Ausgabe 
(13.12.1915) 293. Zweites Blatt
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Ur. 2905 Sweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Kamilienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

General⸗An

105. Jahrgang

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zeiger für Oberhessen

Montag, 18. Dezember 101⁵

i Brühl'schen Rotationsdruck und Verlae der 0 Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckeren Schul.

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist.

leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

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Uriegsbriefe aus dem Westen.

Von unserm Kriegsberichterstatter. Unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten)

Musterung in Feindesland. Cam 7. Dezember.

Lucien, der schöne junge Mann, der jeden Tag eine neue Kra⸗ vatte aus seiner Mutter Laden über die Boulevards spazieren trug; und Léon, der Eckensteher, der immer mit beiden Händen, in den Hosentaschen am Markt herumlümmelte und sich im Zigaret⸗ tenrauchen und Bogenspucken zur Meisterschaft ausbildete; und Mareel, dessen Tagewerk darin bestand, die Ziege auf die Weide zu führen und einen TopfVolkssuppe nachhause zu tragen: die drei und noch ein paar Hundert andere ihresgleichen lobten den Krieg. Denn wenn Frieden gewesen wäre, so hätte das faule Leben ein Ende gehabt. Sie hätten sich zum Eintritt in das fran⸗ dla Heer stellen müssen, da sie inzwischen das militärpflichtige

lter erreicht hatten. Da hat die Okkupation ihre besonderen Vor⸗ teile. Zwar beschwört die französische Regierung die jungen waffen⸗ fähigen Leute des besetzten Gebietes mit allen Mitteln, sie sollten versuchen, sich dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen. Aber das sind Redensarten. Wenn die französische Regierung auf die Kriegs⸗ begeisterung der von den Deutschen eroberten Departements an⸗ gewiesen wäre, dann hätte sie schon längst Frieden um jeden Preis machen müssen. Außerdem weiß sie ganz genau, daß sie Unmög⸗ liches verlangt, denn die Deutschen sind wachsam.

Da klang plötzlich in Luciens, Léons und Marcels beschau⸗ liches Dasein ein unfreundlicher Mißton. Die Trommel des städti⸗ schen Ausrufers wirbelte an allen Straßenecken:Kund und zu wissen, daß sich die militärpflichtigen jungen Männer auf Befehl der deutschen Behörde morgen früh um 10 Uhr deutscher Zeit auf der Eta ppenkommandantur zu stellen haben. Papiere sind mitzubringen. Die städtische Behörde gibt jedem den guten Rat, dieser Aufforde⸗ rung Folge zu leisten. Jeder wußte sofort, was das zu bedeuten hat, der eine oder andere bildete sich ein, daß die Deutschen, die ihn ja nicht kannten, ihn vergessen würden. Vergebliche Hoffnung. Zu Hause fand er schon einen Zettel:Da Sie zur Jahresklasse 1915 gehören, haben Sie sich usw.

Gestern früh war die ganze Stadt in Aufregung. Einzeln und in Trupps kamen die Gestellungspflichtigen heran, jeder mit einem Koffer oder einem Bündel, oder einem Karton mit Kleidern und Nahrungsmitteln, im Hofe der Etappenlommandantur. Den meisten gaben die Verwandten und Nachbarn das Geleit, aber von der

mmandantur war die Straße abgesperrt, und es durfte nur durch, wer sich ausweisen konnte. Uebrigens erschienen alle mit tadelloser Pünktlichkeit, und als sie in Reih und Glied treten mußten, be⸗ mühten sie sich, in militärischer Haltung zu stehen. Bei solchen Gelegenheiten kommt die alte Zucht, die in dem einst kriegs⸗ berühmten Soldatenvolke steckt, beim Franzosen in erfreulicher Weise zur Geltung. Er unterscheidet sich hierin auffallend von dem Belgier, obwohl der Durchschnittsfranzose sich als körperliches Material mit dem kräftigen Flamen nicht vergleichen kann.

Nachdem der Aufruf ergeben hat, daß die Gestellungspfli tigen vollzählig vorhanden sind: heißt es: Linksum marschl, und unter Führung eines Feldwebels und Bedeckung durch ein paar gemütliche Landstürmer geht es voran, zwischen den zu⸗ sammengeströmten Einwohnern hindurch, die sich nicht anders benehmen, als bei demselben Schauspiel in Friedenszeiten. In der Maschinenhalle einer benachbarten Fabrik findet die Mu⸗

sterung statt. Die Männer entblößen ihre Oberkörper und treten

an den Tisch, wo der Protokollführer ihre Papiere prüft, worauf ein Stabsarzt die gesundheitliche Untersuchung vornimmt. Jeder Name wird aufgerufen, der Betreffende meldet sich mit einem strammen:Présent! Der Arzt prüft das Herz, die gen, sucht nach Bruchanlagen. Alle bestreben sich, so stattlich wis mög⸗ lich auszusehen und versuchen, aus der merkwürdigen Eitelkeit

heraus, die wohl in uns allen steckt, dem Arzte und dem Protokoll⸗ führer zu suggerieren, daß man so einen Prachtkerl nicht un⸗ tauglich schreiben dürfe. Das Ganze erinnert vollkommen an eine Musterung bei uns zu Hause. Man sieht Muskelherkulesse und Tuberkulöse mit eingesunkenen Brustkasten, zarte, durch⸗ scheinende Jüngelchen und Burschen, wie aus Eichenholz ge⸗ meißelt. Und oft ist gerade unter denen einer, den ein ver⸗ borgenes Leiden unbrauchbar macht. Obwohl vorerst noch keiner weiß, wie das Urteil über ihn ausgefallen ist, schließt einer aus den Mienen des Arztes, daß er ihm nicht gefällt. Oho, er sei keinréformé. Wenn der Krieg nicht dazwischen gekommen wäre, wäre er schon Soldat. Er habe sich nur auf Wunsch seiner Mutter zurückstellen lassen. Der Stabsarzt macht den überwachen⸗ den Oberleutnant auf den Fall aufmerksam, der wieder einmal schlagend beweist, um wie viel wahlloser die Franzosen ihr Sol⸗ datenmaterial aussuchen als wir. Der Mann würde bei uns nicht einmal als Armierungssoldat eingestellt. Der Stabsarzt benutzt eine zufällig eintretende kleine Pause, um mir von seinen Erfahrungen mit französischen Gefangenen zu erzählen, unter denen wir immer wieder Leute finden, die einzustellen jeder deutsche Heeresarzt für Mord halten würde. Dahin müsse man einmal als Arzt Einsicht genommen haben, wie in Frankreich der letzte Mann, der kriechen kann, heran muß, um zu beurteilen, wie arg der Krieg die Franzosen trotz ihrer großmäuligen Mi⸗ nisterreden drosselt.

Die Untersuchung geht weiter, die Listen füllen sich. Ich bewundere die Geduld und gleichmäßige Liebenswürdigkeit des Stabsarztes, der nach Beendigung seiner Inspektion jeden ein⸗ zelnen ausfragt, ob er einmal krank gewesen sei, was ihm ge⸗ fehlt habe, ob er Beschwerden fühle. Und nicht minder erstaun⸗ lich ist die Ausdauer und Zuvorkommenheit des Oberleutnants, der den größeren Teil des Krieges an der Front mitgemacht hat. Er prüft die Papiere und die Einsprüche, die da und dort erhoben werden. Der hier wird von seiner Mutter beansprucht, weil er ihr Ernährer ist. Den reklamieren sein Arbeitsgeber oder die städtische Behörde als unabkömmlich. Das wird alles ge⸗ prüft, und wenn es sich als richtig herausstellt, berücksichtigt.

Inzwischen unterhalten sich diejenigen, die nicht an der Reihe sind, über ihr Schicksal. Die meisten sind der Ansicht, daß sie nach Deutschland in ein Gefangenenlager kommen würden. Ein paar frische Burschen betragen sich sehr fröhlich.Man wird Deutschland kennen lernen, eine große Reise machen, im Lager kommen wir wahrscheinlich mit gefangenen Soldaten zusammen, die uns vom Kriege erzählen. Einer meint:Es wird aber lange dauern, bis wir wieder hierher zurückkommen. Denn es sieht, meiner Treu, nicht nach baldigem Frieden aus.Aber, tröstet ein anderer,wir haben auf alle Fälle Glück. Besser im Gefangenenlager dem lieben Gott die Zeit stehlen, als sich auf dem Kasernenhof vom Unteroffizier schleifen lassen. Denn, daß Ihr es wißt, diese Zeit, wo wir deutsche Gefangene sind, muß uns von Frankreich als Militärdienst angerechnet werden.Ist das wirklich wahr? zweifelt ein anderer.Aber gewiß, das ist internationales Völkerrecht, macht sich einer wichtig.Frank⸗ reich muß uns sogar für die ganze Zeit den Sold nachbezahlen, den wir als Söldaten bekommen hätten.

Inzwischen ist die Untersuchung zu Ende. Ziemlich ein Drikkel der Gestellungspflichtigen ist als untauglich befunden oder als un⸗ abkömmlich anerkannt worden. Sie werden aufgerufen, nochmals mit der Liste verglichen und dürfen dann nach Hause gehen. Sie nehmen ihre Bündel, wünschen einigen Bekannten unter ihren Altersgenossen gute Reise und verschwinden flink durch das ge⸗ öffnete Tor.

Draußen begrüßt sie eine große Menge von Einwohnern, die sich wieder vor der Postenkette angesammelt und stundenlang gedul⸗ dig gewartet haben. Wer den Seinigen wieder hat, schätzt sich glücklich, und in lachenden Gruppen zieht man nach Hause, gefolgt von den neidischen Blicken derer, deren Jungengenommen wor⸗

g 5 5 25 3 3 O, sehr lie⸗ den sind. Die Befreiten müssen erzählen, wie es war. D, 8 e 1 die Deutschen. Sehr zuvorkommend. Das er kennen alle an. 1

Nur nicht drängeln! Einer nach dem anderen, immer in Gruppen zu zehn! 1 väterlich der breite een der die Schar der Einwohner in Reih und Glied aufstellt. 1 nun dürfen die Angehörigen noch einmal Abschied i. leicht Abschied auf lange Zeit. Einer der ersten, der in 5 e eintritt, ist der katholische Ortsgeistliche. Er hat für je 3 65 munteres Wort.Kopf hoch, das ist Kriegsgeschick. Wer 815 Sol⸗ dat in den Schützengraben muß, der ist schlimmer dran! Einer fragt:Aber Herr Pfarrer, wenn die Deutschen dieses Land ganz einfach als annektiert erklären würden, würde man 5 dann auch einfach in Deulschland behalten und zu deutschen Sol daten machen? Der Pfarrer lächelt.Das könnten die 7 70 schen erst beim Frieden. Dann hättest du noch immer das Recht, dir deine Nationalität zu wählen. Der Frager ist nicht befrie⸗ digt.Aber wenn es die Deutschen doch tun Wenn sie einfach die französischen Ostprovinzen als deutsches Gebiet erklären, wie Elsaß⸗Lothringen? Frankreich würde nicht die Macht haben, uns zu befreien und seine Bundesgenossen noch weniger. Der Pfarrer hat mehr zu tun, als staatsrechtliche Vorlesungen zu halten. Ueberall strecken sich ihm Hände entgegen, von allen Seiten stür⸗ men Bittende und Fragende auf ihn ein und fortwährend muß er in sein Notizbuch schreiben.Und nicht wahr, Pfarrer, besuchen manchmal meine Eltern und sagen ihnen, daß mir nichts Böses geschieht!Herr Pfarrer, lassen Sie es memen Vetter wissen, daß ich nicht mehr Abschied von ihm nehmen konnte. Mütter, Väter, Schwestern umarmen ihre Brüder. Hier ordnet einer noch geschäftliche Dinge, da fällt eine Braut in Schrer⸗ krämpfe, gegen die das brummig⸗gutmütige Zureden eines deut⸗ schen Postens schneller hilft, als die grinsenden Gesichter der an⸗ deren jungen Burschen, die den Schmerz der jungen Dame mit wenig liebenswürdigen Bemerkungen verspotten. Dort versucht sich einer hinter den Rücken der anderen unsichtbar zu machen. Er hat entdeckt, daß ihn drei Bräute auf einmal besuchen wollen und möchte auf die Familienszene gern verzichten. Das Gebot des Feldwebels, nach zehn Minuten das Abschiednehmen zu unter⸗ brechen, befreit ihn von seiner Angst. Es warten draußen noch Hunderte, die alle vorgelassen werden sollen, da kann der Einzelne nicht zu viel Zeit beanspruchen. Noch ein Tücherwinken, ein paar Zurufe, und die neue Gruppe tritt ein. Ein junges Frauchen, fast selbst noch ein Kind, schiebt einen Wagen mit zwer blassem Würmern, den der Posten behutsam über die Torschwelle heben hilft. Die französischen Industriearbeiter heiraten ja oft sehr früh, viele vor der Militärzeit. Der junge Vater macht einen ziemlich blöden Eindruck. Das schwächliche Weibchen hat ihm einen Laib Brot mitgebracht, den er mit auf die Reise nehmen soll.Arme Frau, sagt der Posten und legt das Brot wieder in den Kinder⸗ wagen zurück,behalten Sie ihr bißchen Essen. Ihr Mann kriegt mehr zu essen als Sie, der braucht für nichts mehr zu sorgen. Man übersetzt das der Frau, und nun stellt sich heraus, daß sie srumm ist. Der Mann bringt mühsam den Satz zustande, er ser der Meinung, man habe ihn nicht nehmen dürfen, weil seine stumme Frau ohne ihn hilflos sei. Warum er denn das nicht gesagt habe? Ja, er habe nicht daran gedacht. Der Pfarrer wird herbeigerufen, der soll eine Eingabe machen, daß der Mann wieder freikommt. Dabei stellt sich heraus, daß dieser zwei Bescheinigungen bei sich

Bürgermeister. Aber als er darnach gefragt wurde, hat ernicht daran gedacht. Solchen Leuten ist schwer zu helfen. Nun hat der Pfarrer die Schreibereien.

Man sieht auch weniger rührende Gruppen. Ein Bursche mit gebrannten, in die Stirne geklebten Locken, hält Cercle in einem Kreise von geschminkten Damen, denen der Verlust ihres Be⸗ schützers nicht sehr nahe geht. Er macht ein finsteres Gesicht und überdenkt vielleicht die Zahl seiner Zukunftsgenossen, die ihn

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Gießener Stadttheater.

Der Jux⸗Baron. Posse von Pordes⸗Milo und Hermann Haller. Musik von Hermann Weller.

Diese Posse, die sich allein schon dadurch von der Berliner Operettemware der letzten Zeit abhebt, daß nur drei Autoren 55 ihr Dasein verantwortlich zeichnen, man hat ja schon eine

peretten⸗G. m. b. H. mit sechs Aktionären erlebt, weicht auch

sonst in ihrem Libretto von dem üblichen Liebesgedudel wohl⸗

tuend ab und versucht es mit einem Posseneinfall, der durch sein ehrwürdiges Alter in seiner Wirkung durchaus nicht beeinträch⸗ tigt wird. Eine derartige Idee ist nun einmal nicht tot zu kriegen. Und so läßt man sich lächelnd denn zum so und so vielten Male die Späße vorführen, die ein Landstreicher verübt, aus dem man zum Jux einen Baron gemacht hat. Die Situationskomik, die der geadelte Landstreicher heraufbeschwört, von den Text⸗ dichtern bis zu den letzten Möglichkeiten des Unmöglichen verfolgt, ist denn auch dazu angetan, selbst dem Zurückhaltendsten ein Lachen zu erzwingen. Darum wird der Thaaterkassierer, auch bei den näch⸗ sten Wiederholungen, die Aufführung mit berechtigtem Schmunzeln aufs Gewinnkonto verbuchen können, ohne daß er bei dem Kassen⸗ erfolge moralische oder sonstige Bedenken zu haben braucht. An der durchschlagenden Wirkung der Posse haben auch die Tanzeinlagen ihr gut Teil. Die LiederWenn ein Mädchen einen Herrn hat undKleine Mädchen müssen schlafen gehen hatten dem musika⸗ lischen Erfolge den Weg ja schon längstens gebahnt. Die leicht⸗ flüssigen, gut einprägsamen Melodien wurden im Zuschauerraume von hundert Lippen mitgesummt. Kapellmeister Hermann Wel⸗ ler verlieh ihnen auch den zum Ohre gehenden Schmelz und Ba⸗ lettmeisterin Lina Oldini hatte für die Pantomime dieser Ge⸗ sangseinlagen über das Uebliche hinausgehende Tanzfiguren er⸗ dacht. Eine meisterliche Possenleitung schuf Arthur Eugens als Landstreicher Blaukehlchen und Jurbaron von Kimmel. Sem erster Auftritt mit dem LiedeWer Arbeit kennt und sich nicht drückt, begleitet von dem grotesken Schlottertanze seiner unteren Gliedmaßen, bedeutete für ihn gewonnenes Spiel. Der Erfolg wich denn auch den ganzen Abend über nicht von seiner Seite. Mit der Rolle des jungen Ehepaares, das mit dem Strohmann des Juxbarons seine Flitterwochen schwiegerelternfret erhalten wollte und nun um die Entdeckung von dessen wahrer Art in tau⸗ send Aengsten schwebt, waren Wally Petri und Ernst Ther⸗ ling bedacht. Gesanglich und darstellerisch lösten sie ihre Auf⸗ gabe mit großem Geschick. Herta Zondervan war in Spiel, Tanz und Gesang, zumal aber in dem Lumpenterzett hervorragend. Besonders erwähnt seien noch Else Jüngling, Rudolf Goll, der auch die Spielleitung in Händen hatte, Walter Strom und Albert Stettner. g Z.

Aus der Todesstunde desBouvet.

Daß in den großen Dardanellenkämpfen vom März neben zwei englischen Panzern auch ein französischer, derBouvet, gesunken ist, steht noch in frischer Erinnerung. Wie es aber dabei zugegangen ist, war bisher unbekannt geblieben. DieRevue de Paris veröffentlicht nun Berichte einiger Ueberlebender vom Bouvet, die die Katastrophe in packender Weise veranschaulichen. Es war 10 Minuten vor 2, als derBouvet, der sich mit dem 58 Geschwader an der Beschießung der Dardanellenfestungen

Bahr und Schanak beteiligte, beim Einschwenken hinter die feld eine türkischen Mörst geriet,

rserbatterie

1

deren Bomben zunächst tzwischen 50 und 10 Metern zu kurz fielen, dann aber ihr Ziel erreichten und auf dem Vorderdeck des Panzer⸗ schiffes einen Brand hervorriefen, der jedoch verhältnismäßig schnell gelöscht wurde. Gleich darauf, um 1 Uhr 55, bemerkte einer der einen Panzerturm an der Steuerbordseite befehligenden Leutnants eine Wassersäule, dann schlugen Flammen hervor, denen gelbliche Rauchmassen folgten. Unmittelbar neigte sich der Bouvet um 90 Grad, die Panzertürme wurden durch ihr eigenes Gewicht herausgerissen und glitten einer nach dem anderen in die Wogen, in 55 Sekunden war der eben noch aus allen Geschützen feuernde Schiffskoloß gekentert und verschwand mit dem Bug nach oben in den Wellen. Daß Minengefahr bestand, war seit Stunden an Bord bekannt; bereits kurz nach Mittag waren im Gesichtsfelde des Panzers zwei grau gestrichene Bojen vorübergeschwommen die nur von Streuminen herrühren konnten. Wie als üble Vor⸗ bedeutungen waren dem Schiffe in diesem Gefechte schon vorher Unfälle zugestoßen. Der Oberbootsmann L. befand sich z. B. in einem Panzerturm am Vorderschiff. Kurz nach Wiederbeginn der Beschießung traf eine Granate das Ventil des Marbec⸗Apparates, der die sich beim Schuß entwickelnden giftigen Gase zerstreut; das Feuer wurde trotzdem fortgesetzt. Beim fünften Schuß brachen vier Mann der Bedienungsmannschaft zusammen, im selben Augen⸗ blick sank der Ausguck haltende Schiffsleutnant von seinem Sitze in die Arme des Telephonisten. Während der rasch herbeigeholte Arzt die erste Hilfe leistete, läßt sich im Turm plötzlich eine sechs bis sieben Sekunden währende Erschütterung spüren; L. glaubt zunächst, eine große Granate habe getroffen, muß sich aber bald eines anderen überzeugen, als er auf Backbord geschleudert und gleich darauf nach Steuerbord gestoßen wurde. Er verläßt den Turm, eilt in das Zwischendeck, läuft durch den Panzerturm an Backbord und findet sich gleich darauf auf der Kiellinie des Schiffes stehend, das bereits horizontal auf dem Wasser liegt. Einige Leute stürmen von hinten, wo die Explosion erfolgt ist, nach vorne, um sich von dort aus in die See zu stürzen; L verfucht, sich die Schuhe auszuziehen, hat aber nur noch Zeit, sich vom Rumpf in die Wogen hinabgleiten zu lassen, um sich schwimmend zu retten und den entstehenden Strudel zu vermeiden. Er konnte sich an zwei Ruderstangen anklammern und wurde von einem der eilig herandampfenden englischen Patrouillenbobte aufgenommen. Dra⸗ matischer gestaltete sich das Schickfal des Bootsmannes Q, der im Augenblick der Explosion gleichfalls in einem Panzerturme Dienst tat. Da sein Geschütz gerade nicht tätig war, spürte er deutlich eine von Steuerbord nach Backbord fortschreitende Erschütterung, die das ganze Schiff emporhob, als sei es auf einen Felsen ge⸗ stoßen. Einen Augenblick blieb er auf dem Sattel des Stückrichters sitzen, dann sprang er auf, lugte durch das Ventil und bemerkte, daß sich das Schiff auf die Seite legte. Sofort rief er seinen Kame⸗ raden zu:Eine Mine! Wir gehen unter! und versuchte mit drei Anderen die Ausgangstür zu öffnen, die aber bereits versperrt war. Die in der Decke befindliche Notluke wollte ebenfalls nicht aufgehen; mit unmenschlicher Anstrengung gelang es Q. trozdem, den schweren Deckel zu heben, er zwängte sich hindurch, reichte einem sich nachdrä Kameraden die Hand und stürzte dann nach vorn. Die Schornsteine tauchten bereits ins Wasser; trotzdem besaß Q. noch die Geistesgegenwart, Hemd und Hose abzustreifen; gleich darauf glitt er auf dem die Kiellinie desBouvet bedecken⸗ den Moose aus und fiel ins Wasser. Der Strudel des unter⸗ gehenden Schiffes zog ihn hinab; bald wurde er wieder an die Oberfläche gestoßen, er sah den Himmel, glaubte sich verloren, faßte aber doch noch eine vorübertreibende Hängematte, mit deren Hilfe er sich zwei Minuten über Wasser hielt. Dann griff er nach einem das mehr Widerstand zu bieten schien, und

fünf Minuten später, als ihn seine Kräfte bereits zu verlassen drohten, gelang es ihm, an ein englisches Rettungsboot heran⸗ zuschwimmen, das ihn nach demGaulois brachte, den er aller⸗ dings kurz darauf auch verlassen mußte, weil dieser gleichfalls zu sinken drohte. Von 721 Mann, aus denen sich die Besatzung des verschwundenen Panzers zusammensetzte, hatten sich nur 51 Mann, davon 5 Offiziere, retten ee,

Der Lußzientag(13. Dezember). Zn den Heiligen⸗ Gedenktagen der vorweihnachtlichen Zeit, die mit allerlei volks⸗ tümlichen Bräuchen verknüpft sind, gehört auch der auf den 13. Dezember fallende Gedenktag der heiligen Luzia und dessen Vorabend. Im Böhmerwald geht noch heute an diesem Tage eine vermummte Gestalt, Frau Luz, umher; sie zeigt sich ge⸗ wöhnlich als Ziege mit einem übergebreiteten Tuch und hindurch⸗ gesteckten Hörnern. Die Kinder werden von ihr zum Beten er⸗ mahnt; an die guten verteilt sie Obst, den schlimmen droht sic, den Bauch aufzuschlitzen und Stroh und Kieselsteine hineinzulegen. Jenes hat sie vom heiligen Nikolaus, dieses von Frau Perchta entlehnt, die am Tage der heiligen drei Könige(6. Januar) um⸗ geht. Die Nacht gehört zu den sog. Rauhnächten oder Rauch⸗ nächten. Die Hausfrau legt Holzkohle, Weihrauch und Holz vom Schlehenstrauch in eine eiserne Räucherpfanne, zündet dies an und geht damit an der Spitze des gesamten Gesindes durch das ganze Haus. Bei diesem Zuge spricht jeder nach einem Vaterunser den Spruch:

Voarn Drudendruga, Hegsuhoagsen,

Daiflsbroazen, Zauwrafoagsen

Bischitz mich d' halche Luzie,

Bis ich muaring fruh dafsteh! (Vor Drudendrücken, Hexenfüßen, Teufelspfoten, Zaub'rersmach⸗ werk beschütz' mich heilige Luzie, bis ich morgen früh aufsteh'). Die Luziennacht ist ferner gleich der Andreasnacht(30. November) und der Thomasnacht(21. Dezember) eine Orakelnacht, in der man unter den bekannten auch am Silvesterabend üblichen Bräuchen die Zukunft befragt. In den westlichen Landschaften Schwedens ist der Luzientag ein noch eifrig gefeiertes Vorspiel des Weih⸗ nachtsfeste s. Es herrscht dort an diesem Tage die Sitte, daß ein weißgelleidetes Mädchen, das eine mit brennenden Kerzen besteckte Krone auf dem Haupte trägt, die schlafenden Hausbewohner in der frühesten Morgenzeit weckt und ihnen Kaffee an das Bett bringt. Sobald man sich angekleidet hat, versammelt man sich 3u einem frühen fröhlichen Frühstück. Ohne Zweifel spielt ber diesem Brauch die Gelehrsamkeit hinein, da der Name Lucia von dem lateinischen Worte lux, lucis(Licht) abzuleiten ist. In früheren Jahrhunderten wurde der Luzientag als Schlußtag des Herbst⸗ semesters in den schwedischen Schulen viel gefeiert. Im Volks⸗ glauben ist Lucia augenscheinlich mit Lilith in Verbindung gebracht worden, sie gilt hier als Mutter der Unterirdischen, der Wichte und Kobolde. Auch heißt es, daß die Luziennacht die längste Nacht des Jahres ist; man schließt daraus, daß die Gebräuche, die sich an diesen Tag knüpfen, einer Zeit entstammen, in der infolge der Ungenauigkeit des julianischen Kalenders dis Wintersonnenwende wirklich auf den 13. Dezember fiel. Den Barbarazweigen, die man in vielen Gegenden Deutschlands am Barbaratage(4. Dez.) von e e abschneidet, um sie in Wasser an den Ofen zu stellen, so daß sie zu Weihnachten aufblühen, entsprechen in Meran und anderen Gegenden Südtirols die Luzienzweige. Diese brauchen, um am Weihnachtstage zur Blüte zu gelangen,

hier des südlichen Klimas wegen erst erheblich später geschnitt⸗ zu werden. 1

Herr Pfarrer, Sie

hat, eine von einem französischen Arzte und die andere von seinem

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