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37$ Giesser w-chm-Blatt/ttum. XLVIII.

muß/ wenn man ihre Stimme hören will. Einige unter ihnen sprechen nichts/ weil sie nichts wissen; andere/ weil sie lieber aus den Reden Der übrigen etwas lernen/ als ihre eigene Weisheit sehen lassen wollen; andre/ weil sie die Gesellschaft auszulau« schen im Sinne haben andre aus Hochmuth und noch andre aus andern Ursachen. Alle diese zeigen das wahrhaftige Kennzeichen der Verschwiegenheit nicht / und kön­nen bcy aller ihrer Stille dennoch schwatzhastig seyn. Denn die Verschwiegenheit er­fordert nicht/ daß man gar nichts rede; sie will nur das nicht ausgeplaudert haben/ wodurch man böses stiften kann; sie Lat viele tausend Vorwürfe vor sich/ von wel, chen sie ihre Gedanken ganz sie» und-mrgrhindcrt sagen darf/ nur das hält sie zu- nicke/ wovon nicht ohne Verletzung der Pflichten gegen sich selbst und andre gespro­chen werden kann. J

Eben so wenig ist es ein Zeichen von der Tugend / davon wir reden / wenn man aus allem und jedem/ ein Geheimn-ß macht/ wenn eS auch gleich den Kindern aufdcr Strasse bekannt ist. Es giebt dergleichen Leute/ welche/ um vor recht ver­schwiegen zu gelten/ auch von Denen Dingen/ die man in allen Bierschenken erzählen hören kann / nicht sprechen wollen/ oder höchstens/ wenn sie eine besondre Vertrau» ilchkeit affectiren / mit Der grösten Behutsamkeit heimlich einem davon ins -Ohr pißpeln. Vielmehr siehec man hieran/ daß es solchen an dem Verstände fehlet/ womit sie das/ was man sagen dach und was man nicht sagen Darf/ von einander unterscheiden soll.^> aJf° n,(vf wissen/ was eigentlich verschwiegen werden muß / und daß man trauen da^theilungskrast keine rechte Geheimnisse zu bewahren anver-

Am allerwenigsten aber gehöret das so genannte air myiterieux, oder das Scheimnißvolle Ansehen hierher/ kraft dessen diejenige/ die einem zu verstehen geben wollen / daß sie Dinge zurücke halten/ die mit Gewalt herausbrechen wollen/ ihr Gesicht dermassen in sorgsame Falten legen m d alle Glieder ihres Leibes mit einer schüchternen Behutsamkeit die Revüe paßiren lassen/ daß es den Zusebern zu muthe wird / als wenn sie in einem dichten dunkeln Walde fassen/ darin man nichts/ als zu weilen die eLtimme einer Eule/ zu hören kriegt. Denn zugeschweigen/ daß die ächte Vcrschuviegenhclt eine Tilgend ist / Die wie alle andre mit einem freien und ungezwun­genen Wesen aukgeübet werden muß: so gtebt j.i Der Hmchlerischverschwiegene G,'e- gmheit und bittet gleichsam mit seinen GeberDen/ daß man ihn nöthigen soll seine Heimlichkeiten zu verschweigen; sondern verräth auch/ daß er wie Der Knecht beydem (Lcrentiuo voll Ritzen ist/ durch welche alles auslaussen will/ oder wie eine Pumpe oder Stechheber Der keinen Tropfen in sich behalten würde/ wenn man nicht das Loch oben mit Gewalt zu hielte.

Die ächte Verschwiegenheit erfordert vielmehr ein Semüth/ das von der Lust/ andern Uebel zu beweisen oder auch sich selbst in Unheil zu stürzen/ srey ist; kurz zu re­den/ sie setzet voraus/daß man ein ehrlicher Mann ist. Denn ein Mensch vön der Art hat immer seine Pflichten vor Augen / er vergleichet eine jede bey ihm in Vor­schlag