Zweite Probe. if
jener ausschliesien, weil sie diese nicht haben. Weil man denn gewohnt ist, etwas sta ckzu nennen , wenn ferne Kraft groß ist, und es damit mehr auszuführen vermag , als andre Dmge solcher Art mit ihren Kräften zu verrichten fähig sind: so muß em starcker Geist derjenige seyn, in dessen Verstand und Willen sich Vorzüge finden, die man bey andern vergebens suchet.
Der Verstand beschäftiget sich mit der deutlichen Erkänntniß der War- - heit. Ein Mann zeiget also die Stärke seines Geistes dadurch , daß er Warhei- ten einsiehet, Oie ein andrer nicht begreiffen fein , daß er da Licht und Deutlichkeit findet, wo sich die übrige über Finsterniß und Dunkelheit beklagen: Er überwindet die Gewalt t>r Vorurtheile, und lasset sich das Ansehen ihrer Verebrer nicht irre machen. Er erfindet das unbekannte, beweiset das zweifelhafte unwiedersprechlich, und beschützet die Warheit wieder die Künste der listigsten Feinde. In dem, das er betrachtet, sichet er in einer Stunde mehr , als andre in vielen Tagen ; mit einem Worte seines Auges scharsser Blick dringet schnell in das innerste der Dinge, und kehret nicht eher wiederum zurück, biß er das verborgenste entdecket bar.
Der freye Wille folget dem Verstände, und bestehet in einer Neigung gegen das, was dieser vor gut erkennet. Ist die Begierde dem Werche des verlangten Guten, oder der Abscheu der grosse des Übels gemäß : so hat diese Neigung ihre gebührende Stärcke, und stehet eben so wohl in der Mitte zwischen der tragen Gleichgültigkeit, und der unmäßigen Heftigkeit, als der ächte tapfre Much zwischen der Feigheit und Verwegenheit. Dadurch kan man also, was den Willen anbetrift, seinen edlen Geist beweisen, daß man nichts ohne bedacht und in der Eyle rmternimmt, sondern zrwcrderst Sinnen und Beistand zu rathe ziehet, waszu thun ist sorgfältig prüfet und abwäget, alsdenn einen mit der Würdigkeit der Sache genau übereintreffenden Entschluß fasst und denselbigen mit einem klugen und vernünftigen Eifer auszuführen sich bemühet.
Nichts ist der Stärcke des Willens mehr zuwi der, als die nach einer entgegen gesetzten Richtung dringende Affecten. Diese Feinde der Vernunft , der Überlegung und der Freyheit trachten beständig sich der Herrschaft über unsern Willen zu bemächtigen, und wann sie nicht genmrgsamcn Wiederstand finden, so werfen sie mit solcher Gewaltthärigkert alle Vorsätze über den Haussen , mit welchen sie nicht überein stimmen, und bringen zulezt den Verstand selbst dergestalt unter ihr Joch, daß von ihnen allein gänzlich abbänget, was geschehen oder unterbleiben soll. Daraus aber ist klärlich zu e> sehen, daß allhier ein Geist den Kampf-Platz findet, wo er seine Stärcke zeigen kan. Denn einen geringen und schlechten Wiederpart zu erlegen, braucht keine grosse Kraft, und der Sieg bringt demUberwinder wenig Ehre: Allein mit dem kriegen , der den Triumph gewohnt ist, ihn Niederschlagen und alle Macht ferner zu schaden ihm benehmen, das heisst Tapferkeit und Stärcke.
Der enge Raum, und das gegenwärtige Vorhaben erlauben zwar nicht, daß man sich in die Erzehlung aller besondrer rühmlicher Eigenschaften der starcken Gei- )()( i ster


