Ausgabe 
(30.12.1915) 307. Erstes Blatt
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General⸗Anzeiger für Oberhessen

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Dionnerstag, 30. dezember 10¹⁵

Notationsdruck und Verlag der Br äblischen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 5, Schrift

leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Triumphe deutscher Anpassungsfähigkeit.

Berlin, 29. Dez.(Privattelegramm.) DerLokalanz. berichtet über die Rede, die der Präsident der Handelskam⸗ mer Bremen, Alfred Lohmann, in der gestrigen Sitzung des Bremer Kaufmannskonvents gehalten hat und in der er die Absperrung Deutschlands von der 1 5 stoffeinfuhr beleuchtete: Die Erklärung der Baumwolle zur Bannware berühre Bremens Interessen sehr stark. Die Munitionserzeugung werde dadurch aber nicht gehindert, denn Deutschlands Wälder lieferten Zellstoff, welcher zur Herstellung von Pulver viel geeigneter sei, als Baumwoll⸗ Linters. Auch nach dem Kriege würden die Munitionsfabri⸗

ken keine Baumwolle mehr aus Amerika kaufen. Der bisher

aus Chile bezogene Salpeter werde jetzt in Deutschland aus⸗ schließlich aus Luft hergestellt. Im Frühjahr würden alle Bedürfnisse der Landwirtschaft gedeckt, und wenn der Krie noch länger dauerte, würden unsere Fabriken Luftstickstoff exportieren können. Die chilenischen Freunde verlören somit ein wichtiges Absatzgebiet für ihr Haupterzeugnis und könn⸗ ten sich bei unseren Feinden bedanken. Kampfer, der zur Herstellung von Sprengstoffen früher ausschließlich aus Japan eingeführt und sodann auf Grund der starken Ein⸗ fuhr von amerikanischem Terpentinöl synthetisch hergestellt wurde, wird jetzt von der deutschen chemischen Industrie billiger und besser als jene beiden Erzeugnisse hergestellt; weder Kampfer aus Japan, noch Terpentinöl aus Amerika würden weiter beschafft. So erschloß die Seesperre durch England uns neue Fabrikationsgebiete, die uns im Frieden viele Millionen ersparen würden. Nur das neutrale Ausland, das noch immer unter der Hypnose der scheinbaren englischen Seeübermacht stehe, sei geschädigt.

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Nach dem ganzen Verlauf, den der Weltkrieg genommen 1 eht man wohl in der Annahme nicht fehl, daß Eng⸗ and sicherlich nicht so intensiv gearbeitet hätte, ihn herauf⸗ zubeschwören, wenn es sich die Sache nicht wesentlich leichter gedacht hätte. War man vielleicht auch auf ein großes militärisches Ringen vorbereitet, so hatte man aber doch gehofft, dieses abzukürzen, indem man Deutschland die Zu⸗ fuhr von Rohstoffen, wie sie für das Kriegsmaterial er⸗ forderlich sind, abschnitt und dadurch zwingen konnte, zu Kreuze zu kriechen. Wie in so vielen Spekulationen hat sich Albion auch darin geirrt. Gewiß ist uns die Zufuhr vom Auslande so gut wie unmöglich gemacht, zumal auch die britischen Kriegsschiffe den Ueberseehandel der Neutralen auf jegliche Art schikanieren, aber doch hat man nicht vermocht, uns der Möglichkeit der Erzeugung von Kriegsmitteln zu berauben man hatte nicht gerechnet mit der deutschen Organisation und der Anpassungsfähigkeit

unserer 1 ten, denen hierbei deutscher Erfindungs⸗ 1 151 wissenschaftlichem und technis Gebiete zu e kam..

Dieser Tage hat der Präsident der Bremer Kaufmann⸗ schaft in deren Sitzung sehr bemerkenswerte Mitteilungen emacht, ausgehend von der Absperrung Deutschlands, von ihrer Rohstoffzufuhr, und aus seinem Munde haben wir manches gehört, was von weittragender Bedeutung sein dürfte. Wie die Isolierung unserem inneren Markte zugute

Die Zerstörung von Kunstdenkmälern auf dem p8stlichen Kriegsschauplatz.

In dem amtlichen Bericht, den Geh. Rat Clemens nach einer zweimonatlichen Bereisung über den Zustand der Kunst⸗ denkmäler auf dem östlichen Kriegsschauplatz erstattet hat und den die Kunstchronik im Auszug wiedergibt, findet sich die erste umfassende Zusammenstellung der Zerstörungen künstlerisch wich⸗ tiger Bauten, die der Krieg im Osten verursacht hat. Trotz der langen Dauer der kriegerischen Operationen ist von den wichtigen nationalen Kunstdenkmälern in Polen, Litauen und Kurland nicht entfernt so viel beschädigt worden, als man zuerst befürchtete. So sind alle bedeutenden Denkmäler in dem Gebiet des von uns besetzten Kongreßpolen unversehrt erhalten, vor allem die wunder⸗ vollen gotischen Bauten in Plock und Czenstochau. Immerhin hat es an Opfern nicht gesehlt.

Von Kirchenbauten der spätgotischen Periode hat die hoch⸗ bedeutsame Kirche von Brochow schwer zu leiden gehabt, das kunstgeschichtlich wichtigste Monument, das in Polen den Einfluß des preußischen Ordensstiles zeigt, eins der Hauptdenkmäler der polnischen Backsteingotik. Der schmale Westturm ist in der oberen Hälfte völlig zerstört, von den beiden runden Flankierungstürmen der nördliche fast ganz, der südliche zur Hälfte eingeschossen; das Mauerwerk ist so von Granaten zerlöchert, daß es kaum noch wiederhergestellt werden kann. In ähnlich traurigem Zu⸗ stand befindet sich die Kirche von Prasnysz, deren Wieder⸗ aufbau ohne Aufwendung großer Mittel nicht möglich ist.

Am stärksten sind die Zerstörungen dort gewesen, wo der Stellungskrieg die deutschen und russischen Truppen viele Monate einander gegenüber festhielt, vor allem an dem Bzura⸗Rawka⸗ Abschnitt, in dem 1 der ostpreußischen Grenze und dem Nare w, sowie dem Gelände, das östlich von Augustow und Suwalli sich parallel der ostpreußischen Grenzlinie hinzieht. Die Kirche von Sochatzew ist mit dem Ort völlig zusammen⸗ geschossen worden. In Lowicz ist die große zweitürmige Haupt⸗ kirche, ein prächtiger Barockbau, an der West⸗ und Südseite von Granaten verletzt, das Dach von Schrapnells zerschossen und der malerische Torbau zur Hälfte zerstört. Die völlige Zerstörung einer ganzen Anzahl von Orten in der Umgebung von Lodz hat auch mehrere interessante Kirchen zum Opfer gefordert.

In Kow no hat die malerische Altstadt ziemlich gelitten: die gotische Georgskirche und die Trinitatis⸗Pfarrkirche aus dem 17. Jahrhundert sind stark beschädigt, Unter den großartigen Werken des polnischen Barocks ist verhältnismäßig weniger Un⸗ heil angerichtet worden. Bei der kindischen dreitägigen Beschießung von Warschau durch die Russen hat keins der Bauwerke der Stadt wesentlich gelitten. Ebenso sind die alten berühmten Lust⸗ schlösser der polnischen Könige in der Nähe von Warschau un⸗ berührt erhalten. Doch haben die Russen, wie aus dem könig⸗ lichen Schlosse in Warschau, so auch hier fast die gesamte Aus⸗ stattung aller beweglichen Kunstwerke weggeschleppt. Furchtbar haben die Russen bei ihrem Rückzuge östlich der Weichsel und östlich vom Niemen und Narew gehaust. In dem großen Landstrich kann man Hunderte von Kilometern fahren, ohne nur ein unversehrtes Gehöft zu erblicken; dieser Anblick war 119 Clemens im ganzen Kriegsgebiet im Osten und Westen der fürchterlichste Eindruck. Hier sind östlich von Grodno die ausgedehnten Be⸗

sitzungen der Fürsten Czetwertynski und der Grafen Krasinsli zerstört worden. Dieser wüste Vernichtungskrieg richtete sich nur

gegen die volnischen Großgrundbesiter, gerade so wie in Ga⸗

gekommen ist, so hat sie uns auch gezwungen, da wir auf die Zufuhr von Rohstoffen verzichten mußten, für Ersatz zu sorgen, und dies ist uns in der trefflichsten Weise ge⸗ lungen, indem es erreicht wurde, daß wir die Rohstoffe nicht mehr aus fremden Ländern zu beziehen brauchen, sondern daß wir solche nunmehr selbst herstellen und dadurch viele Millionen von Mark im Lande lafsen, anstatt daß andere dadurch bereithert werden.

Wie Präsident Lohmann in der erwähnten Sitzung mitteilt, wird seit 8 Monaten nicht ein Kilo Baumwolle mehr für die Pulverfabrikation verarbeitet! In England wird man den Mund weit aufmachen vor Erstaunen, wenn man das hört, denn gerade aus dem Grunde war Baum⸗ wolle für Banngut erklärt worden, weil sie von englischen Gelehrten als unbedingt notwendig für die deutsche Muni⸗ tionsherstellung begutachtet worden war. Wir haben uns also in dieser Hinsicht vom Auslande völlig unabhängig

2 gemacht, denn deutscher Wissenschaft und Industrie ist es

gelungen, aus Holz, woran wir ja übergenug haben, einen Zellstoff herzustellen, der für die Geschoßherstellung weit billiger und geeigneter ist als die uns bisher gelieferte Baumwolle. Im übrigen werden wir auch nach dem Kriege für diesen Zweck keine Baumwolle mehr von Amerika kaufen, dem dadurch viele Millionen verloren gehen werden. Jeden⸗ falls sind die Hoffnungen unserer Feinde auf Munitions⸗ schwund in Deutschland damit völlig zu Wasfer geworden, wir haben mehr wie wir brauchen, wie das ja auch aus der jüngsten Anordnung hervorgeht, wonach im Gegensatz zum Vorjahre die Munitionsherstellung während der Feiertage ruhen sollte. Aehnlich steht es mit dem Salpeter, der gleichfalls zur Munitionsherstellung bisher gebraucht wurde und aus Südamerika bezogen werden mußte. Wir haben uns aber auch hier zu helfen gewußt, an seine Stelle ist die Stickstoffabrikation getreten, durch die außer den Zwecken des Krieges auch die gesamten Bedürfnisse an künst⸗ lichen Düngemitteln für die Landwirtschaft gedeckt werden können. Wir werden künftig nicht nur mehr nötig haben, diese vom Auslande zu beziehen, wir werden sogar in der Lage sein, solche in großen Massen zu exportieren, was wiederum dem Nationalvermögen zugute kommen wird. Das gleiche gilt auch vom Hampfer, der bisher zu einem großen Teile aus Japan importiert und später unter Ver⸗ wendung von amerilanischem Terpentinöl sunthetisch her⸗ gestellt wurde. Infolge der Absperrung haben unsere Che⸗ miker auf einen Ausweg gesonnen und man stellt jetzt den Kampfer künstlich her und wird auch nach dem Kriege nicht mehr notwendig haben, ihn vom Auslande zu beziehen.

Man hat uns eben im Lager der Gegner auf allen Ge⸗ bieten unterschätzt, und wo es den Anschein hatte, daß die Lage für uns bedrohlich werden könnte, haben wir noch immer einen Ausweg gefunden. Uns hat man treffen wollen, sich selbst dabei aber den größten Schaden zugefügt. Es sei bei dieser Gelegenheit nur daran erinnert, wie gerade die Erzeugnisse unserer chemischen Industrie vom feindlichen Auslande auf das empfindlichste vermißt werden. Ins⸗ besondere handelt es sich dabei um die sogenannten Teer⸗ produkte, die man uns trotz aller Bemühungen nicht nachmachen kann. In England und Amerika hat man zwar versucht, ähnliche Farbstoffe herzustellen, aber das Ergebnis ist ein geradezu klägliches gewesen, und ebenso fehlen un⸗ seren Gegnern wichtige pharmazeutische Mittel, die sie in lizien. Die Besitzungen von Russen wurden geschont. Glück⸗ licherweise ist die schönste Barockstadt Polens mit ihrer unvergleich⸗ lichen Fülle von Kirchen und Klöstern, Wilna, völlig unver⸗ sehrt geblieben. In der Nachbarschaft hat der Krieg ärger tobt. In dem wundervoll gelegenen Städtchen Troki ist die große zweitürmige Barockkirche arg zerschossen, die neue russische Kirche in ihrem Westbau so völlig vernichtet, daß eine Wiederherstellung unmöglich erscheint. Die schöne Kirche zu Wigry, ein Barock⸗ bau in unvergleichlich schöner Lage, hat während des langen Stellungskrieges schwer zu leiden gehabt.

Von den großen Schlössern im südlichen Litauen ist das Schloß Czerwoonydwor bei Kowno schwer beschädigt worden, die Kirche völlig gesprengt, so daß nur noch Trümmerhaufen von kleinen Brocken die Stätte bezeichnen. Von den großen Schlössern und Herrensitzen des nördlichen Litauen und Kurlands haben eine 2 Reihe zu leiden gehabt; am meisten zu beklagen ist die Zer⸗ störung des fürstlichen Schloßbaues von Ellei südlich von Mitau.

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Ein Weihnachtsspiel bei Reinhardt.

Aus Berlin wird uns geschrieben: In diesen Festtagen zur Kriegszeit, die das Schenken zu größerer Pflicht und Freude machten, als je zuvor, hat auch Max Reinhardt den Berli⸗ nern seinen Weihnachtstribut entrichtet. Montag nachmittag fand in öffentlicher Generalprobe im Deutschen Theater die erste Reinhardtsche Wiedergabe des KrippenspielsDer Stern von Bethlehem von Otto Falkenberg statt. Das Mär⸗ chen, das in Form einer einfach gehaltenen Bilderreihe die bib⸗ lischen Begebenheiten von der Offenbarung bis zur Anbetung der Heiligen drei Könige versinnbildlicht, war von Reinhardt in ein prächtiges Gewand gekleidet worden, das den großen wie den klei⸗ nen Kindern, die das festlich gestimmte Haus füllten, viel Freude bereitete. Reinhardt der Stilgewandte, der von Shakespeare zu Ibsen, von Strindberg zu Schiller, von Goethe zu den Ueber⸗ modernen eilt, um dann einen Augenblick in der naiv⸗legendären Einfachheit der biblischen Weihnacht zu verweilen, fand für die neue Aufgabe mit nachspürendem Instinkt die rechte Farbe und den rechten Ton. Die Zweiteilung der Bühne in einen gotisch auf⸗ gebauten kirchenartigen Vorraum und eine durch einen Vorhang abschließbare Hinterbühne, auf der die Schauplätze der Begeben⸗ heiten im bunten Wechsel erschienen, gab der Inszenierung eine Herbheit des Stiles, die das Spiel in seiner farbigen Gliederung mit einem einheitlich gefügten Rahmen umspannte. Der Dichter hat selbst sein Weihnachtsmärchen im Stile festgelegt, indem er alte Motive meist süddeutschen Ursprungs in loser Ungezwungenheit, aber sinngemäß aneinanderfügte. Die herbe Einfachheit der Dich⸗ tung Falkenbergs wurde durch bildhafte Wirkungen und eine dar⸗ stellerische Beweglichkeit verlebendigt, der Musik und Chor wirk⸗ sam zur Seite traten. Es wurde gesprochen, gegeigt und gesungen, um der Weihnachtsstimmung den rechten Ausdruck zu geben. Viel⸗ leicht wäre dieser Ausdruck noch gesteigert worden, besonders für den jugendlichen Teil der Zuschauer, wenn die im übrigen sehr schöne Stilisierung ein wenig zugunsten des naiven Weihnachts⸗ reichtums zurückgetreten wäre. Die Darsteller, deren Sprache Rein⸗ hardt durch eine leichte, österreichisch⸗süddeutsche Färbung etwas Volkstümliches verliehen hatte, wurde ihrer biblischen Aufgaben mit Verständnis gerecht. Die Maria gab Else Heims, bildhaft in der Erscheinung, mit einem stillen Glanz, der seine Wirkung tat. Vorzüglich war Wilhelm Diegelmann als ungeschlach⸗ ter Ritter, und Josef Danegger, der jugendliche Allerwelts⸗ künstler der Reinhardtbühne, ne im Hixtenkleide als opernhaft

weißglänzenden Kreidefelsen umschlossenen Talkessel

ge⸗[Stavenhagen schmiegte sich mit volkstümlichen Motiven sehr 9

großen Massen jetzt brauchen könnten, ohne in der Lage zu sein, ebenbürtigen Ersatz zu schaffen. 5 i

Wir sind also auf diesen Gebieten Sieger, und alles trägt dazu bei, daß es den Feinden unmöglich wird, uns unterzukriegen.

Die Oase Siwa.

Durch den erfolgreichen Angriff der Senussi an der West⸗ grenze Aegyptens sind die Engländer genötigt worden, nicht allein Solum und Mersa Matruh, sondern auch die Oase Siwa zu räumen. Während Solum und Mersa Matruh kleine, interesse⸗ lose Küstenorte sind, ist die Oase Siwa eine geschichtlich und künstlerisch hochbedeutende Stätte: hatte doch hier einst jenes Orakel des Jupiter Ammon seinen Sitz, dessen Ruf die ganze Welt des Altertums beherrschte und Alexander den Großen sogar dazu bewog, eine Expedition zu dieser entlegenen Oasen⸗ insel in der libyschen Wüste zu unternehmen. Ammon, der König der Götter, der Nationalgott des ägyptischen Reiches um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, hat in die Oase Siwa mit den ägyptischen Soldaten seinen Einzug gehalten, die sie damals für das Pharaonenreich eroberten. Aber während in Aegypten selbst Ammon, der widdergehörnte, seit dem siebenten Jahrhundert mehr und mehr eine herrschende Stellung verlor, stieg das Ansehen des Gottes in Nubien und auch in den Oasen fast noch höher als früher; er galt als dereinzige, ewige Gott, als der Sonnengott, von dem die andern Gottheiten nur besondere Gestalten sind. Hymnen auf ihn zeigen, daß der Ammonkult von tiefsinnigen Anschauungen erfüllt war, die auf die Eingeweihten großen Eindruck machen mußten, dazu aber besaß der Widdergott noch die Gabe der Prophetie und das An⸗ sehen seiner Orakel scheint etwa seit dem Jahre 1000 v. Chr. gewachsen zu sein und sich verbreitet zu haben. Je mehr der Ammonkult im Nillande selbst versickerte, um so höher stieg die Wirksamkeit und der Ruhm seines Orakels in der entlegenen Oase. König Krösus hat es befragt, als er sich zum Kampfe gegen das Perserreich anschickte; aus Griechenland sind mehr als einmal Gesandte zum Zeus Ammon nach Siwa geschickt 5 worden; und Alexanders berühmter Zug zu dieser Stätte hatte den politischen Zweck, daß der Zeus Ammon ihm durch sein Orakel die Gottessohnschaft bestätigen sollte, auf die er als der 1 neue Pharao Aegyptens Anspruch hatte.. soll später 1 auch Hannibal noch sich an das Ammon⸗Orakel gewandt haben. Im Mittelarter ist dann die Oase Siwa von den sieg⸗ reich vordringenden Anhängern Mohammeds erobert und unter⸗ worfen worden, um später lange sich tatsächlicher Unabhängigkeit zu erfreuen. Zum ägyptischen Staate gehörte sie erst wieder seit Anfang des 19. Jahrhunderts; der wirkliche Beherrscher den Oase ist aber der im Laufe des 18. Jahrhunderts zu Ansehen und Macht gelangte Orden der Senussen, der ja jetzt auch Siwa wieder in seine Gewalt gebracht hat. 3

Selten genug ist diese entlegene Stätte, so lockend auch ihr Reichtum an geschichtlichen und Kunstaltertümern ist, von Euro⸗ päern betreten worden, und zeitweilig war der Besuch der Oase Siwa durch Europäer infolge der Gesinnung ihrer Bewohner ge⸗ radezu unmöglich. Eine besonders ergebnisreiche Fahrt durch die libysche Wüste zur Ammon⸗Oase hat der ausgezeichnete deutsche Aegyptologe Georg Steindorff unternommen, und er hat von ihr in einer eigenen Monographie eine anschauliche und 12. selnde Schilderung gegeben. Wie eine Insel, von der Natur ab⸗ geschlossen, liegt die Oase im Meere der lybischen Wüste. Von Gara, der nächsten Oase im Osten, trennen sie drei volle Tage⸗ märsche, scheidet sie die hohe Küstenebene, die sich, einer gewaltigen Mauer gleich, zwischen beide Oasen schiebt. In Terrassen steigt allmählich dies Kreidegebirge an, um auf der höchsten Stufe zu einer Einöde sondergleichen, einer ungeheuren Felsebene zu wer⸗ den. Von hier aus tritt der Weg nach Siwa in einen e 8 herab, und

geschulter Bariton. Licht⸗ und Massen wirkungen ergänzten das 4 Spiel, das reichen Beifall fand und wohl ein gutes Stück des kom⸗ menden Jahres mitleben dürfte. Die Musik von Bernhard

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12* 3 n, 8

Die Lebenstragödie eines lettischen Dich⸗ ters. Uns wird geschrieben: Der bedeutendste lettische Dichter, Fally, berühmt unter dem Pseudonym Konrad Bullan, ist soeben in dem Flüchtlingsheim der Letten in Mos kau gestorben.

Himmel der Letten, dem außer ihm(noch Poruk und Rainus ange⸗ hören. Konrad Bullan war 1877 im Obern Kurland geboren und kam schon früh nach Petersburg, wo er das Gymnastum besuchte und hinterdrein die Unioersität, um Jura zu studieren. Neben seinen Studien beschäftigte er sich eifrigst mit der Dichtkunst, und 1901 erregte er zuerst die Aufmerksamkeit mit seinem sattrischen LiedeFrühlingstraum. Schon seine ersten dichterischen Ver⸗ suche verrieten eigenartige Begabung, die best

glücklich dem Spiele an.

uche 9 sonders im Revolu⸗ tionsjahre 1906 sich voll entfaltete. Konrad Bullan widmete sich fortan ausschließlich der Literatur und vollendete vier Dramen, an denen er schon früher gearbeitet hatte. Um die Schwierigkeiten 1 aus dem Wege zu räumen, die der Darstellung lettischer ücka entgegentraten, siedelte er nach Riga über, brachte eine Schau⸗ spielertruppe zusammen und leitete selbst die Aufführungen seiner

Bühnenwerke:Arnold Nolle, die Tragödie in VersenHer⸗ kules und die LustspieleIm Stil undLaura. Der Gedanken⸗ reichtum und der dramatisch lebensvolle Zug der Stücke machte

sich Konrad Bullan befand, wurde aber auch durch die literarischen Erfolge nicht behoben. Um sich eine Existenz zu schaffen, wirktdg er als Lehrer der russischen Sprache an einem Privatgymnastum, Dann aber zog es ihn unwiderstehlich nach dem Ausland. Er begab sich nach Erlangen, wo er Philosophie studierte und suchte dann später auch die Berliner Universität auf, um dort Volks⸗ wirtschaft zu hören. Seine Reisen führten ihn nach fast allen europäischen Hauptstädten, und zahlreiche Dramen, wie dieNach⸗ tigall und dieJungfrau von Orleans sowie ein Memoirenwerk, das stofflich und künstlerisch hoch eingeschätzt wird, entstanden im Auslande. Der Kampf ums Dasein wirkte aber allmählich auf⸗ reibend auf die Gefundheit des Dichters, und gerade dicht vor Ausbruch des Krieges trieb die wirtschaftliche Bedrängnis ihn i die Heimat zurück. Bald sollte er sich dem lettischen Flüchtlings⸗ . anschließen und vor der Zeit sein Lebensende in Moskau

Die unverwüstliche Sarah Bernhardt. Keine Weltberühmtheit kann sich rühmen, den Tod so erfolgreich in 99 den Dienst ihrer Reklame gestellt zu haben, wie Sarah Bernhardt. Nachdem die greise Schauspielerin bereits mehr als zehnmal von der Auslands presse totgesagt und hierauf wieder zum Leben erweckt worden war, berichteten die französischen Blätter vor einigen Tagen, daß Sarah Bernhardt diesmal allen Ernstes auf dem Sterbebette liege. DemGaulois gebührt das Verdienst, dieses neueste Sterbenachricht wieder als unwahr zu entschleiern.Sarah Bernhardt ist wohlauf, schreibt das Blatt, und zur Bekräftigung fügt es hinzu:Sie wird in einigen Tagen ein Gastspiel in London

beginnen!! 1 3 5 p NN 1 f n.

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