Ausgabe 
(13.12.1915) 293. Erstes Blatt
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Nr. 293

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Familienblätter; wermal wöchentl. Kreis⸗ latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche Seitfragen Fernsprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsstelleß l Adresse sür Drahtnach- richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Abend vorher.

165. Jahrgang

General-Anzeiger für Obe

Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und druckerei: Schulstr. 7. Beck, sämtlich in Gießen,

Montag, 15. Dezember 1915

Bezugsprei? monatl. 85 Pf., viertel⸗

A ährl. Mt. 2.50; durch Abhole- u. Zweigstellen 44 monatl. 75 Pf.; durch

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Der Rückzug der Entente auf dem Balkan.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 11. Dezember.

(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Auf vielen Stellen der Front lebhafte Tätigkeit der beiderseitigen Artillerien. Nach starker Feuervorbereitung griffen die Franzosen abends unsere Stellung auf und östlich der Höhe! 93(nord⸗ östlich von Souain) erneut an. Der Angriff ist abgeschla⸗ gen. Die Stellung ist genau so fest in unserer Hand, wie sie uns auch durch die kühnsten gegenteiligen Behauptungen in den französischen Tagesberichten der letzten Zeit nicht hat ent⸗ rissen werden können.

Oestlicher Kriegsschauplaß. Die Lage bei den Heeresgruppen der Generalfeldmarschälle

v. Hindenburg und Prinz Leopold von Bayern ist unverändert.

Heeresgruppe des Generals v. Linsingen.

Ein russischer Angriff brach nördlich der Eisenbahn Kowel Sar ny verlustreich vor der österreichisch-unga⸗ rischen Linie zusammen.

Nördlich von Czartorysk wurden auf das west⸗ liche Strijꝓ⸗Ufer vorgegangene Aufklärungsabteilungen des Feindes wieder vertrieben.

Balkan⸗Kriegsschauplatz. Keine wesentlichen Ereignisse. Ueber die bulgarischen Armeen liegen neue Nachrichten

noch nicht vor. Odberste Heeresleitung. (WTB.) Großes Hauptquartier, 12. Dezember. (Amtlich.) 25 Westlicher Kriegsschauplatz.

Oestlich von Neufchatel(südwestlich von Lille) schei

terte vor unserem Hindernis der Versuch einer kleinen eng⸗ lischen Abteilung, überraschend in unsere Stellung ein⸗ zudringen.

In den Vogesen kam es zu vereinzelten Patrouillen⸗ Gefechten ohne Bedeutung.

Oestlicher Kriegsschauplatz. Schwächere russische Kräfte, die in Gegend des War⸗ sung⸗Sees(südlich von Jakobstadt und südlich von Pinsk) gegen unsere Stellungen vorfühlten, wurden zurückgewiesen.

Balkan⸗Kriegsschauplatz.

Den in den albanischen Grenzgebirgen ver⸗ folgenden österreichisch⸗ungarischen Kolonnen fielen in den beiden letzten Tagen über sechstausend fünfhundert Gefangene und Versprengte in die Hände. Zwischen Rozaj, das gestern genommen wurde, und Ipek hat der Feind vierzig Ge⸗ schütze zurücklassen müssen. l

Nach entschei denden Niederlagen, die die Armee des Generals Todorow in einer Reihe kühner und krüftiger Schläge während der letzten Tage den Fran⸗ zosen und Engländern beibrachte, befinden sich diese in kläglichem Zustande auf dem Rückzuge nach der griechischen Grenze undüber dieselbe. Die Ver⸗ luste der Feinde an Menschen, Waffen und Material aller Art sind nach dem Berichte unseres Verbündeten außer⸗ ordentlich schwer.

5 1 Oberste Heeres leitung.

8 2 e

5 5*

Die Siege der Bulgaren haben nach den letzten über⸗ einstimmenden Berichten der deutschen und bulgarischen Heeresleitung die Teilniederlagen der Franzosen und Eng⸗ länder in den vollständigen Zusammenbruch der Orientarmee verwandelt. Nachdem in dreitägigen Kämpfen der linke Flügel von den Bulgaren schwer aufs Haupt geschlagen worden war, begann der bereits von den Feinden eingestandene Rückzug gegen die griechische Grenze. Inzwischen hat auch den rechten Flügel der Franzosen und Engländer das Schicksal ereilt. Auch hier konnten die Alliierten dem bulgarischen Bajonettsturm, der aus den Balkankriegen her noch einen besonderen Ruf hat, nicht standhalten. Aus den Berichten der Gegner über die Lage am Balkan weht die ganze Hoffnungslosigkeit, die nach solchen Schlägen zu erwarten ist. General Sarrail, der noch vor wenigen Tagen die zuversichtlichste Haltung zur Schau

getragen hat, ist nach Magrinis Bericht nicht mehr hoffnungsvoll, sondern verbittert, wenn auch ent⸗ schlossen Gegen den dem griechischen Gebiete zu⸗

nächstliegenden Flügel der Ententestellungen am Doiran⸗ See richten sich nach 9 Londoner Meldungen umfassende Angriffe der nachsetzenden Bulgaren. Der Rest der Alliierten befindet sich nach dem deutschen Bericht in kläglichem Zu⸗ stande auf dem Rückzuge nach Griechenland. Das läßt es verstehen, wenn die Londoner Blätter in den letzten Tagen besonders eifrig das griechische Problem diskutieren und die Schwierigkeiten besprechen, die in der ungewissen Haltung Griechenlands liegen. Soll doch Prinz Andreas die Truppen der Entente öffentlich als Geisel bezeichnet haben. Das mag Sarrail wenig ermutigend in die Ohren klingen. Griechische Offiziere sollen gar davon gesprochen haben, daß der Angriff auf die Alliierten vor der Tür stehe. Dazu stimmt einigermaßen die Meldung, wonach die Engländer über Saloniki, das nunmehr vom Hauptkampfplatz nur knapp 50 Kilometer entfernt liegt, den Belagerungszustand ver⸗ hängt haben. Ueber die Haltung der Bulgaren gegenüber

den griechischen Grenzpfählen liegt eine neue Nachricht nicht vor. Das einstweilige Ergebnis dieses neuesten Fiaskos der Entente ist der nie zu löschende Eindruck, daß es sich um eine politisch und militärisch nicht wieder gut zu machende Kata- strophe handelt, die sich zwei Großmächte bei einem Klein- staat holten, den zu bestrafen sie ausgezogen waren. Wollen es die Engländer und Franzosen nun wirklich darauf ankommen lassen, wollen sie die Balkanblamage zur Bal⸗ kankatastrophe werden lassen? Man weiß, daß sowohl Kitchener wie Sarrail für die Aufgabe dieses Abenteuers sind, während die englische und französische Regierung sich aus Gründen des Prestiges nicht entschließen können, 985 die Liquidierung des Saloniki⸗ Unternehmens die Balkan⸗ pleite offen einzugestehen. Ihre letzte Hoffnung ist, Grie⸗ chenland durch Drohung mit offener Gewalt zur Deckung und Rettung ihrer Aktion zu zwingen. Aber die Drohungen verfangen nicht mehr, denn die Griechen haben als Faust⸗ pfand die französisch-englischen Truppen, und die Stimmung ist im Lande so umgeschlagen, daß die Hoffnung auf die Neu⸗ wahlen und Veniselos schon jetzt als eitel bezeichnet werden kann. So steht die Entente, während die vorsichtig fernge bliebenen Italiener sich ins Fäustchen lachen, vor der schwe⸗ ren Wahl: Balkanblamage oder Balkankatastrophe?

* 2

* Die österreichisch⸗ungarischen Tagesberichte.

Wien, 11. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart:

Russischer Kriegsschauplatz. Bei Czartorysk haben wir russische Aufklärungs⸗ abteilungen vertrieben. Sonst Ruhe an der ganzen Front.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Geschübkämpfe in Judicarjen dehnen sich nun auch auf den Raum westlich des Chiese-Tales aus. Im Abschnitte zwischen diesem und dem Concei⸗Tal wurden unsere vorgeschobenen Posten auf dem Monte Vies vor über⸗ legenen feindlichen Kräften zurückgenommen. Schwache An⸗ griffe der Italiener in den Dolomiten gegen den Sief⸗ Sattel, im Gör:ischen gegen den Nordhang des Monte San Michele wurden abgewiesen.

Südöstlicher Kriegsschauplatz. In den Nachhutkämpfen auf montenegrinischem Gebiet wurden neuerlich über 400 Gefangene ein⸗

gebracht. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Ereignisse zur See.

Am 10. Dezember nachmittags hat ein Geschwader unserer Seeflugzeuge in Ancona Bahnhof, Elek⸗ trizitätswerk, Gasometer und militärische Objekte sehr erfolg⸗ reich mit Bomben belegt. Trotz des Schrapnellfeuers aus mehreren Geschützen und der sehr ungünstigen Witterung sind alle Flugzeuge unversehrt eingerückt.

Flottenkommando.

Wien, 12. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 12. Dezember 1915.

Russischer Kriegsschauplatz. Stellenweise Geschützfeuer. Keine besonderen Ereignisse.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Im Abschnitte der Hochfläche von Doberdo griff eine italienische Infanteriebrigade unsere Stellungen südwestlich von San Martino an. Sie wurde zurückgeschlagen und erlitt große Verluste. Sonst herrschte an der ganzen Südwest⸗ front, von vereinzelten Geschützkämpfen abgesehen, Ruhe. Auch in den Judicarien hat die Tätigkeit des Feindes nachgelassen.

Südöstlicher Kriegsschauplaßz.

Unfere Offensive gegen Nordost⸗Monte⸗ negro führte gestern zur Besetzung von Korita und Rozaj und zu Nachhutgefechten zwölf Kilometer westlich von Ipek. Wir brachten in diesen erfolgreichen Kämpfen 6100 Gefangene ein und erbeuteten im Gelünde zwischen Ipek und Rozaj 40 serbische Geschütze.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

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Der bulgarische Sieg über die Entente⸗Truppen.

Sofia, 11. Dez. Amtlicher Generalstabs⸗ bericht vom 9. Dezember. Unsere Verfolgung zu beiden Seiten des Vardar und südlich von Kosturino dauert fort. Die Engländer und Franzosen leisten mit starker Ar⸗ tillerie und zahlreichen Maschinengewehren auf jeder Stel⸗ lung verzweifelten Widerstand. Da sie jedoch den starken Druck unserer Truppen nicht gushalten können, verlassen sie rasch ihre Stellungen und gehen zurück. Unsere an beiden Ufern des Vardar verfolgenden Kolonnen haben bereits den Südausgang des Engpasses bei Demirkapu verlassen und sind südlich von der Bahnstation Mirooce angelangt. Am

rechten Vardarufer machten wir Gefangene von den fran⸗ zöͤsischen Regimentern 421, 148, 48 und 84. Unsere südlich von Kosturino vorrückenden Truppen erreichten den sozlu⸗ dare⸗Fluß und besetzten die Dörfer Calkali, Tartarei, Ra⸗ brovo, Valandovo und Hudovo, woselbst der Standort des Hauptquartiers von General Sarrail war. Die Franzosen haben die Bahnhöfe von Hudovo und von Mirooce in Brand gesteckt. Wir erbeuteten von den Franzosen beim Bahnhof Hudovo 500 Kisten Patronen, viel Proviant und Sanitätsmaterial sowie viel anderes Material, beim Bahn⸗ hof Mirooce 30 000 Kilogramm Weizen, Fässer mit Kokos⸗ butter. Wein und vieles andere, ferner von den Englündern fünf Maschinengewehre und viele Gewehre. In den feind⸗ lichen Stellungen sind zahlreiche Gewehre, Telegraphen⸗

material und Kriegsmaterial verstreut liegen geblieben, in

den englischen Stellungen eine Menge Bettdecken. Unsere Verluste sind unbedeutend, die des Gegners un⸗ geheuer. Das Kampffeld ist besät mit englischen und fran⸗ zösischen Leichen und zurückgelassenen Verwundeten, von denen viele seit drei bis vier Tagen nicht verbunden sind. Sie erzählen, daß ihre Aerzte schon bei Beginn der Kämpfe davongelaufen seien. Bei ihrem Rückzuge nahmen die Engländer und Franzosen die ganze Bevölkerung mit sich. An der serbischen Front rücken unfere Truppen nach der Einnahme von Ochrida am Nordufer des Ochrida-Sees gegen Struga vor. Die östliche Hälfte der Stadt am rechten Ufer des Drin ist bereits in unseren Händen. Der Gegner hat die Brücke in der Stadt zerstört und leistet auf dem linken Fluß⸗ ufer Widerstand.

Sofia, 12. Dez.(WTB. Nichtamtlich) Nachtrag zum amtlichen Bericht vom 9. Dezember. In Ochrida sanden unsere Truppen eine unbeschreibliche Aufnahme.

ch Die ganze Bevölkerung der Gladt war unter Führung ihrer Priester unseren Truppen entgegengegangen, die sie

mit Blumen und grünen Kränzen überschütteten. Die Ein⸗

wohner vergossen Freudentränen bei dem Anblick unserer 21

Soldaten. Der Rückzug der Verbündeten.

Genf, 13. Dez. In Sarrails heutigen 72

Depeschen fehlt abermals jede Ortsangabe, doch vermutet die Fachkritik, daß sich

die Franzosen südöstlich Mirvvae gegen Ischiklur zurück⸗ ziehen, um mit den von Dorian gegen Süden sich zurück⸗ konzentrierenden Engländern zusammenzutreffen.

Wien, 13. Dez Aus Athen wird gemeldet: Nach einem zuverlässigen Bericht haben die englisch-französischen Tru ppen⸗ transporte von Saloniki nach dem Norden an die Front vollständig aufgehört. Es wird hier viel bemerkt und als Gaarekler er Beweis für den Mangel an Männern bei den Engländern angesehen, das sie Abgesandte nach Albanien geschickt haben, die Albaner für den englischen Dienst anwerben

sollen. Die bulgarische Offensive.

Rotterdam, 13. Dez. DerNieuwe Rotterdamsche Cou⸗ rant meldet aus Sofia: Nach der Eroberung von Gradecz ist der südliche Zipfel des Demir Kapu⸗Passes ganz im Besitze der Bul⸗ garen. Dadurch wird ein neuerlicher Versuch der Entente⸗ truppen, in Serbisch⸗Mazedonien einzurücken, unmöglich. Die ausländischen Offiziere bei dem bulgarischen Heere loben einstim⸗

mig die vom Oberbefehlshaber Iskow selbst geleiteten Operationen 3

und rühmen diese als ein strategisches Meisterstück, und eine großartige Leistung der Truppen, die mit Schneidigkeit und Mut ohnegleichen ausgeführt wurde.

Saloniki im Verteidigungszustand. Rotterdam, 13. Dez. Einer Athener Meldung aus französischen Blättern zufolge, soll Saloniki von den Ententetruppen in Verteidigungszustand versetzt werden. Ueber die bisher noch schwebenden Verhandlungen der Entente mit Griechenland sollen die Verhandlungen in günstigem Sinne fortschreiten.

Gefangenen⸗Verluste der Entente.

Wien, 13. Dez. Aus Sofic wird gemeldet: Die von den Bulgaren bisher gemachten englisch⸗französischen Ge⸗ fangenen im Gerna⸗Vardar⸗Gebiet nähern sich jetzt 20 000 Mann.

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Das Echo der Kanzlerrede.

London, 12. Dez.(WTB. e Daily Tele⸗

graph sagt in einem Leitartikel: Die Lage ist voller Ge⸗

fahren und in mancher Hinsicht ernst. Die triumphierende Note in der Rede des deutschen Reichskanzlers über die mili⸗

tärischen und diplomatischen Erfolge der Zentralmächte war nicht

ohne Berechtigung. Die Zentralmächte haben die Schran⸗ ken durchbrochen, die sie einengten. Die Offensive befindet sich in ihren Händen. Die Operationen auf Gallipoli stehen still. Die

Frage der Sicherheit Aegyptens taucht von neuem auf. Auf keinem

Kriegsschauplatz des Orients ist unsere militärische Lage befrie⸗ digend. Nirgends wurde ein Erfolg erreicht. Das Blatt fährt fort: Die Balkanexpedition muß entweder aufgegeben oder nach einem klaren bestimmten strategischen Plan fortgeführt werden. London, 12. Dez.(WTB Nichtamtlich.)Daily News erklärt in einem Leitartikel, daß die Reichstagsdebatte eine große Enttäuschung bilde. Die deutsche Friedens⸗ debatte biete wenig, was Hoffnung erwecken könne. Die Reden der Sozialdemokraten seien nicht ermutigender als die Reden des Reichskanzlers. a 1 f London, 12. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) DieTimes mel⸗ det aus New York: DieNew Porker Staatszeitung und andere deutsch⸗amerikanische Blätter erklären, daß die Rede des Reichs⸗ kanzlers dem Präsidenten Wilson Gelegenheit gebe,

seine Vermittlung anzubieten. Sie dringen in den Präsi⸗ denten, die Gefühle der Verbündeten zu ignorieren und alle Krieg⸗

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