Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem
„Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das
„Kreisblatt für den Kreis Gietzen“ zweimal
wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Feit⸗ 7 fragen“ erschemen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Freitag, 31. Dezember 1015
Rotationsdruck und Verlag der Br ü hl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
wo liegt Rumäniens Zukunft?
In der rumänischen Kammer ist es in den letzten Tagen zu bedeutsamen, grundsätzlichen Auseinandersetzungen über Rumäniens auswärtige Politik gekommen. Der alte Peter Carp hat dem rumänischen Volke Neujahrs⸗ wünsche vorgelegt, die bei Freund und Feind der größten Aufnurerksameit würdig sind. Er empfahl unverhüllt den Anschluß an die Zentralmächte. Sprach der Ber⸗ liner Gymnasiast und Bonner Student wieder ganz aus sich allein oder wer steht hinter ihm? Deutschland? Eine neugebildete rumänische Geheimpartei? Die Presse des Vier⸗ verbands wird sich alle Mühe geben, dem Freunde des toten. Königs Carol„teutonische Rückendeckung“ 1 oder ihn als einen eifernden Greis lächerlich zu machen. Beides
wird aber, so wie die Dinge an der Jahreswende 1915/16 liegen, nicht mehr verfangen. Peter Carp ist, das wissen auch alle seine persönlichen Feinde, kein altersschwacher Polterer. Die wundervollen, fast bismarckischen Worte, in der Hitze der Parlamentsdebatte geprägt:„Wer der lär⸗ menden Menge nicht widerstehen kann, ist kein Staats⸗ mann“, sehen wahrlich nicht nach Altersschwäche aus, eben⸗ sowenig der kühne Zuruf an die Adresse des immer noch 30 Bratianu:„Sie leiden an Unentschlossenheit, Herr Ministerpräsident, fassen Sie einen Entschluß, und Sie wer nicht mehr leiden!“ Dem 78jährigen Carp gebricht es wirklich nicht an Mut und Tatkraft. Dieser wie selten ein Balkanpolitiker in Ehren ergraute Staatsmann hat es auch nicht nötig, sich bei der Verfolgung seines neuen Programms heimlich von deutschen Einflüssen unterstützen zu lassen. Es ist aber andererseits auch längst nicht mehr wahr, daß Peter Carp allein und einflußlos wie ein Felsen im französisch brandenden Meere Rumäniens dasteht. Carp siste! wieder eine Macht. Er ist es schon durch seine. Zeitung„Moldova“, die er im Frühjahr dieses Jahres eigens 3 seine Kriegsziele schuf und die jetzt an Leserzahl
und politischer Wirkung allen anderen Bukarester Blättern mindestens gleichkommt.
a Was Peter Carp will, was er von seinem Vaterlande erwartet, hat er jüngst in einem Aufsatz„Unser nationales Ideal“ kurz und bündig ausgesprochen. Eine Uebersetzung jenes Artikels dürfte von Interesse sein, zumal Carps Par⸗ lamentsrede, die an jenen Programmartikel anknüpfte, durch den Draht nur bruchsti deise übermittelt wurde. Carps Programm lautet also:„Uns stehen zwei Wege offen: Wir gehen entweder mit dem Vierverbande, um Siebenbürgen zu erobern, oder mit den Mittelmächten, um die Moldau bis zum Dnjestr zu vervollständigen. Rumänien ist vor allem ein Donaustaat; von den Donaumündungen hängt seine wirtschaftliche Zukunft ab, und es ist für uns
eine Daseinsfrage, die Herrschaft über diese Mündungen durch einen anderen als durch uns selbst zu verhindern, Wenn wir Siebenbürgen nehmen und die Donaumündun⸗ gen verlieren, so sind wir selbst und Siebenbürgen mit uns verloren. Es versteht sich, daß mit der Frage der Donau⸗ mündungen auch die Neutralität der Dardanellen ver⸗ bunden ist, an die dann nicht nur Rumänien, sondern alle Balkanstaaten gemeinsam ein Interesse haben. Mit
1 Worte, unser wohlverstandenes Interesse treibt uns,
55 wiederzugewinnen und die Neu⸗ tralität des Bosporus 5 sichern. Beim Studium der Inter⸗ essen der Kriegführenden können wir uns leicht davon überzeugen, zu wem wir Vertrauen haben müssen. Ruß⸗ land hat mit dankenswerter Klarheit seine Absichten
im Falle eines Sieges angekündigt. Sowohl der Zar in seinen Manifesten, als auch die Minister Goremykin und Sasonow in ihren Erklärungen stellten die volle Herrschaft über das Schwarze Meer einschließlich des Bosporus und der Dardanellen als das Ziel hin. Aber selbst wenn Rußland das Gegenteil sagen würde, so beweist uns seine Geschichte, daß der Zugang zum Meer für dieses Reich so große Wich⸗ tigkeit hat, daß es hierfür riesenhafte Opfer gebracht hat und noch bringen wird. Welches immer die Versprechungen Rußlands sein mögen, so dürfen wir nicht vergessen, daß seine Interessen den unsrigen entgegengesetzt sind. Wenn wir uns jetzt zur anderen Mächtegruppe wenden, so sehen wir, daß Deutschland stets unsere Verteidi⸗ gung ergriffen hat und ihm verdanken wir auch zum großen Teile unsern wirtschaftlichen Aufschwung. Wenn wir noch hinzufügen, daß Deutschland mehr als jede andere Macht für seine wirtschaftliche Entwicklung die Neutralisie⸗ rung der Meerengen braucht, so müssen wir anerkennen, daß unsere Interessen die gleichen sind wie die Deutschlands. Die Ehre, das Interesse, die Dankbar⸗ keit drängen uns zu Deutschland; dort ist unsere Rettung, dort unsere Zukunft.“
Kann ein Staatsmann seinen Landsleuten besser zu⸗ reden? Besseres wünschen? Noch hat Rumänien die Freiheit der Entscheidung, doch ist es zum Entschluß die höchste Zeit.
Aus dem Reiche.
Das Befinden Kaiser Wilhelms.
Berlin, 30. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Nordd. Allg. Ztg.“ schreibt: Zur Widerlegung der im Ausland irkulierenden un wahren Gerüchte über den Ge⸗ n end des Kaisers kann aufgrund von an maßgebender Stelle eingezogenen Erkundigungen fest⸗ gestellt werden, daß Seine Majestät lediglich an einer ganz harmlosen Furunkel leidet. Seine Majestät ist nicht an das Bett gefesselt, nur das unbeständige Wetter läßt es für Seine Majestät ratsam erscheinen, noch einige Tage das Zimmer zu hüten. Die Arbeit Seiner Majestät hat leinerlei Störung erfahren. Der Kaiser nimmt die täglichen Vor⸗ träge in der gewohnten Weise entgegen.
Aus Hessen.
rb. Darmstadt, 31. Dez. Beim Oberlandesgericht ist ein Präsidentenwechsel eingetreten. In Oberlandesgerichts-⸗ präsident Kullmann, der mit dem Ende des Jahres aus seinem Amte scheidet, verliert die hessische Justiz einen ihrer besten Richter. Im Jahre 1877 wurde er zum Landgerichts assessor in Seligenstadt ernannt, elf Jahre später nach Gießen und dann nach Darmstadt versetzt. Er nahm an den Vorbereitungen Hessens für die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs hervorragenden Anteil. Sein reiches Wissen, sein scharfer Verstand, seine klare Darstellung machten ihn für diese Tätigkeit vorzüglich geeignet; der Justizminister schätzte seine Hilfe ganz besonders hoch ein. Als im Jahre 1900 dem kaum 50 jährigen Manne die Stelle des Landgerichtspräsi⸗ denten in Gießen übertragen wurde, fand dies freudige Billigung. In diesem Wirkungskreis gab es in den Jahren nach 1900 fast zuviel zu tun, fast erschöpfte der unermüdliche Mann seine Kräfte. Er vertauschte deshalb 1908 sein Amt
mit dem ruhigeren des Senatspräsidenten am Oberlandes⸗ rer
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ihn das Vertrauen auch für sein neues Amt.
Was man früher zu Neujahr vom
Krieg prophezeite.
Die Neujahrsnacht, die Wundernacht, da nach einem Work Hebels„die zwei großen Schildwachen sich ablösen und einander Parole geben, die niemand versteht“, erhält bekanntlich im deut⸗ schen Volksglauben eine besonders geheimnisvolle und zauberhafte Stimmung dadurch, daß der Mensch in diesen feierlichen Stunden unter seltsamen Gebräuchen einen Blick in die sonst so fest ver⸗ schlossene Zukunft tun darf. Uralte Orakel und Prophezeiungen, 3. T. noch aus ferner Heidenzeit stammend, leben in diesem großen Augenblick der Jahreswende wieder auf, und mit einem geheimen Grauen schauten die Geister des Mittelalters in das neue Jahr hinein, in dem ihnen„gar wunderliche und erschröckliche Prophe⸗ ceien ein schier mit jeglichem Jahr neues Entsetzen“ offenbarten. Das Wetter der Neujahrsnacht hatte eine ganz besondere Bedeu⸗ tung. Aus dem Tosen des Sturmes, dem Rauschen der Bäume, aus dem Schrei des Uhus und dem Gekrüchze der Raben glaubte man Stimmen der Zukunft zu vernehmen, und im hastigen Flug der Wolken sah man den wilden Jäger mit seinem Heer dahin⸗
tete, steht natürlich neben Hungersnot und Pestilen
magischen Nacht kämpfende Heere am Himmel, ein zuckendes Ge⸗ wimmel von blutigen Schwertern und aufleuchtenden Panzern; sie hörte im Windesbrausen das Rasseln der Waffen, Feldgeschrer und Stöhnen der Verwundeten. Das Rufen der Unglücksvögel verkündete Tod und großes Morden.
Tie Morgenröte am Neujahrstage ward mit gespannter Auf⸗ merksamkeit beobachtet. Erhob sich der Sonnenball zum ersten Mal
dauerte er noch das ganze Jahr hindurch. Auch das Ringen blu⸗
tages geschaut haben. Mit dem Schlage der Mitternachtsstunde, in jenem Augenblick, da die Tiere reden sollten und alles natür⸗
Jahres mucksmäuschenstill in die Nacht, um aus den wirren Ge⸗ räuschen das kommende Schicksal zu deuten. Wie viele der dumpfen Laute wiesen da auf Krieg die Abergläubischen hin! Und bald konnte man dies wüste Geraune auch gedruckt lesen. Der pünkt⸗ liche Gast des Neujahrstages, der Talender, zeigte die Schreck⸗ nisse des Jahres ausführlich an, wie sie von den Astrologen, Pro⸗ pheten und Zeichendeutern erkannt worden waren. Schon in seinen ersten Anfängen, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wird dem
wurden und von allen Tagen zu lesen war, ob sie glück⸗ oder un⸗ glückbringend seien. Der„Kriegskalender“, d. h. der Ka⸗
Gießener Stadttheater.
Armut. Trauerspiel von Anton Wildgans.
Daß es unserer Bühnenleitung nicht an dem Mure gebricht, ein Bühnenwerk zu erwerben, dessen Erfolg von vornherein zum mindesten problematisch sein mußte, das erwies wiederum die Auf⸗ führung des Trauerspiels„Armut“ von Anton Wildgans. Für diesen Mut soll man ihr besonders zu Danke verpflichtet sein, wenn auch der löbliche Versuch, die ausgetretenen Bahnen der Provinzbühne zu verlassen und voll freudigen Entdeckertums auf eigene Faust zuzugreifen, ohne erst abzuwarten, bis eine Neuerschei⸗ nung die Runde über alle Großstadtbühnen gemacht hat, nicht gleich immer zu einem vollen Erfolge führt. War der neuesten literarischen Tat unseres Theaters auch kein lauter Bühnenerfolg beschieden, so hat sie uns doch die Bekanntschaft mit einem echten Dichter vermittelt, der zwar seine künstlerischen⸗ Mittel noch nicht mit der nötigen Selbstzucht verwaltet und dem es an Bühnen⸗ erfahrung noch allerorten mangelt, dessen Wesen aber wie junger gäriger Most ungestüm und ungeklärt den Edelwein ahnen läßt, der das Trübe und Unreife von sich abstoßen wird.
Aufgipfelungen des Gefühlsmäßigen. Die seelische Stimmung der Einzelnen ist nicht mehr Vorbedingung der Handlung, sondern um⸗
Die Verqt Gegenwartsschilderung und Hauptmanns Mä
Tran talen nicht hinweg. Die bestgeführteste Regie k.
diese Kluft nicht chen Selbst bei banden raf wie zum piel dem„Verlorenen Sohne“ von Schmidtbonn hat am Schlusse Gesang der vor coelestis Unser Sohn i heimgekehrt“
lage nach ein natzralistisches Gewächs ist, jenes wunderliche Pfropf⸗ —— Verse, zu denen am Schlusse noch Orgelklang und 3 Stimmen hinzutreten, als stilwidrig empfunden werden. 3 im diesem Zusammenhang auch das Auftreten des Frem⸗ 3
neueste
1 1 1 00 dieses modernen Gevatters Tod,
Und dennoch, ein Dichter ist hier am Werk, ein Dichter, der vielleicht ein starker Dramatiker werden wird, bei dem aber noch der Lyriker unbestritten das Uebergewicht hat. l
„Das Gerippe der Handlung ist erschreckend dürr und abgenutzt. Einer Armeleutsfamilie, die den Druck der Armut umso härter fühlt, als sie nach außen hin eine schämige Wohlhabenheit zur Schau tragen muß, werden durch die Krankheit ihres Ernährers, eines kleinen Postbeamten, die letzten Ersparnisse aufgezehrt. Seine Frau, durch die Armut hart geworden, und in ihrer Härte von den übrigen Familienmitgliederndungeliebt und unverstanden, erkämpft sich einen bitteren Verzicht nach dem andern. Der Sohn, ein Primaner, der mit der um einige Gymnasialklassen weiter entwickelten, unwahrscheinlich unreifen Frühreife des ihm geistes⸗ verwandten Moritz Stiefel in„Frühlingserwachen“ eine groteske Dialektik aufbietet, seine Seelenwundheit und Ohnmacht den Ver⸗ hältnissen gegenüber mit bunten Wortfetzen überkleistert, un: den Krampf seiner Gefühle zu paradoxieren. Seine Tochter, die ihre Mädchenehre an den Zimmerherrn verkaufen will, um ihrem vom Arzte schon aufgegebenen Vater das Leben zu erhalten. Diese vier Menschen sind in eine stickige, lichtlose Atmosphäre eingesperrt, ringen um den notwendigsten Lebensunterhalt und der Vater stirbt, bevor 0 seine Tochter auch nur das Opfer hat bringen können. Der Vater erkrankt, der Arzt gibt ihn auf, die Tochter will ihn trotzdem retten, er stirbt jedoch, bevor dies geschehen kann, 10 diesen wenigen Worten erschöpft sich der Inhalt der— Hand⸗ ung. Hier aber setzt der Dichter als Lyriker ein, will die Ueber⸗ windung der Armut geben. Auf die Klage seines Sohnes: Armut, was werd ich durch dich, antwortet ihm der Sterbende: Ein Bettler wenn du nur danach brennst was die andern haben und sind— Ein Mensch wenn du leidend erbennst, daß andere immer noch ärmer sind— Ein Dichter 0
we so t für di Lem wirbst f ie sonst für die Armut verhärtet sind— Ein Heiland
wenn du für jene stirbst, die deine verstoßenen Brüder sind. Er, der kleine Postbeamte, ist der stille entsagende Menssch, der in rührendem Verzicht in die leere Zigarrenschachtel riecht um seinem Rauchhunger lächelnd ein Schnippchen zu schlagen, der an den kleinsten Freuden des Alltags, die jeder andere achtlos übersehen witrde, ein bescheiden Maß an Glücksgefühl zu finden vermag. Er ist einer der stillen Dulder, zu denen der Tod hochachtungsvoll persönlich ans Sterbelager tritt, um sie in ein besseres Jenseits zu führen. Er hat als Mensch die Armut innerlich über⸗ wunden. Sein Sohn könnte, wenn er die parodierende Scham über seine Dürftigkeit zu überwinden vermöchte, ein Dichter der Armut werden. Seine Tochter hätte aber selbst durch das Opfer ihrer Mädchenehre keine Heilandstat vollbracht, weil— soweit die sprunghafte Psychologie des Dichters, zumal im dritten Aufzuge, noch durchsichtig bleibt— eine Hingabe an den Studenten auch so nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeiten gelegen hätte.
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also nur dem kleinen Postbeamten vorbehalten, ber den Kindern reichlich in den Mund legt.
mann bis Herbert Eulenberg, an den außer anderem zumal die
ihre Schicksale erleidet, bevor er sich sagt: Will wieder, wie ein Kreuz der Menschheit Leid Auf meines Liedes starke Schultern laden.
Der Aufführung merkte man öfter die Mühe an, sich mit dem ungewohnten Dichter und in dem Stilgemisch zurecht zu finden. Die letzten Möglichkeiten der Darstellung wurden nicht erschöpft, aber was geleistet wurde, mußte bei allen Beteiligten unter Berück⸗ sichtigung dieser Verhältnisse umso rückhaltloser anerkannt wer⸗ den. Die schwierigste Aufgabe des Abends war Ferdinand Stein⸗
sensmüden, hungrigvergrämten, maner in allen Schattierungen Wesens glaubhaft Gestalt die
lüstern verschämten“ seines künstlich zu machen hatte.
. Man merkte sorgfältige und
gewissenhafte Arbeit an,
Menschen auf die Dauer weniger unerquicklich, als nach den ersten Auftakten zu erwarten war. Leider sprach der Künstler zumal die Verse so gedämpft, daß viel von ihrer Schönheit verloren ging.
verlieh ihr den Adel der unberührten, herbtrotzigen und doch bis zum letzten Opfer bereiten Mädchenseele. In dem Auftritte mit dem Zimmerherrn kam die unbeirrte Durchführung diefer Auffas⸗ sung besonders wohltuend zur Geltung. Walter Dworkowski hatte die vom Leben verschüchterte, genügsame Figur des Postbeam⸗ ten gut angelegt und blieb in der langausgesponnenen Sterbeszene glücklicherweise bei einer wenig markierenden Darstellung, so daß das peinliche einer solchen Szene weniger auffällig wurde. Auguste
fühl für Gatte und Kinder Menschen, der sich auf seine gute Erziehung zu besinnen vermag,
tastende Lüsternheit eines Betrunkenen. Direktor Hermann Stein⸗
goetter, der auch die Regie in Händen hielt, hatte die Rolle
sprüche mit einander in Einklang gebracht werden sollen. Zu erwec nen ist noch die charakteristische Herausarbeitung des Sande durch Carl Delion, Otto Conradf als possterlicher Beamter der Leichenbestattungsanstalt Pax und Albert Stettner als kor⸗ vekter Militärarzt. 2
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rasen. Unter den„göttlichen Strafen“, die man zu Neujahr fürch⸗ 1 g der Krieg obenan. Die aufgeregte Phantasie erblickte in der Düsternis diesen
tiger Geisterscharen wollte man in der Morgenröte des Neujahrs⸗ f
liche Geschehen aufgehoben deuchte, stellte man sich an einem 5 Scheide⸗ oder Kreuzwege auf und lauschte die erste Stunde des
Kalender eine sog.„Praktik oder Prognostikation“ beigegeben, eine 18 Abhandlung, in der die Ereignisse des neuen Jahres geweissagt
Die Ueberwindung der Armut durch den Reichtum der Seele ist bleibt es nur ber großen schönen Worten, die ihnen der Dichter 3
episodischen Figuren erinnern, ist die Armut das Werk eines echten Dichters, der die Menschen nicht wie Theaterpuppen erlebt, sondern 5
Martha Schild machte aus der wesentlich einfacher angelegten Gestalt der Tochter Marie, was irgend aus ihr zu machen war,
Frenzel spielte mit großer Natürlichkeit die verbitterte, in den
Härten des Lebens hart gewordene Mutter, deren warmes Ge⸗ 5 5 sich hinter äußerer Schroffheit ver⸗ borgen hält. Den Zimmerherrn gab Walter Strom als jungen
sobald er die Herrschaft über seine Gefühle zurückerlangt hak. Sein Kollege, Ernst Theiling, markierte geschickt die in Worten
des Fremden übernommen, bei welcher der Ton nicht leicht zu tref⸗ fen ist, wenn textliche Belanglosigkeiten und apokalyptische Nus⸗
im neuen Jahr in einer dunklen flammenden Glut, dann war der Krieg nicht fern, oder wenn die Völker bereits im Streit lagen.
Trotzdem sei es noch einmal gesagt bei allen Uebertreibungen, 2 Unausgeglichenheiten, abgegrasten Gemeinplätzen, psychologischern Sprunghaftigkeit und dem unvergorenen Durch- und Nebeneinander aller Stil- und Spielarten des modernen Dramas von Haupkt⸗
hofer zugefallen, der den„spätgeborenen, allzufrühwissenden,. 3
ri geschraubten 1 J 1 die auf sie verwendet war, und so wirkte das Zwitterwesen dieses
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