit führet/ Niemand auch nicht fernem allerbesten Freunde/es sev denn/ daß man e twa seinen Rath und Beystand von nöthen habe/ vertrauen müsse. In Dem letzten Falle ist eS natürlich/ daß man fern Herz auö- schulten und nichts was hi her gehört/ verheelen müsse. Deni, man kann einem keinen vertiünftigen Rath geben/ wcnn nian den Umstand nicht aus dem Grunde verstehet. Das erste scheinet zwar wider die Freindfthaftspflichten / vermöge deren es heisset: amicis omnia communia, d. i. unter Freunden ist alles gemeinschaftlich/ zu streuen' allein bei)genauerer Untersuchumg sinder man/ daß alihicr die angeführte Regel eine billige Alisnahme leidet. Denn es hat seine Richtigkeit/ waS mehrere wissen als einer/ das bleibt nicht ewig verborgen/ und je mehrere es wissen/ je eher isteS verratben Noch dazu dai f man diese Entdeckung alökenn nicht sowohl seinen Freunden/ al^vick- mehr sich selbst verweisen. Dann da man nicht im Stande war/ fein Geheimnißfflbst S" verwahren/ da man selbst nicht schweigen konnte: Warum will man andern verübeln/ wenn sie es nicht besser ut obacht nehmen/ wenn sie eben so wenig schweigen/ alö man selbst? zudem kommt noch/ daß aus einem Freunde ein Feind werden kann/ rmd wenn diese Veränderung vergehet/ so sind die ihm anverlraute Historien so gut/ glö stunden sie tn der öffentlichen Zeitung.
,lin . Aus allen bisher angeführten Gründen ergiebet sich folgende fruchtbare und höchstnutzliche Anmerkrmg: Wiewohl cö aut ist viele Freunde zu haben; so muß man doch nur einen und zwar einen einzigen mit grosser Vorsichtigkeit ausgesuchten Her- zenssteund haben / den man vor fein ander Ich/ vor daö Archiv seiner Heimlichkeiten und seinen Rath in allen wichtigen -Angelegenheiten halten fann.
Die Geheimnisse/ dir uns ein Freund anvrilrauek hat/ sind wir verbunden * mir


