Tagesordnung Napa an, die lautet:„Die Kammer geht im Ver⸗ Ministerium zur artikelweisen Diskussion der
euerzwölftel über. Die Kammer nahm schließlich die ganze Vorlage der Budget⸗ zwölftel in geheimer Abstimmung mit 313 gegen 56 Stimmen an.
Die Brotversorgung in der Schweiz.
5 Bern, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Der Bundesrat hat heute verschärfte Bestimmungen über die Siche⸗ rung der Brotversorgung und den Verkauf von Ge⸗ tretde erlassen.— Sämtliche Mühlen dürfen nur noch so⸗ genanntes Vollmehl herstellen. Die Herstellung von Weiß⸗ mehl und Grießmehl ist vollständig verboten, mit Ausnahme der Erzeugung und Abgabe an Kranke und Kinder.
Die englische Zensur.
London, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Das Pressebureau teilt eine wichtige Aenderung der Zensurvorschriften mit. Die Zensur des Auswärtigen Amtes wird aufgehoben. Die Verantwortung für die Veröffentlichung von Nachrichten aus dem Gebiet der Auswärtigen Angelegenheiten liegt zukünftig bei den Direktoren der Zeitungen und den Nachrichtenagenturen.
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Die Auseinandersetzung wegen der Versenkung
der„Ancona“. Washington, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Mel⸗ dung des Reuterschen Bureaus. Der Text der Note der Vereinigten Staaten an Oesterreich⸗Ungarn tber die Versenkung der„Ancona“ lautet wie folgt: „Es liegen verläßliche Informationen von amerikanischen und anderen überlebenden Passagieren der„Ancona“ vor, die zeigen, daß das U-Boot, welches die österreichisch-ungarische Flagge führte, auf den Dampfer scharf geschossen hat, und daß der Dampfer deshalb zuentkommentrachtete, ferner, daß nach einem kurzen Zeitraum, ehe noch die Besatzung und die Passagiere alle imstande waren, die Boote zu besteigen, das U-Boot eine Anzahl von Geschossen auf das Schiff abge⸗ feuert hat und es schließlich torpedierte und versenkte, während noch Passagiere an Bord waren. Durch das Geschlszeuer und den Untergang des Schiffes haben viele Personen ihr Leben verloren oder wurden ernstlich verletzt. Darunter be⸗ fanden sich Bürger der Vereinigten Staaten. Die Erklärung des österreichisch⸗ungarischen Marinestabes über den Vorfall bestätigt im großen und ganzen die hauptsächlichsten Erklärungen der Ueberlebenden, da sie zugibt, daß die„Ancona“, nachdem sie be⸗ schossen worden war, torpediert wurde, während sich noch Personen an Bord befanden. Die österreichisch⸗ungarische Regterung kennt aus der Korrespondenz zwischen den Vereinigten Staaten und Deutsch⸗ and die Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten bezüglich des Gebrauchs von Unterseebboten zum Angriff auf Handelsschiffe und weiß, daß Deutschland dieser Auffassung Rechnung getragen hat. Trotzdem brachte der Kommandant des Unterseebootes, das die „Ancona“ angriff, die Besatzung und die Passagiere eines Schiffes, das zu zerstören beabsichtigt war, nicht in Sicherheit, offenbar, weil man es nicht als Prise in einen Hafen brin⸗ gen konnte. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist der Meinung, daß der Kommandant des U-Bootes die Grundsätze des Völkerrechtes und der Menschlichkeit ver⸗ letzt hat, indem er die„Ancona“ beschoß und torpedierte, die Personen an Bord in Sicherheit gebracht waren, oder ihnen genügend Zeit gegeben war, das Schiff zu verlassen. Das Vorgehen des Kommandanten kann als eine mutwillige Tötung schutzloser Nichtkämpfer aufgefaßt werden, denn das Schiff leistete, ls es beschossen und torpediert wurde, anscheinend keinen Wider⸗ stand und versuchte auch nicht zu entkommen. Keine andere Ur⸗ ache wäre eine genügende Entschuldigung für einen solchen An⸗ griff, selbst nicht das Bestehen der Möglichkeit einer Rettung. Die Regierung der Vereinigten Staaten nimmt deshalb an, daß der Kommandant des U⸗Bootes entweder gegen seine Instruktionen gehandelt hat, oder daß die österreichisch⸗ garische Regierung den Kommandanten der U-Boote nicht [che Instruktionen gegeben habe, die mit dem Völker⸗ recht und den Grundsätzen der Menschlichkeit übereinstimmen. Die Regierung der Vereinigten Staaten will nicht letzteres an⸗ nehmen und der österreichisch⸗ungarischen Regierung die Absicht uschreiben, hilflose Leben zu zerstören. Sie glaubt eher, daß der K andant des U-Bootes ohne Auftrag, gegen die In⸗ struktionen, die er erhielt, gehandelt hat. Da die guten, gegenseitigen Beziehungen der beiden Länder auf der Beobachtung des Ge⸗ setzes und der Menschlichkeit beruhen müssen, kann man von den einigten Staaten nichts anderes erwarten, als daß sie verlangen, daß die Kaiserlich 7 8 Regierung die Versenkung der„An⸗ ona“ als eine ungesetzliche, unverantwortliche Tat bezeichne, daß der Offizier, der sie begangen hat, bestraft und daß ein Scha⸗ 8 nersatz für die getöteten und verwundeten amerikanischen irger durch Zahlung einer Vergütungssumme geleistet werde.
allen Wünschen prompt nachkommen wird. Sie glaubt das deshalb, weil sie nicht annimmt, daß die österreichisch⸗ungarische Regierung eine Handlung gutheißt und verteidigt, die von der Welt als un⸗ menschlich und barbarisch verurteilt wird, allen zivilisierten Völkern schrecklich erscheint und den Tod unschuldiger amerikanischer Bürger 4 18 8 0 ashington, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Mel⸗ dung des Reuterschen Bureaus. Wie verlautet, wird die Antwort Oesterveich⸗Ungarns auf die„Ancona“ ⸗Note in längstens einer Woche erwartet. a
Vom Kongreß der„echt russischen Leute“.
Petersburg, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.)„Rjetsch“ ingt eine weitere Entschlleßung des Aung res 7 7 t russischen Leute. Sie wünscht die völlige Enteignung allen deutschen Eigentums, die Beschlagnahme allen Eigentums
er Sektierer, die Besetzung der Stellen in der Verwaltung nur durch echt russische Leute, die Einziehung des Kredits bei allen ae Banken. Monopolisierung sämtlicher Versiche⸗
ngsgesellschaften, da sie alle in deutschen Händen seien, Samm⸗ lung von Material gegen Personen mit deutschen Familiennamen,
absolute Macht des Zaren beschneiden wolle. Das Verlangen nach mnestie sei direkt zum Schaden des russischen Volkes. Das Ver⸗ ngen nach Toleranz gegenüber Andersgläubigen set Eine Unzu⸗ lässigkeit gegenüber dem Sektierertum Die bereits gewährte Er⸗ leichlerung der Lage der russischen Juden bedrohe direkt die russi⸗ sche Existenz, da diese jetzt offensichtlich Deutschland im Kriege be⸗ günstigten. Die jetzige Politik gegenüber Finnland sei eine direkte Uebertretung des Gesetzes zugunsten der Finnländer. Die vom Block verlangte Einstellung des Kampfes gegen die Ukrainer ent⸗ alte die Gefahr einer Zerstückelung Rußlands. Der Kongreß be⸗ grüßt die Hinausschiebung der Einberufung der Duma freudigst und betont, die Semstwos und die Stände beabsichtigten offen⸗ sichtlich die Staatsgewalt an sich zu reißen. 6 ä— Der Seelrieg. London, 13. Dez(WTB. Nichtamtlich.) Lloyds mel⸗ det: Der britische Dampfer„Pinegrova“(2847 Brutto⸗
Aus dem Reiche.
Die Lebensmittelfürsorge im Reichstag. 5
Berlin, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich) Im Hauptausschuß des Reichstages wurden u. a. folgende Anträge angenom⸗ men: Erstens ein Antrag der Fortschrittler auf Festsetzung einheitlicher Mehl⸗, Brot⸗ und Butterhöchstpreise für größere Be⸗ zirke und die Einführung von Fettlarten zur Regelung der Ver⸗ sorgung der Bevölkerung von Städten und Industriebezirken mit Butter und Speisefett, sobald die Versorgung gesichert ist; zwei⸗ tens ein Antrag der KFonservativen auf Regelung der Ver⸗ wendung der unentbehrlichen Lebensmittel dahin, daß für die minderbemittelten Volkskreise eine bestimmte Menge unter Ein⸗ stellung des Verbrauchs der Wohlhabenden sichergestellt wird, in Verbindung mit einem Zentrums ⸗Antrag auf Ausgabe von Bezugskarten für alle Haushaltungen mit einem Jahresein⸗ kommen unter 2000 Mark für Fleisch, Fett oder Gemüse bei den Gemeindeverwaltungen usw. zu ermäßigten Preisen; drittens ein Antrag der Sozialdemokraten auf Verleihung des Ein⸗ fuhrmonopols für Lebensmittel an die Zentral⸗Einkaufs⸗Gesell⸗ schaft und Abgabe der eingeführten Lebensmittel durch sie nur an Behörden oder an behördlich bestimmte Verteilungsstellen.
Berlin, 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) In der heutigen Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages erklärte der Unterstaatssekretär Frhr. v. Stein, Einschränkung des Butter⸗ verbrauches sei geboten. Wenn wohlhabende Kreise die [leischlosen Tage nicht einhielten, so sei dies verwerflich. Die fleischlosen Tage hätten aber gut gewirkt. In Wilmersdorf sei ein Rückgang im Fleischkonsum um 26 bis 27 ent eingetreten. Bei der Frage der Reichszuschüsse zur Produktion und Ernährung drückte Staatssekretär Helfferich seine Bedenken aus, ob die Ver⸗ billigung von Nahrungsmitteln für die Minderbemittelten durch direkte Reichszuschüsse erreicht werden könne. In Bezug auf die Familienunterstützung sei er gern bereit, wenn auch nicht allgemein, weiter entgegen zu kommen. Hinsichtlich der Futtermittel lasse sich das Reich erhöhte Zufuhr angelegen sein. Die Gemeinden sollten in den Stand gesetzt werden, Natural⸗ zuschüsse zu gewähren.
Die nächsten Reichstagssitzungen.
Berlin, 13. Dez. Am Dienstag wird die nächste Sitz⸗ ung des Reichstags stattfinden. Auf der Tagung stehen die Anfragen des Abgeordneten Liebknecht, die neue Kreditvorlage und der Gesetzentwurf über Hilfsmitglieder im Patentamt. Voraus⸗ sichtlich wird eine weitere Sitzung des Plenums vor Weihnachten nicht stattfinden, und die Beratung des Reichshaushalts⸗Aus⸗ schusses soll am 18. Dezember vorläufig beendet werden. Nach Neujahr wird dann der Reichshaushalts⸗Ausschuß seine Arbeiten wieder aufnehmen. Die nächste Plenarsitzung wird voraussichtlich am 9. Januar stattfinden.
Berlin, 14. Dez. Im Reichstag wird der Abgeordnete Bassermann eine kleine Anfrage stellen, ob der Reichskanzler bereit und in der Lage sei, über folgende englischerseitsver⸗ breitete Behauptungen Auskunft zu erteilen:
1. Deutschland habe seit langem Vorbereitungen getroffen für einen Angriff auf Britisch⸗Südafrika, insbesondere durch Anhäufung von Munition und Aufstellung einer außerordentlich starken Truppenmacht in Deutsch⸗Südwestafrika.
2. Der Gouverneuer von Deutsch⸗Südwestafrika hahe vor Be⸗ ginn des Krieges mit dem burischen Kommandanten Maritz ein Abkommen zwecks Angriffes auf Südwestafrika getroffen.
3. Nach Ausbruch des Krieges in Europa habe die bewaffnete Macht Deutsch⸗Südwestafrikas an zwei Stellen, angeblich bei Scuit⸗ drift und Nakab⸗Süd einen Angriff auf englisches Gebiet gemat.
Berlin, 14. Dez. Bei der ersten Lesung der Kreditvorlage wird laut„Vorwärts“ die sozialdemokratische Frak⸗ tion nach einem gestern mit 60 gegen 31 Stimmen gefaßten Beschluß, wie in früheren Fällen für die Ueberweisung der Vor⸗ lage an die Budgetkommission ohne Debatte stimmen. Zu der Kreditvorlage wird die Fraktion erst in einer späteren Sitzung Stellung nehmen.
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Minden(Westfalen), 13. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Die deutsche Zentrale für Kriegslieferungen von Tabakfabrikaten, Sitz Minden(Westfalen), hat in dankbarer Würdigung der Verdienste des Kriegsministers Enver Pascha und der gemeinsamen deutsch⸗türkischen Krieg⸗ führung dem deutschen Komitee zugunsten des Roten Halb⸗ mondes einen Betrag von 100 000 Mark überwiesen. Den gleichen Betrag von 100 000 Mark hat die genannte Zen⸗ trale aus Anlaß der großen bulgarischen Waffenerfolge dem eee für das Rote Kreuz in Bulgarien überreicht.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 14. Dezember 1915.
Die Brücke zum Orient.
Bis auf den letzten Stuhl war gestern abend der Klubsaal von einer aufmerksamen Zuhörerschaft aller Parteirichtungen ge⸗ füllt, die sich zum Vortrage von Lic. Dr. Paul Rohrbach ein⸗ gefunden hatte. Unter den Anwesenden befanden sich auch viele Offiziere und Feldgraue, ein Zeichen dafür, daß das Thema„Die Brücke zum Orient“ in seiner Bedeutsamkeit vollauf er⸗ faßt war. Der Vorsitzende der Fortschrittlichen Volkspartei, auf deren Anregung hin der Vortrag zustande kam, Geh. Justizrat Metz, sprach einleitende Worte, in denen er seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß Vertreter aller Parteien sich eingefun⸗ den hätten, in dem Bewußtsein, daß die einzelnen Parteien wohl verschiedener Meinung sein könnten, daß aber alle nur das Wohl von Volk und Reich im Auge hätten und in diesem Bewußtsein zusammenständen. 4 5
Hierauf ergriff Lic. Dr. Paul Rohrbach das Wort und erläuterte vorerst den Begriff des nahen Orientes, der sich von Konstantinopel bis zum Suezkanal erstrecke. Die Brücke, die zu ihm hinüberführe, habe zwei Bögen, mit einem Strompfeiler in Sofia und zwei Landpfeilern in Belgrad und Konstantinopel.
Rußlands politisches Programm habe schon seit dem Testa⸗ mente Peters des Großen auf den Besitz von Konstantinopel hin⸗ gezielt. Anfangs sei dies nur ein machtpolitisches Ideal gewesen, keine Lebensnot. Da bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Ostseehäfen Reval, Riga, Libau, genügt hätten, seine land⸗ wirtschaftlichen Erzeugnisse auszuführen. Das Bild habe sich mit dem Bau von Eisenbahnen in der Ukraine verschoben, denn diese Bahnbauten hätten ein fruchtbares Getreideland erschlossen und Rußland zu einem Exportlande für Weizen gemacht. Das Ausfuhrgetreide habe aber nun seinen Weg zum Schwarzen Meere nehmen müssen und von diesem Augenblicke an sei der Besitz von Konstantinopel für Rußland zur Lebens⸗ frage geworden. Den Beweis dafür habe dieser Krieg erbracht, da Rußland eine zweijährige Getreideernte in den Schwarze⸗Meer⸗ Häfen liegen habe und da ihm auch die Osssie versperrt sei, seinen Bedarf an Munition und kriegstechnischen Materialien nicht decken könne. Um sich den Besitz von Konstantinopel nach jeder Richtung hin sicher zu stellen, hätte Rußland die Balkanstaaten voll⸗ kommen von sich abhängig machen müssen und ein derartiges Vorgehen hätte nichts anderes bedeutet, als das Ende von Oesterreich⸗Ungarn und nicht viel später die Erdrosse⸗ lung Deutschlands. 8
Bismarck habe zwar erklärt, der ganze Balkan ser nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert, und England habe unsere weltpolitische Interesselosigkeit in dem Tausch zwischen Helgoland und Sansibar bestätigt. Die Verhält⸗ nisse hätten sich aber geändert und der erste Gegenzug gegen Englands Seemachtstellung sei das Kaiserwort an die drei Mil⸗ lionen Mohammedaner gewesen.
England habe ja scheinbar seine Weltmachtstellung besiegelt, als es den 1869 erbauten Suezkanal schon 1882 an sich riß,
tonnen) ist versenkt worden; 22 Mann der Besatzung wurden gerettet. 5
gebe es eine Stelle, wo sein Reich zu Lande angegriffe werden könne. 0 7 Englands Interessen seien mit dem Suezkanale eng verknüp denn dieser bilde das Tor zu 300 Millionen Menschen deren Landbesitz England als sein Interessengebiet ansehe. Werde dieser Weg bedroht, so sei auch Englands Lebensader gefährdet. Deshalb habe es schon mit Unwillen gesehen, daß Deutschland den Türken in der Organisation seiner Armee Hilfe leistete und an⸗ fing, in Kleinasien Ersenbahnen zu bauen. Besonders feind⸗ selig habe es sich zum Bau der Bagdadbahn gestellt, die bei Aleppo den Anschluß an die Syrischen Bahnen erreichen sollte, womit Truppen bis auf 300 Kilometer Entfernung an den Suezkanal herangebracht werden konnten. Merkwürdigerweise sei es kurz vor dem Kriege zu einem Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei gekommen, in England sich verpflichtet habe, seine Hinderungspolitik gegen den Bagdadbahnbau einzustellen und auch sonst noch weitgehende Zugeständnisse machte. Vielleicht sei das eine Falle gewesen, vielleicht auch eine neue politische Strömung Englands, Deutschland auf dem Gebiete der Weltpolitik als gleichberechtigt anzuerkennen. Später, beim Ausbruch des Krieges, habe England nur die Wahl gehabt zwischen einer Verhinderung eines Krieges oder der Mitwirkung auf seiten unserer Gegner. England habe den Krieg verhindern kön⸗ neu, denn eine, im Weißbuche wiedergegebene Mitteilung des englischen Gesandten in Petersburg habe die bedrohliche Lage, die durch Rußlands Probemobilmachung hervorgerufen wurde, klar erkannt. Es habe aber die Niederwerfung Deutschlands gewollt und sei in seiner Annahme, durch seinen Beitritt zu unsern Gegnern unsern Zusammenbruch unvermeidlich zu machen, bitter enttäuscht worden.
Auf die Dauer des Krieges habe es sich nun ergeben, daß man die Lage im nahen Oriente nicht sich selbst überlassen konnte. Es drohte dort die Gefahr, daß England den Entschluß fassen könne, ohne Rücksicht auf Blutopfer die Dardanellen⸗ 0 durchfahrt zu erzwingen und Rußland auf diese Weise Luft
zu schaffen. Darum mußte der Brückenschlag nach dem Orient versucht werden, der dank dem Eingreifen der Bulgaren sich
so glänzend vollzogen hat. 0
Durch diesen Brückenbau sei die Katastropheüber Eng⸗ land schon hereingebrochen; denn nehme man an, es käme auch nur zu einem Frieden, der England keinerlei Opfer auferlege, so hätten sich doch die Mittelmächte einen Landweg zu 900 Mil⸗ lionen Menschen gebahnt, den England nicht mehr behindern könne. Damit sei der Druck Englands, der seit mehr als einem Jahrhundert auf der Welt gelastet habe, zu Ende Man könne heute schon sagen, die Macht des englischen Weltreiches ist ge⸗ brochen. Denn nun hätten wir eine empfindliche Druckstelle auf Aegypten, durch die England zwangsweise zur Nach⸗ giebigkeit gezwungen werden könne. Wenn uns der Brückenbau aber nicht gelungen wäre, so würden die beiden Mächtegruppen auf sich allein angewiesen geblieben sein, nun aber seien sie zu einer politisch undwirtschaftlichunüberwindlichen Einheit zusammengeschlossen. Deutschland und Oesterreich⸗ Ungarn als wirtschaftlich gleichgeartete Länder hatten sich nicht so ergänzen können, wie es jetzt im Anschsuß an die Türkei ge⸗ schehe, da wir gegen unsere Industrieerzeugnisse aus dem kulturell wieder erschlossenen Mesopotamien, Baumwolle, Weizen, Fleisch und Petroleum auf dem Landwege ungehindert von Eng⸗ land einführen könnten. Die Erschließung dieses Weges bilde die Einleitung zu einer neuen Epoche der Weltpolitik. Ebenso wie man England durch einen Druck auf Aegypten gefügig machen könne, so werde auch Rußland, das ohne Konstantinopel nicht lebensfähig sei, zur Nachgiebigkeit gezwungen.
Der Vortrag, der mit klarer Darstellung die vielfach sich kreuzenden Probleme herauskristallisierte, wurde mit lang an⸗ haltendem Beifalle aufgenommen. Ein Teil der Einnahmen fließt dem Roten Kreuz Bulgariens zu. 22.
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Vom Appetit der Russen.
Welches ist der Unterschied zwischen Russen, Deutschen und Franzosen? Diese Scherzfrage wurde schon vor hundert Jahren gestellt und man bekam folgende Antwort: Setzt man den dreien ein Glas Milch vor, in das etliche Fliegen gefallen sind, so 1 der Franzose die Milch, der Deutsche entfernt erst die Fliege und trinkt sie, der Russe aber schlürft schmunzelnd Fliegen und Milch zusammen, er ist eben nicht niedlich. Das letztere kann man auch jetzt nach 100 Jahren noch mit gutem Gewissen sagen und hinzu⸗ fügen, daß die Kerle auch den besten Appetit haben. Sie sind, wie der Oberhesse sagt,„keine schlechten Esser, sondern bloß gute Trinker“. Wie sehr sie im Essen ihren Mann stellen, zeigt folgendes: 70 Russen kamen neulich auf ein Werk in Arbeit. Bei der ersten 1 verzehrte jeder ungelogen 5 Pfund Quellkartoffeln und ein 2⸗Pfund⸗Laib⸗ chen Brot.„Wo sind denn die Kartoffeln geblieben“, fragte der Direktor. Die ganz verstört darein blickende Kochfrau, die vor Schrecken über die Leistungsfähigkeit der fremden Gesellen einer Ohnmacht nahe war, konnte keine Antwort geben. Sie kocht jetzt jeden Tag 2 Malter ungeschälte Kar⸗ toffeln. Dazu gibt's mehrmals in der Woche pro Kopf und Mann einen Hering. Man schält aber weder die Kartoffeln noch die Heringe, die Russen zeigen vielmehr eine ganz be⸗ sondere Vorliebe für Kopf, Schwanz und Gräten der Fische. Auf einem andern Werk waren 30 Russen eee Der Verwalter meinte, man könne nun von den Tischabfällen ganz gut ein Säuchen mästen und schaffte sich zwei Schwein⸗ chen an. Abfälle aber gab es nicht und es fehlte nicht viel, so hätten die Kerle auch die Schweinchen mitverzehrt. Hier fällt einem unwillkürlich folgendes Geschicht aus dem Vogelsberg ein Da hatte ein Bauer ein tnerschweres Wutzchen geschlachtet. Er lud ein Dutzend Freunde 1— 11 ein. Es ging hoch her, man ließ es sich schmecken und als die Gäste sich verabschiedeten, rief unser Bauer ein über das andere Mal„Gute Nacht Säuchen!“„Warum,“ so fragte neulich ein Lehrer die Kinder,„warum essen die Russen nichts Gewärmtes?“ und er bekam von einem kleinen Rangen die prompte Antwort:„Ei Herr Lehrer, sie lassen nie was übrig.“ a
Den beispiellosen Appetit der Russen zeigt aber auch folgende Wette.
Ein Fischpächter der Wetterau hatte unter seiner Beute einen fünf Pfund schweren Fisch gefangen. Er sitzt mit seinen Kameraden beim Glas Bier, man spricht von dem und jenem und schließlich auch von den Russen.„Ich wette,“ sagt der Pächter,„daß der eine bei mir beschäftigte deutsch⸗ sprechende Russe den Fisch auf einen Sitz verzehrt.“ Die Wette wird sofort ausgeführt, der Russe geholt und der Pächter sagt ihm, daß er einen ganzen Fisch von fünf Pfund Schwere essen soll. Der Russe nickt vergnügt und wartet der Dinge, die da kommen sollen. Um den Fisch aber schmack⸗ hafter zu machen, ward er zerlegt, zum Teil gekocht, ein Teil gehackt und zum Teil gebraten und so stückweise dem Russen vorgesetzt. Dieser aß fest drauf los, guckte aber häufig scheu nach der Tür, und als es dem Ende zuging, rief er den Pächter beiseite und meinte ernsthaft:„Wenn aber jetzt der Fisch nicht bald kommt, dann packe ich ihn nicht mehr.“ z.
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* Auszeichnungen. Dem Korpsführer der Kapelle des 116. Iufanterie-Regiments, Hoboist W. Girod, wurde die Hessische Tapferkeitsmedaille verliehen.— Der Hoboist; W. Müller II. wurde mit dem Eisernen Kreuz aus⸗ gezeichnet. a a i. 5
L. U. Eine Uebersicht über die Studieren⸗
in Wirklichkeit habe es aber damit die Grun bedingung zum
Zusammenbruch seiner Weltmachtstellung gegeben, denn nun
den unserer Universität zeigt folgendes Ergebnis: Im vorigen Halbjahr waken aufgeführt 158 Hessen, 418 Nicht⸗ 0


