Ur. 505 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zrdeimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal. „* 74 f
105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Dienstag, 28. Dezember 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Die russischen Liberalen und der Urieg.
Immer noch erscheint vielen von uns das Bündnis des westeuropäischen Sozialismus mit dem Zarentum als etwas ganz Unbegreifliches, weil sie immer noch festhalten an der Fabel vom„Großfürstenkrieg“ und nicht wissen oder nicht wissen wollen, daß in dem Haß gegen Deutsch⸗ land alle Parteien Rußlands einig sind und daß die Herve und Vandervelde nicht in Nikolai Nikolajewitsch und Goremykin, sondern in der radikalen russischen been z“ ihren eigentlichen Bundesgenossen sehen, jener Intelligenz, in deren kleinem Finger nach Vandervelde mehr Freiheitssinn zu finden sei, als in dem ganzen Re⸗ daktionsstab des„Vorwärts“. 5 5
Wir sind uns immer noch nicht klar darüber, wie fest die fixe Idee vom„reaktionären Deutschland“ und„preußi⸗ schen Militarismus“ auch in den sonst hellsten russischen Köpfen sitzt. Der russische Liberale war von altersher daran gewohnt, die„traditionelle Freundschaft“ der deutschen und russischen Regierung dahin zu deuten, daß der Zarismus stets auf die Hilfe Deutschlands bauen könne, und 1905 laubten viele gebildete Leute in Rußland allen Ernstes, daß deutsche Truppen an der Grenze bereit ständen, den Kosaken in ihrem Vernichtungskampf gegen die Revolutio⸗ näre zu Hilfe zu kommen und daß deutsche Kriegsschiffe nach Petersburg unterwegs seien, um im Notfalle den Zaren und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Und als man in den letzten Jahren die Ueberflutung deutscher Hoch⸗ schulen durch russische Studenten ein wenig einzudämmen begann, da sah der russische Liberalismus darin nichts anderes, als einen der russischen Reaktion geleisteten Hand⸗ langerdienst, denn die Mehrzahl jener Studenten konnte ja aus„politischen“ Gründen in den heimatlichen Hoch⸗ schulen keine Aufnahme finden, und wie vollends die preußische Polenpolitik in Rußland beurteilt wurde, das ist ein Kapitel für sich.
Dagegen machte, wie Karl Leuthner so hübsch sagt: „das Bündnis mit England, dem Mutterlande der Konstitu⸗ lion, die russischen Demokraten taumelig vor Freude; sie erhofften das Beste von dem ansteckend guten Beispiel“ und die wütenden Proteste der reaktionären Parteien gegen die Annäherung an England(wovon man bei uns kaum etwas weiß und wozu eben die Furcht vor der„Ansteckung“ die Ursache war), bestärkten die Liberalen nur in dem Glauben, daß sie auf dem rechten Wege seien. Die russische Revo⸗
lution hatte nur Enttäuschungen gezeitigt; nun schien es, als könne man dem Zarismus von einer anderen Seite beikommen. Die patriotische Begeisterung der Liberalen bei Kriegsausbruch war stark mit Schadenfreude gemischt: der Zarismus wollte sich selbst seiner stärksten Stütze berauben, indem er Deutschl zerschmetterte. Und da sollte man ihm in den Arm fallen? Niemals! Zwar hatte man noch vor kurzem die Regierung so heftig befehdet, wie kaum je vorher, aber die paar Monate, bis Deutschland von seinen übermächtigen Gegnern niedergerungen sein würde, konnte man schon Burgfrieden halten. Den Lohn dafür würde man dann nach leicht errungenem Siege schon der Regierung abfordern und sie würde alles bewilligen, weil sie nicht mehr mit den deutschen Kanonen drohen könnte!
Es kam aber alles ganz anders. Kein Krieg hat Ruß⸗ land solche Opfer gekostet wie dieser, und wer trug die Schuld daran? Die Liberalen, die seit der Annektion Bos⸗ niens tagaus tagein gegen Deutschland gehetzt hatten, wenn auch nicht in so plumper Weise, wie ihre reaktionären
Widersacher? Nicht doch! Das, was wir„Hetze“ nennen, war ja ein Kampf für Kultur und Freiheit! Der beste Beweis dafür war doch gerade die„freche Herausforde- rung“ seitens Deutschlands! Wenn die militärischen Erfolge ausblieben, so war einzig die Regierung daran schuld, die das ihr vom Volke entgegengebrachte Vertrauen schmählich getäuscht hatte, wie sie das immer getan. Und so wird in den großen Anklagereden, die im August in der Duma ge⸗
halten wurden, kein Wort gegen den Krieg an sich laut, sondern nur gegen die Art, wie er bisher geführt worden. „Ueberlaßt uns die Führung und wir werden siegen“, das war das Leitmotiv aller liberalen Reden. Aber siegen müssen wir,— sonst ist Europa auf Gnade und Ungnade der„Verpreußung“ ausgeliefert. Von einem Jahre lautete die Losung: erst den deutschen Militarismus zerschmettern, dann die russische Autokratie! Das war nicht gelungen, darum hieß es nun umgekehrt: Erst die Autokratie, dann. Deutschland. 5
Aber auch diesmal ging es schief. Die Regierung schickte die Duma nach Hause und die Opposition nahm das viel ruhiger hin, als nach den wilden Reden zu erwarten war. Ihr war einfach selbst an ihrer Gottähnlichkeit bange geworden. Auch wenn die Regierung nachgegeben hätte und ein liberales Ministerium zustande gekommen wäre,— Hindenburg hätte seine Sache gerade so gut gemacht, viel⸗ leicht sogar noch besser. Damit aber wären die ohnedies schon arg blamierten russischen Liberalen um ihr letztes Ansehen gekommen. Darum machten sie lieber gute Miene zu bösem Spiel, und wenn die 1 Regierung einmal Frieden schließt, können sie ihre Hände in Unschuld' waschen und sich noch einmal als Retter des Vaterlandes aufspielen.
Ob das Volk ihnen noch glauben wird? Oder ob es sich neue Führer suchen wird? Ja, wo soll es die finden? Mili⸗ tärdiktatur oder Anarchie— das scheint die nächste Zu⸗ kunft Rußlands zu sein. Die Schuld daran trifft aber vor allem die bürgerlich-⸗liberalen Parteien, die von doktri⸗ nären Hirngespinsten verblendete Intelligenz. Das eben macht diesen Krieg zur Katastrophe für Rußland: daß es sich nicht nur um den Zusammenbruch des Zarismus han⸗ delt— der war schon 1905 zusammengebrochen—, sondern um den Einsturz aller Grundpfeiler des Reichs.
Kriegsbriefe aus dem Westen. Von unserm Kriegsberichterstatter. (unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten)
Ueber Soissons.
Großes Hauptguartier, den 19. Dezember.
Ueber der regengeschwollenen Aisne kreuzen sich die deutschen und französischen Granaten, Auf den Uferhügeln blitzt das Mün⸗ dungsfeuer. Das sind nicht mehr Feldstellungen, die sich als Schützengräben und Batterien in dichtem Netz über die Hänge ziehen. Das sind meilenlange. zu denen die Front der beiden ringenden Völker erstarrt ist. Die Aisne bildet den gemein⸗ samen Wallgraben der nördlichen deutschen und der südlichen fran⸗ zösischen Festung. An ihr stehen sich die Posten auf Steinwurf⸗ nähe gegenüber, wo nicht, wie jetzt, die Ueberschwemmung der Tal⸗ sohle die Trennungszone verbreitert hat.
Dieses picardische Land ist von großer natürlicher Lieblich⸗ keit. Wir wissen, daß schon die Karolinger mit Vorliebe auf ihren Meierhöfen in ser end residierten, weil sie ihnen die an⸗ enehmste ihres Reiches zu sein schien. Als König Ludwig VI. tob⸗ üchtig wurde, geleitete man ihn auf Schloß Quincy an der Aisne in der Hoffnung, daß die Harmonie der Landschaft auf sein krankes Gemüt beruhigend wirken werde. Die vielen Schlösser und die aus lauter Sommerhäusern zusammengesetzten Ortschaften lassen er⸗ kennen, daß man zu allen Zeiten den Reiz des Aisnetales empfun⸗ den hat. Gotische Burgen mit Türmen und Wappensteinen wur⸗ den von kleinen Barockkastellen mit Wallbastionen abgelöst. Im Rokoko baute man dünne, mit übertriebener Bedeutsamkeit in den Rahmen des Parkes hineingestellte Fassadenkulissen. Im Empire und der späteren bürgerlichen Zeit begriff man, daß die Wohnlich⸗ keit des Hauses der Kern die Darumgruppierung von Park und Gärten eine ee des freien persönlichen Geschmackes sei. Für alle diese Tastversuche der Entwicklung des reichen Hauses bieten die von der Aisne bespülten Ufer der Picardie ein unerschöpf⸗ liches Anschauungsmaterial, und wenn wir auch längst nicht mehr viel vom Geschmack der Franzosen lernen können, eines haben sie zu fle Zeiten verstanden: sie wußten ein Haus in die Landschaft zu stellen.
Doch leider, das ist großenteils vergangene Herrlichkeit. Seit Jahr und Tag hagelte es Brandgranaten und Eisensplitter durch
die Dächer und Mauern der Chalets an der Aisne. Wir wissen ja, daß uns schon im Frieden die Ausbildung der weittragenden Geschütze manche unvermutete Sorge gemacht hat. Das dichte mitteleuropäische Siedlungsgebiet ist zu eng geworden für die Feuerungetüme, die auf Meilenlänge alles in Schutt werfen. Man mußte Dörfer mitten in Deutschland ausräumen, um Platz für die Kanonenschießbahnen zu gewinnen. Und hier machen nun, im altbehäbigsten Kulturlande, zwei der größten Kriegsmächte die Ernstprobe. Sechshundert Jahre lang hat man Schlösser erhalten, die vielen Schlachten vergangener Zeit sind schonungsvoll vorüber⸗ gegangen; dann kam dieses gegenwärtige, grausamste aller Mensch⸗ heitserlebnisse und hobelte den ganzen Prunkaufputz der Ver⸗ gangenheit zum platten Glacis herunter. Für Schlösser und Sommerlauben ist kein Platz, wo die schweren Kaliber nach Schützengräben suchen.
Das ist ein Bild grauenvollsten Jammers, dieses zerschossene Aisnetal, wo jede Heimstätte fröhlich⸗sorgloser Menschen bis auf den letzten Holzsplitter ausgeglüht ist, den das Feuer gefunden hat. Erst lagen die Ortschaften unter dem Feuer unserer Ge⸗ schütze, dann nahmen wir sie ein, und es fanden sich immerhin noch hier und da ein gewölbtes Zimmer oder ein tiefer Kellerraum, die als Quartier verlockender erschienen als die gefrorene Zelt⸗ bahn oder der verschlammte Unterstand. Dann haben die Franzosen monatelang Zielschießen nach jedem aufrechten Mauerstück gemacht, mit leichtem Feldgeschütz und mit den weittragendsten Brummern. Wenn man so eine reiche Ortschaft nach der andern verwüstet sieht, so überfällt einen ein grausiger Gedanke. Der französischste aller Franzosenherrscher, der Sonnenkönig, hatte den Gedanken, ein wüstes Land, wo kein Mensch leben konnte, zwischen Frankreich und Deutschland zu legen. Nur dachte er sich die Zone weiter westlich, und noch heute verflucht jeder Besucher des Heidelberger Schlosses sein Beginnen. Hier aber hat die geschichtliche Vergeltung die wüste Zone mitten durch Frankreich hindurchgelegt. Wer es ge⸗ sehen hat, wie toll hier die Zerstörung ist, der kann nicht daran glauben, daß diese in Schotter steinhaufen zerklopften Ortschaften je wieder aufgebaut werden. Hier ist ein altes Kulturgebiet wie
mit dem nassen Schwamm auf der Landkarte ausgelöscht worden.
Ich stieg auf die Höhen, wo die Artillerie das jenseitige Aisne⸗ ufer„in Ruhe“ hält. Durch einen zerschossenen Wald, über zer⸗ splitterte Stämme und Stämmchen, kam ich zu einer Bergnase, die noch von einigem Tannenwuchs gedeckt wurde. Da sah ich zu meinen Füßen die Stadt Soissons. Jenseits der Aisne, greifbar nahe, eine bedeutende Stadt, mit großen Plätzen und schönen Straßen. Dort liegt das Stadthaus, dort die große Kaserne. Da vorn, fast am Rande des Weichbildes, steht eine bedeutende
Kirchenruine. Zwei schöne Münstertürme halten eine anspruchs⸗ 1
volle Domfassade in ihrer Mitte. Aber das Mauerwerk ist durch⸗ sichtig. Es ist nur noch eine Attrappe. Dahinter gähnt die leere
Luft; man sieht durch jeden Fensterbogen. Unwillkürlich denkt a
man an die weinerlichen Schilderungen, mit denen die braven
Engländer die Deutschen bedacht haben, weil dieses Hunnenvolk
nicht einmal die ehrwürdige Kathedrale von Soissons geschont habe. Gemach! Die Ruine, die hier jämmerlich genug di Stadt Soissons überragt, ist nicht die Kathedrale, sondern die alte Abtei St. Johann in den Reben, die sich schon genau so trostlos und zerstört in den alten Kupferstichwerken der picardischen Sehens⸗ würdigkeiten aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts findet. Vielleicht haben hier wieder einmal die Jakobiner die Menschheit
e ganze
erleuchtet, indem sie mit Brandfackeln einen ehrwürdigen Dom in ein kurzes Feuerwerk verwandelten. Vielleicht ist die Zerstörung
auch noch älter. Die Deutschen haben kein Teil daran, außer der
Verkürzung des kleineren rechten Turmes, von dem einige Schluß⸗ 1
steine abgeschlagen sind. Die Kathedrale selbst, die niedriger und
unbedeutender ist, hat keinen nennenswerten Schaden gelitten. Wenigstens habe ich mit einem guten Glase keine Beschädigung an ihren Pfeilern und Giebeln feststellen können.
Sonst freilich fehlt in der Stadt manches Dach, die Straßen. zeigen manche Lücken. Aber wenn man scharf zusieht, beobachtet man auf Plätzen und in Gassen alltägliches Leben. Heute z. B. gehen die Bürger mit Regenschirmen. Sie gehen ganz gemach, als ob sie nicht unter den Zielgläsern der deutschen Geschütze lebten,
sondern in vollem Frieden. Wie ein Spielzeugkasten liegt die Stadt
unter unseren Artilleriehügeln. Es bedürfte eines Befehles, dann
wäre sie ein paar Tage lang ein Feuermeer und bald danach ein
ausgekohlter Trümmerhaufen, in dem kein Leben mehr zucken
würde. Wir brauchten mit der feindlichen Stadt nur so zu ver⸗
fahren, wie die Franzosen mit den eigenen Ortschaften umgegangen sind, in denen sie deutsche Reservenansammlungen vermuteten. Wer
heißt uns, eine französische Stadt schonen, die lange genug eine Trutzveste des uns bedrohenden Erbfeindes gewesen ist?
Die Zugabe..
Bis vor dem Kriege war noch vielfach im kaufmännischen und gewerblichen Leben die Zugabe im Schwange. Sehr viele Bäcker e dem Kaufe eines Brotes eine Zugabe in Form einer
mmel, eines Knüppels oder einer Schrippe; nicht wenige Kauf⸗ leute und Krämer suchten sich ihre Kundschaft dadurch zu erhalten, daß sie ihren Kunden bei einem Kauf einen kleinen Gegenstand bei⸗ legten. Wiederholt hat man das Zugabewesen auf das schärfste bekämpft, es ist aber nicht möglich gewesen, es überall auszurotten. Die harte Kriegszeit mit ihrer Preissteigerung für alle Lebensmittel
und Gebrauchsgegenstände hat wohl überall in unserem Vaterlande dem Zugabewesen ein im rechtlichen
Ende gemacht. Einst spielte die Zugabe auch eben bei uns eine große Rolle; in unserer Sprache alten. Am häufigsten
t er schon eine neue Wohnung gemietet; er hat also dann zwei Wohnungen auf dem Halse. Sein Einwand, daß doch mündlich eine vierteljährliche Kündigung, also eine solche von drei vollen ten, vereinbart worden sei, hilft ihm nichts; jeder Richter wird ihn verurteilen, wenn er die Wohnung nicht vor dem 28. Dezember gekündigt hat und wenn seststeht, daß der Kündigungstermin von drei Monaten und drer Tagen ortsüblich ist. Aus verschiedenen Redensarten unserer Sprache, die heute noch
im Gebrauche sind, können wir feststellen, daß die kleine Zugabe von einem oder mehreren Tagen zu längeren Fristen in früheren Zeiten eine allgemein geübte t war. Wir gebrauchen heut die Redensart„Nach Jahr g“ in ganz allgemeiner Bedeutung, ohne uns irgend etwas Besonderes dabei zu denken.„Jahr und Tag soll ewig gelten“ sagt ein altes Rechtssprichwort. Der Ausdruck diente ursprünglich zur Bezeichnung der Verjährungsfrist, also des Zeitraumes, der verflossen sein mußte, damit jemand in den unan⸗ gesochtenen Besitz einer Sache gelangen konnte. Nach altfränkischem Recht wurde beispielsweise für die Gesundheit eines verkauften Knechtes auf Jahr und Tag lusque ad annum et diem) Gewähr geleistet. In der ursprünglichen Bedeutung begegnen wir diesem Aus⸗ druck noch in manchen alten Märchen: meist diente er als stehende Be⸗ stimmung für die Dauer des Aufenthaltes in der Fremde. 30 Jahre und ein Tag war in alter Zeit die übliche Bezeichnung für die * Vollkraft der Mannesjahre; erst wer 50 Jahre
und 1 Tag gelebt hatte, ohne gefreit zu haben, galt als Hagestolz, und die Redensart„hundert Jahre und ein Tag“ bedeutete so viel wie ewig. Wir sprechen noch heute von acht Tagen und meinen damit nur den Zeitraum von einer Woche, also nur von sieben Tagen. Diese Redensart hält noch die Erinnerung an die ursprüng⸗ liche achttägige Frist— bestehend aus einer Woche und einem Tage— fest. Die Sitte, die Frist von einer Woche um einen Tag zu verlängern, ist schon längst verschwunden sie war aber in der Zeit, als sie bestand, in der Redensart„Acht Tage“ festgelegt worden, und diese Redensart ist dann für eine glatte Woche über⸗ tragen worden, Eine Frist von zwei Wochen bezeichnen wir richtig als vierzehntägige Frist; diese Frist ist bei uns zu einer Zeit üblich geworden, als die Geflogenheit, die Fristen durch eine kleine Zu⸗ gabe zu verlängern, bereits außer Uebung gekommen war. In Frankreich war dies anders; unsere Frist von vierzehn Tagen wird dort mit quinze jours(fünfzehn Tage) bezeichnet. Bei den Fran⸗ zosen hat also in letzter Zeit die vierzehntägige Frist dieselbe Rolle gespielt wie bei uns in altdeutscher Zeit die achttägige Frist. Daß die schon erwähnten Zugaben im kaufmännischen Leben auf ein recht ehrwürdiges Alter zurückblicken können, zeigt uns schon die älteste kaufmännische Literatur, die wir besitzen. In einem aus dem Jahre 1424 stammenden italienisch⸗deutschen Sprachbuch heißt es darüber: Ez ist der deuszen(Deutschen) gebanheit(Ge⸗ wohnheit), daz sie muessen albeg(allwege) zugab haben, pey mein trewn(bei meiner Treu) ez duncat(dünkt) ein deuszen, er hiet (hatte) nicht chauff(Kauf) gemacht, ob er nicht zugab hiet. Ob nur die Deutschen der damaligen Zeit so zugabesüchtig waren? *
— Das Schicksal der Kunstdenkmäler in Flan⸗ dern und Frankreich. Die folgenden Meinungsäußerungen berühmter belgischer und französischer Künstler erschienen als Ant⸗ wort auf die Rundfrage:„Sollen die durch den Krieg zerstörten Kunstdenkmler wiederhergestellt werden?““ in der Weihnachts⸗ nummer des Strand Magazine. Der französische Romanschriftsteller Rémy de Gourmont erklärt: Es kann kein Zweifel darüber be⸗ stehen, daß die durch den Krieg beschädigten Kunstbauten so wieder⸗ hergestellt werden sollen, daß sie möglichst unverändert ihr altes Aussehen erhalten. Es hat keinen Zweck, Ruinen als Denkmäler des Krieges stehen zu lassen. Beschädigte Kunstwerke müssen wie ver⸗ wundete Menschen behandelt werden. Selbstverständlich ist es nicht immer zu verhüten, daß die den Kunstwerken geschlagenen Wunden dauernde Narben zurücklassen.“ Paul Bourget erklärt, daß er keine bestimmte Meinung abgeben könne, da er die beschädigten Bauten noch nicht gesehen habe. Aber auch er meint, daß man besser tun würde, die Folgen des Krieges zu verwischen, anstatt die Kunst der historischen Denkwürdigkeit zu opfern. Der bekannte belgische Dichter Emile Verhaeren meint hingegen:„Zer⸗
störte Kunstdenkmäler sollten im Zustand ihres glorreichen Staubes 15 a
belassen werden, als Denkmäler der Zeit. Nur einzelne Kunstwerke,
deren Beschädigung ohne Störung des Stils wieder gut gemacht werden kann, sollen wieder hergestellt werden.“ Der Direktor des Pariser Trocadero⸗Museums schließt sich in beiden Punkten de belgischen Poeten an. Der französische Kunstkritiker Jean de Bon
mefou äußert:„Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, die Kriegsopfer
der Kunst nach einem einheitlichen Grundsatz zu behandeln. Jeden⸗
falls sollte man durch den Krieg zerstörte Denkmäler nicht durch Neuarbeiten wiederherstellen, denn das hieße, das Andenken des großen Krieges pietätlos beiseite schaffen. Aber umsomehr ist es
unsere Pflicht, die unversehrt gebliebenen Teile in ihrem Zustand zu. erhalten. Wenn z. B. bei einer Kirche das Dach zerstört, der Altar
im Innern aber unberührt ist, soll man nicht dem Regen gestatten, den Schaden zu vermehren. Andererseits aber wäre es tadelnswert,
ein geborstenes Altarstück durch einen neuen Zubau zu ersetzen.“ Der französische Bildhauer Antoine Mercis wendet sich energisch gegen jedwede bauliche Arbeit an den beschädigten Kunstwerken: „Niemand hat ein Recht dazu, die Kunstopfer des Krieges zu be⸗ rühren. Es wäre Schändung, diese heiligen Spuren des Krieges zu verwischen. Auch vom rein künstlerischen Standpunkt wäre dies ebenso tadelnswert, wie z. B. eine Wiederherstellung griechischer oder römischer Ruinen.“ Zum Schlusse der Rundfrage schreibt Rodin:„Viele Leute glauben, daß man Kunstwerke wieder aufbauen kann, wie man vernichtete Kriegsschiffe ersetzt. Nur besitzt leider niemand das Können, um dies zu verwirklichen. Darum sollen wir das Stehengebliebene bewahren— nichts sonst.“
— Liechtensterner Kriegsnöte. Ueber das Fürsten⸗ 15 tum Liechtenstein, die kleinste Monarchie Europas, hat der Welt⸗
krieg die bitterste Not gebracht. Liechtenstein gehört bekanntlich durch seine Justiz⸗ und Postverwaltung zu Oesterreich, und dieses hätte daher eigentlich die Pflicht, das Ländchen mit der nötigen
Zufubr zu versorgen; die Erfüllung dieser Pflicht wird jedoch durch
die geographische Lage des Fürstentums, das durch die Drei⸗ 75 schwesterngruppe von der Donaumonarchie abgeschnitten wird, un⸗
möglich gemacht. Die Lebensmittelnot ist unter diesen Umständen im Fürstentum überaus drückend geworden, die Geschüfte haben teilweise aus Mangel an Waren schließen müssen. Nun hat zwar die Schweiz zu einer Erleichterung der Lage des Ländchens ihre
Hand geboten, aber die Eidgenossenschaft hat selber keinen Ueber⸗ 1
fluß, und so beschränkt sich ihre Hilfe auf die Erlaubnis, für jeden Einwohner des Fürstentums täglich ein Kilo Brot und je ein Kilo Fleisch für jede Familie auf schweizerischem Boden einzukaufen. Heiter ist den Liechtensteinern unter diesen Umständen nicht zu Mute, zumal da neuerdings auch das Petroleum ausgegangen ist und die Beleuchtung mit Kerzen geschehen muß— wenn welche vorhanden sind. 5
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