Ausgabe 
1.1.1750 I
 
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Giesser Wochen-Blar

statt dessen etwas gutes , oder besseres thun können , welches man eben deßwegen unterlassen , weil man jenes gethan, z. E. der auf die eben gebilligte Weise in Wald spatzieren gehet, Hütte können in seinen Garten gehen und zusehen, ob seine bestellte Arbeits-Leute das ihrige gebührend verrichten. Weil nun das geringere Güte, wenn es dem grösser» im Wege stehet, in der Thar nicht mehr gut , son­dern übel ist : die unzehlbahre Pflichten der Menschen aber uns überzeugen, daß kein Augenblick so unfruchtbar seye, an dem man nicht etwas besonders Gutes thun kan; so stnd geringe Handlungen jederzeit Sünden/ wenn sie nicht gc* rade die besten stnd / die in diesen Umständen haben können vorgenoin^ men werden- >

Noch etwas wichtiges ist zurücke. Eine öfftere Wiederhohlung der Hand» hingen von einerley Art, gebiehret die Fertigkeit und Gewohnheit etwas zu thun. Deßwegen lässt eine jede b.sondre Thal einen Eindruck und eine Epuhp der Gewohnheit hinter sich, welche täglich wächst und zunimmt, wie die Übung fleißiger fortgesetzet wird. Da man nun die Fertigkeit Gutes zu thun Lugend/ und die Fertigkeit Böses zu thun Laster nennet : so sind die geringscheineudo Handlungen auch (Quellen / entweder der Tugend oder des Laskers / und daher diese sorgfältig zu meyden ; jene begierig zu vollbringen. Wer in dem zu al­lererst gegebenen Beyspiel die Unwarheit sagt, und in mehreren dergleichen Fällen ferner dasselbe thut, wird unvermerkt zum vollkommenen Lügner. Wer aber daS Gegentheil dieses mahl und ferner thut, erwirbt sich nach und nach die Tugend der Warhaftigkeit

Weil wir bey denen geringscheinenden Handlungen keine wichtige Grün­de vor uns zu haben mepnen , so pflegen unsre natürliche oder durch vorhergehende Thaten erhaltene Neigungen ihre Richter zu seyn- Daher folget, daß wir durch jene, wann sie Höfe sind , unsre böse Neigungen verrathcn ; und wann sie gut sind, unser gutes Herz dem Neben-Menschen zu erkennen geben. Wenn der erftere im vorigen Exempel mit der Zeit auf der Unwarheit ertappet wird , so ste­het man, daß seine Gemüths-Beschaffenhnt an det Falschheit, der Lüge, dem Betrug u. s. w. lust hat ; er verliehret den Glauben, indem nian sich die Rech­nung macht, wie viel man ihm in grossem Angelegenheiten zu trauen habe.

Dieser leztere Grund gibt dem vorhergehenden noch einen grössern Nach­druck. Es ist schwehr wieder die Gewohnheit zu handlen , und zwar immer desto schwchrer, je grösser die Gewohnheit ist. Zeiget also ein Mensch durch seine ge­ringe aber doch böse Handlungen, daß es ihm zu sauer wird, seine natürliche und noch nicht in Gewohnheiten verwandelte Neigungen zu ül>erwinden : Wie will er diesen Feind bezwingen, wann er ihn durch wiedechohltes Nachgeben täglich zu

i , Stössern