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(31.12.1915) 308. Drittes Blatt
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ur. 308 drittes vlatt

Eescheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Gleßen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschastlichen Selt⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal,

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05. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

Die Uultur des Uriegsjahres 1015.

Von Alfred Bratt.

Der Krieg ist wie jede große welterschütternde Be⸗ wegung trotz seiner im primitiven Sinne auf Vernich⸗ tung ausgehen Wirkung nicht nur zerstörend, sondern in mehr als einer Beziehung auch aufbauend, ja geradezu schöpferisch. Wie Licht und Schatten, Sonne und Dunkel untrennbar sind in Begriff und Erscheinung, so hat auch der Zerstörungshang des Krieges gleichzeitig einen Schaffens

drang 1 Folge, dessen Richtung und Itensität, je nach ihrer ßerung in den verschiedenen Ländern, für die

Aufgeklärtheit, die wirtschaftliche Kraft, das Nattonalitäts- empfinden und den Kulturgrad der einzelnen Völker be⸗ eichnend sind. Erst die Friedensarbeit im intellektuellen

5 Sinne, die eine Nation inmitten des Krieges, umgeben von feindlichen Heeren, in ihren Kräften und Mitteln beansprucht, durch die Erfordernisse der Kriegführung, zu leiten gewillt

und geeignet ist, erst die Kulturarbeit, die von den daheim

Gebliebenen unternommen und vollbracht wird, während

der Extrakt der nationalen Kraft im Felde steht erst

die Art und das Ausmaß dieser Leistungsfähigkeit zeigen ein Voll im ungetrübten, tiefen Spiegel der Wahrheit.

Die achten und Siege in Feindesland sind Verdienst

und m der deutschen Heere, der deutschen Führung und

Industrie; die kulturellen Erfolge in der Heimat sind der

N geist fe und ede Wertmesser des deutschen Volkes.

60 ährend unsere Feinde durch tendenziöse, oft nur allzu bewußte Verzerrungen und Angriffe unter der Devise des SchlagwortesBarbarei die deutsche Kultur als nicht vor⸗ handen, als ein Märchen, eine unreale Erfindung hinzu⸗ tellen versuchten und versuchen, während sie diese Seite

des Kampfes mit Worten aufnahmen und durchzuführen

trachteten, erwiderten wir auch auf 1 55 Felde des Strei⸗ tes mit der greifbarsten und unantastbarsten Waffe: der Tat. Während unsere Gegner sich zu Reden und Schriften verausgabten und darüber ihre eigenen kulturellen Pflich⸗ ten vernachlässigten, haben wir den und gehandelt.

Und so wurde in den zwölf schwierigen, angestrengten,

unruhigen Monaten des Kriegsjahres 1915 mit unbeirrbarer

Ruhe und ungeschwächter Energie unter Mitwirkung aller

ö 5 und Fähigkeiten des Volkes ein Kulturgrad erhalten,

g der das letzte Dokument unserer Stärke und Stellung nach

i 17 Kriegsmonaten ist, der bereits jetzt Erfolge aufzuweisen

hat, die für die Zukunft fortschreitend noch besseres er⸗

warten lassen Ein Kulturgrad, der im besten und reinsten

Sinne das Gesamtbild des Deutschtums widerspiegelt.

Am Jahresschluß, der die beste Gelegenheit 9157 Rück⸗

schau zu halten über das Geschehene, muß auch diese Arbeit rückblickend gewertet werden. Und wenn diese Betrachtung

aauch nur in kurzen Stichworten die kulturelle Haltung im Jahre 1915 zu streifen befähigt ist, so mag sie doch be⸗ beichnen, wie das deutsche Volk dem größten und heftigsten aller Krie ze zum Trotz, jene Werte zu erhalten und digga sogar zu fördern wußte, die es in den Zeiten des Friedens auszeichneten. , Die deutsche Bewegung.

Das Sichbesinnen, die große Einkehr aller Leute, die vor dem Kriege mit einem zu großen Maße des dem Deutschen innewohnenden Interesses für den Kreis der Welt, für alles Fremde, Ausländische zu einer Gott sei Dank nur rein äußerlichen Verwässerung des deutschen Wesens beigetra hatten, erweckte mit Macht die Pflicht und das Bedi nis, dem Deutschtum zu geben, was des Deutschtums ist. Die kriegspolitische bedingte Sperrung der Grenze tat das Ihre, diese Bewegung machtvoll zu fördern. So entstand das, was man in seiner Gänze am besten und klarsten als die deutsche Bewegung zu bezeichnen vermag. Daß diese Bestrebungen nicht sinnlos, durch Haß oder Kriegspsychose(wie entsprechende Bewegungen im feind⸗ Lichen n 12 5 0 ae auf der Basis von Ver⸗ nunft und Bild: 5 sich ging, ist ihr kulturell wert⸗ vollstes Element. Durch die rasche Gründung der verschie⸗ densten erfolgreich tätigen Vereinigungen und Gesellschaf

ten ist es gelungen, im Verlaufe des Jahres 1915 alles auszumerzen, was als überflüssiger Fremdkörper in der deutschen Art, im Gesellschaftsleben, im Sprachgebrauch und in der Kunst vorhanden war. Au seine Stelle trckten deutsche Begriffe und deutsches Können, die den Reichtum. erwiesen, dessen wir uns im Kriege erst so recht bewußt geworden find. Dieser Reichtum an sich und seine Förderung an die sichtbare, hörbare und fühlbare Oberfläche des All- gemeinlebens sind Verdienst und Wirksamkeit des letzten Jahres. Das nächste Jahr soll und wird ergänzen oder verwischen, was in der Verdeutschungsarbeit von 1915 ver gessen oder durch Uebereifer zu weit getrieben wurde. Mode und Kunstgewerbe.

Die deutsche Mode, die bisher als fester Gesamtbegriff nur allzu wenig lebendig war, wurde im Krieg, oder viel, mehr durch denselben verheißungsvoll begonnen. Das Ziel ist, im Verein mit den Modekünstlern Oesterreichs eine Höhe zu erreichen, die auch auf diesem Gebiete die Unab- hängigkeit vom Ausland, das heißt in diesem Falle von Paris, sicherstellt. Was in dieser Hinsicht im nunmehr beendigten Jahre geleistet wurde, kann nicht laut genug gewürdigt werden. Finanzleute, Organisatoren, Großunter nehmer, Syndikate und Künstler taten sich zusammen, um der deutschen Mode den Weg zu ebnen. Dabei ist besonders zu vermerken, daß die beteiligten Kreise in einer geit, in der Geld und Kraft teuer sind, wie noch nie das Ihre ohne irgend einen heiligen oder unheiligen Egoismus ein setzten, ohne es von Hause aus auf ein persönliches Ge schäft anzulegen, einfach in dem allen gemeinsamen Be streben, unserem Können und unserer Leistungsfbhigkeit zu sichtbarem Erfolge und dauernder Selbständigleit zu ver helfen.

So entstanden eine Reihe völlig unkriegerischer Unter nehmungen, mit einer Schnelligkeit, Sicherheit und Geld- mitteln, die am deutlichsten erwiesen, daß das Jahr uns auch hier so starl, ja stärker sah wie je zuvor. Das Mode museum wurde ins Leben gerufen, die Ausstellung des Verbandes zur Förderung der deutschen Hutmode, Mode zeichnungen und Entwürfe im Kunstgewerbehaus, Kleider ausstellungen aller Art waren der sehr greifbare Erfolg der neuen Richtung. Hier wuchs tatsächlich Neues aus den Wirrnissen der Kriegszeit empor.

Und dabei wirkte diese ganze Richtung auch in starkem Maße auf unser Kunstgewerbe, indem sie uuseren be lannten Kunstgewerben ein neues und reiches Wirkungsfeld eröffnete und den noch Unbekannten die beste Gelegenheit gibt, verdienstvoll ans Licht zu treten.

Ein deutliches Zeichen für das starke Vorhandensein von Kulturbedürfnissen und Kunstinteressen war die überaus Wale Lage auf dem Bilder- und Autiquttätenmarkt. Während in der Londoner City, einem berühmten Sammel- punkt des Antiquitätenhandels, die Geschäfte so völlig stock⸗ ten, daß nach den wörtlichen Aussagen der Londoner Presse, oft wochenlang kein einziger Käufer ersch ien, ergaben bei uns sorgfältige Rundfragen und sachwerständlg angestellte Untersuchungen, daß das Interesse und die Kaufkraft des deutschen Publikums auf dem Kunstgewerbe- und Antiqui⸗ tätenmarkt nicht nur nirgends gesunken, sondern stellen⸗ weise e über das Maß des Friedens gestiegen sind. Eine Tatsache, die in ihrer Erstaunlichleit keines weiteren Wortes der Erklärung oder Würdigung bedarf.

Musik und Bühne.

Das Musikleben in Berlin und den anderen deutschen Städten war nicht minder reich und vielgestaltig, als in Friedenszeiten. Die Konzerte wiesen ebenso viele und be rühmte Namen auf, der Besuch war ebenso rege, die Ein nahmen liefen in derselben Höhe wie im Frieden. Auch Uraufführungen vermochten sich wie immer ihr Recht zu verschaffen. Es ist bedeutsam genug, daß im Kriegsfahre 4915 imabgesperrten Deutschland das neueste Wert von Richard Strauß, dieAlpensinfonie, aus der Taufe ge hoben werden konnte; und dies mit chatten eines technischen Apparates und unter gesellschaftlichen Umstän⸗ den, die auch in ruhiger Zeit als außergewöhnlich' be trachtet werden müssen.

Der dichter des Uriegs⸗Neufahrsliedes. Wohl in allen evangelischen Kirchen wird heute Paul Ger⸗ harbts ergreifendes Neujahrslied:Nun laßt uns gehn und treten mit Singen und mit Beten gesungen. Das Lied gehört zu den schönsten kirchlichen Gesängen, die uns Paul Gerharbt, in dem wir einen unserer größten geistlichen Liederdichter verehren, geschenkt hat. Und gerade dieses Ae verdient es, daß man ihm . allen Kreisen unseres Volles seine besondere Aufmerk⸗ samleit zuwendet. Wie wunderbar ergreifend heilt es da im zweiten und dritten Verse: l

Wir gehn dahin und wandern

Von einem Jahr zum andern,

2 5

g

Wir leben und gedeihen

1 Vom alten zu dem neuen. 2 75 6 Diurch so viel Angst und Plagen,

1 Durch Zittern und durch Zagen,

Durch Krieg und große Schrecken, . Die alle Welt bedecken..

Wir merken heraus, daß das Lied in Kriegszeiten gedichtet worden ist. Paul Gerhardt, der im Jahre 1607 in Gräfenhainichen in Sachsen als Sohn des dortigen Bürgermeisters geboren wurde, hatte gerade sein elstes Lebensjahr vollendet, als der Dreißig⸗ 8 Krieg mit seinen Schrecken und Nöten in unser armes

Vaterland hereinbrach. Seine weitere Jugend, seine Jünglingszeit und 72 erstes Mannesalter fielen in die schreckliche Zeit, in der 8 schland auf das schwerste von den Drangsalen des dreißig 72 währenden Krieges heimgesucht wurde, der ja bamals aus⸗

ießlich auf deutschem Boden ausgefochten wurde. Welche Not, welches Elend muß Paul Gerhardt mit eigenen Augen geschaut haben! Er hat die Not des Krieges auch. eigenen Leibe erfahren. Nachdem er das Studium der Theologie beendet hatte, bemühte er sich viele Jahre lang vergebens, nur den beschei⸗ densten Wi gskreis in seinem Berufe zu erhalten. In den letzten

des Krieges fand er endlich Unterkunft im Hause des kur- chtsabvokaten Bertholdt in Berlin, so daß ärgsten Nöten des Lebens geschlitzt war. Boenbigung bes steen dite cen Krieges,

5

2

er weni

und wir ver⸗ Verse singt? 5 5

4 4

Gib mir und allen denen,

Die sich von Herzen sehnen 0

Nach Dir und Deiner Hulde

Ein Herz, das sich gedulde,

Schleuß zu die Jammerpforten

Und laß an allen Orten

Auf so viel Blutvergießen

Die Friedensströme fließen. In unübertrefflicher Weise hat schon vor mehr als 250 Jahren der 1 Dichter das zum Ausdruck gebracht, was auch in der jetzigen Kriegszeit die Seele aller Deutschen, vor allem der Daheim ebliebenen, bewegen muß.Ein Herz, das sich gedulde er- flehte der geistliche Dichter zu einer Zeit, in der unser Vaterland noch viel ärger von der Kriegsfurie heimgesucht wurde als in unseren Tagen, zu einer Zeit, als der Hunger und die Pest, die im Gefolge des damaligen Völkerxringens auftraten, ganze Landstriche Deutschlands von ihren Einwohnern entblößten. Es. ist ein Neujahrswunsch, der auch heute an uns und vor allem an die Daheimgebliebenen gerichtet sein könnte, unter denen es immer noch manche Kleinmittige gibt. Unsere tapferen Kämpfer da draußen, die in fremden Ländern in den Schützengräben treue Wache vor dem Feinde halten, kennen leinen Kleinmut. Sie haben dasHerz, das sich geduldet, denn die harte Notwendig leit des Krieges hat ihnen bie Ueberzeugung beigebracht, daß dies die wichtigste Vorbedingung des endgültigen

*

Kinder der Erde im Wiesbadener Hof⸗ theater. Man schreibt uns aus Wiesbaden: Im Hoftheater fand Thadäus Rittners SchauspielKinder der Erde eine prächtige Wiedergabe. Der Rahmen war klünstlerisch vollendet, die verdunkelte Bühne, die erst, nachdem der Vorhang hochgezogen wurde, sich langsam erhellte, die tot und schwarz dalag, ehe der Vorhang wieber niederging, wurde durch bas Splel der einheimi⸗ schen Mitglieder seltsam belebt. Die Victoria gab Frau Geb il her, eine in lin noch bestens bekannte und beliebte Schauspielerin, jetzt ständiges Mitglied der hiesigen Bühne, ganz ausgezeichnet. Auch die übrigen Mitwirkenden waren alle mit Lust und Liebe und gutem Gelingen bei ber Sache. Ein Erfolg war das feine Stich nicht, das für ein übliches Theaterpublikum zu viel Nachdenken erforbert. 0

Der Glückssprung. Zu den merkwllrdigsten Neu jahrsbräuchen gehört derGlückssprung, der im sächsischen Erz- gebirge gellbt wird, Ehe des Jahres letzte Stunde vom Kirchturm

ieges ist.

verkündet wird, steigt man vielerorts auf Tische oder Stühle, um

I mit dem letzten Glochenschlage herabzuspringen aud die gleichsam

Freitag, 31. dezember 1015

Rotattonsdruck und Verlag der By ühleschen Universitäts-Buch- und Steindruckerel. R. Lange, Gießen.

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Anzeiger Gießen. 5

Während die Pariser Oper bis vor kurzem gänzlich geschlossen war und auch jetzt nur eine aufs Aeußerste 11 Nach e kriegsmäßige Wirksamleit zu entfalten fähig ist, waren das Königliche Opernhaus, und die anderen Operntheater im Reiche von Kriegsbeginn in vollem, un⸗ gestörtem, ununterbrochenem Betrieb. Auch hier gab es eine große Uraufführung, nämlich die Wiedergabe von Max SchillingsMona Lisa, die mit allen Mitteln und unter den Formen eines großen Theaterexeignisses vor sich ging.

Auch unsere Schauspielbühnen haben nicht im ß sten gelitten. Die Kriegsstücke, die im Herbst und Hal b. winter 1914 aufgetaucht waren, verschwanden im darauf. folgenden Jahre vollständig, vertrieben durch den guten Geschmack und das gesteigerte Bedürfnis nach wirklich wert- voller Kunst. 75

Für unsere Bühnen ist das vergangene Jahr sogar da- durch bemerkenswert, daß die klassische und moderne Kunst ernsten Charakters auf ihnen ein Fest der Auferstehung feierte, Noch niemals erschienen so viel Inszenterungen rein literarischer Werke, wie in diesem Jahre. Die großen Toten und die großen Modernen, deutsche Dichter und Dichter des Auslandes lamen ungeschmälert und klnstlexisch ges staltet zu Worte. 0

Es muß festgestellt werden, daß die Einbür 9 eines der größten ausländischen Dichter August Strind-. berg in ihrer Hauptsache in diesem letzten Kriegssahre vor sich ging. Der Krieg hat den Geschmack unserer Bühnen nicht verschlechtert, sondern 1 5

So schließt das Jahr 1915 nicht nur militärisch und politisch, sondern auch rein kulturell mit hohem Erfolge ab. Möge das neue Jahr dazu dienen, den Gewinn zu festigen und zu erweitern. 17 05

Aus Stadt und Fand. Gießen, 31. Dezember 1915.

Die Lebensmittelteuerung und der Handel.

Es ist an dieser Stelle des öfteren bei Gelegenhelk der Besprechung der Lage auf dem Lebensmittelmarkt davor gewarnt worden, die lange Zeit in geradezu be⸗ denklichen Formen auftretenden gegensätzlichen Treibe⸗ reien gegen bestimmte Erwerbsklassen, die sich an der Not des Volkes bereichern sollten, mitzumachen und in das laute Geschrei von dem allgemeinen Wuchertum, von Pranger und Landesverrat kritiklos einzufallen.. zwischen hat man auch zu der wichtigen Frage der Le⸗ bensmittelteuerung im Publikum einigermaßen den zu Beurteilung unumgänglich notwendigen Abstand genom, men, hat eingesehen, daß es sich in erster Linie um eine unentrinnbarxe Zeiterscheinung voll anspruchsvollster Pro- bleme handelt, die einer e in Bausch und Bogen durch den Laien und Stammtischdebatter nicht zugänglich sind. Damit ist die Uebertreibung des Feldzugs gegen den Wucher, der fraglos viel zu scharfe und ine men angenommen hatte, an ihren eigenen strosi f zugrunde gegangen. Geblieben ist aus der vielgestaltigen Rüstlammer des Feldzugs es wäre falsch, ihm dieses Verdienst abstreiten zu wollen eine ganze Reihe von Waffen, deren Schärfe die wirklichen ädlinge am Körper unseres Wirtschaftslebens mit Recht fürchten gelernt haben; sie einzeln zu nennen, ist bei dem Anteil, den das öffents liche Interesse an den Maßnahmen von Behörden, Kom⸗ munen und Regierungen nahm und nimmt, überflüssig Sind sie auch nicht vollkommen und beweglich si helfen doch in erreichbaren Grenzen. Geblieben ist ab auch ein nicht unbeträchtlicher Rest von Mißtrauen, da sich in erster Linie gegen den Handel richtet, und das sowohl in der vorausgegangenen Kampagne gegen den Wucher als in gewissen mißverstandenen und auch miß⸗ verständlichen Erscheinungen der augenblicklichen Wirtschaftslage seine Ursachen hat. Die Gießener Han⸗ delskammer hat nun in Wahrung der ihr anvertrauten Interessen sich in einer Eingabe an den Oberbürger⸗ meister gewendet, in der um die Heranziehung des Handels zur Vermittlung des städtischen Lebensmittelverkaufs ge

beschwörenden Worte zu sprechen: Grüß dich Gott, du neues Jahr! Viel Segen, Fried' und Glück, Das bringst du doch wohl mit! Wer diesen Glückssprung um Mitternacht versäumt, der ver⸗ zichtet in leichtsertiger Weise auf alles Gute und Schöne, was da neue Jahr für ihn in Bereitschaft hält. Tische und Stllhle werden darum nicht geschont, wo diese Sitte dahelm ist. 55 Das Theater als Hriegstrost in England. Zur Hebung der merklich gesunkenen Stimmung in der englischen Bevölkerung ermahnt eine der bekauntesten Erscheinungen des Londoner Gesellschaftslebens, Frau Plahfair, in der neuesten Nummer des Sunday Pictorial ihre Stammesgenossinnen, den. Theaterbetrieb in London durch eifrigen Besuch aufrechtzuerhalten. Es gibt Leute, schreibt die ebenso energische wie bühnenfreudig Dame,die es für eine Sünde halten, in diesen traurigen Zeiten die Theater zu, besuchen. Wenn das ganze englische Volk, so dächte, würde dies wahrscheinlich zu einem gewaltigen Rückgang unserer nationalen Stellung führen, und Großbritannien wilrde besiegt werden. Wenn wir uns mit hängenden Köpfen traurigen Betrachtungen überlassen, könnten wir aus dem Fraume erwachen wenn die deutschen Soldaten in London einmarschteren. Was immer geschehen mag wir bürsen uns nicht einer solchen, unserem Charakter entgegengesetzten Stimmung hingeben. Mann braucht bloß an die Geschichte zu denken, um die besten Beile spiele für die Richtigkeit dieser Ermahnung zu finden. Als der Admiral Drale den Angriff der berllhmten Armada erwartete, zerstreute er sich durch ein Murmelspiel. Und vor der Schlacht von Waterloo gab die Herzogin von Richmond in Brllssel einen Ball, an dem die Offiziere der englischen Armee teilnahmen. Um diesen 1 Geist herzustellen, müssen die Frauen Englands sich in der gegen⸗ wärtigen Zeit vereinigen, um die Aufführungen in den Theatern 3 aufrechtzuerhalten, während der Krieg mit Schrecken und Ver? nichtung weiter tobt. Die Theatervorstellungen sind bie beste Arzuei gegen den krankhaften Zustand von Erwartungen und Enttäuschungen. Nichts ist in diesem schwierigen Augenblick wich tiger als die Aufrechterhaltung der Vollsmoral. Nur ber Theater⸗ besuch erhält uns normal in diesen anormalen Zelten. Pie Be⸗ völkerung Englands sollte in die Theater gehen. Dies gilt für alle, ganz besonders aber für die Frauen. Die Frauen in ung; serem Lande sollen nicht weiter die Zeit damit verbringen, über die Opfer und Entbehrungen zu jammern, denen sie jetzt unter⸗

Gedanken an die Gefahr fernhalten!...

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worfen sind. Die Theater sollen die Gemitter stärken und die 5